Geldanlage Wie Tageszeitungen Lemminge züchten

Wenn die Kurse fallen, Aktien kaufen. Mit derartigen Weisheiten versuchen viele Medien, ihre Leser zu ködern. Doch der Weg der Lemminge bis zur nächsten Klippe ist nicht weit.

Von Bernd Niquet


GMS

An den Börsen gibt es nur eine einzige Gesetzmäßigkeit, auf die man sich wirklich verlassen kann; und die lautet: Es gibt keine Gesetzmäßigkeiten. Die Anleger von heute sind jedoch anscheinend völlig anderer Meinung. Sie haben durch das ständige Trommelfeuer der Börsenmagazine, Anlegersendungen im Fernsehen und sogar der ansonsten sehr seriösen Tageszeitungen mittlerweile die sehr gefährliche Botschaft verinnerlicht: Alle Kursrückgänge sind tolle Kaufgelegenheiten.

Würde es sich hierbei tatsächlich um ein "ehernes Börsengesetz" handeln, dann bräuchten wir die Börse überhaupt nicht. Denn dann wüssten wir, dass die Optimisten sowieso immer Recht und die Pessimisten immer Unrecht hätten und die Kurse folglich bis zum Jüngsten Tag immer nur noch ansteigen könnten.

Weltliche Weisheit lehrt uns jedoch, dass dem nicht so ist, sondern dass auch der schönste Aktienmarkt durchaus von einer langwierigen Krise befallen werden kann. Der Anstieg der Ölpreise, den wir gegenwärtig beobachten, könnte durchaus eine langjährige Baisse einläuten - oder zumindest eine sehr nervzehrende Anpassungszeit an die veränderte Lage.

Ich persönlich bin zwar nicht dieser Meinung, aber dennoch ist äußerste Wachsamkeit angesagt. Und wie immer in Zeiten erhöhter Wachsamkeit sind defensive Aktien das beste Investment. "Defensiv" bedeutet auf jeden Fall "konservativ bewertet".

Was die ansonsten sehr konservative Tageszeitung "Die Welt" Anfang der Woche in ihrem Finanzteil ausgeführt hat, ist jedoch das genaue Gegenteil einer derartigen Strategie. Denn unter der Headline "Goldene Zeiten für Schnäppchenjäger" finden wir die Charts der Neue-Markt-Unternehmen Aixtron und Intershop sowie ein Sammelsurium von positiven Analystenstimmen zum Kauf dieser Aktien.

Was völlig verschwiegen wird, ist die Bewertung dieser beiden Aktien. Intershop besitzt derzeit eine Marktbewertung von 7 Milliarden Euro und hat letztes Jahr einen Umsatz von 46 Millionen Euro bei einem Verlust von 18 Millionen Mark erzielt. Dieses Jahr soll allerdings die Gewinnschwelle erreicht werden, wobei sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 3639 ergibt. Das heißt, auf Basis der Gewinne dieses Jahres reicht der Gewinnhorizont weiter als bis in das Jahr 5000.

Aixtron ist zwar etwas dezenter bewertet, im Vergleich zur historischen Normalität jedoch ebenfalls wie eine Tulpenzwiebel. Man kann also durchaus gespannt sein, wer von uns so alt werden wird, die Amortisation einer derartigen Investition noch zu erleben. Natürlich handelt es sich bei beiden um ausgezeichnete Unternehmen, doch in der gegenwärtigen Marktsituation Anlegern derartige Investments schmackhaft zu machen, ist entweder dumm oder verwerflich.

Gut beraten scheinen derzeit diejenigen, die solchen Schund nicht lesen, sondern sich an konkreten Zahlen orientieren. DaimlerChrysler beispielsweise besitzt nicht wie Intershop eine Marktkapitalisierung von über 15.000 Prozent des Umsatzes, sondern nur von 30 Prozent. Zudem macht die Firma satte Gewinne und wird überproportional an der Euroschwäche verdienen. Dies findet seinen Niederschlag in einem KGV von 8,2.

Wer also heutzutage Intershop kauft und DaimlerChrysler links liegen lässt, hat den Klammerbeutel verdient.



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