Geldpolitik Notenbank forciert Kampf gegen die Kreditklemme

Die Europäische Zentralbank greift im Kampf gegen die Wirtschaftskrise zu außergewöhnlichen Mitteln. Um die schwächelnden Geldmärkte wiederzubeleben, lockert ihr Chef Trichet die Bedingungen bei der Kreditvergabe. Selbst einen Leitzins unter der Ein-Prozent-Marke hält er für möglich.


Frankfurt am Main/London - EZB-Chef Jean Claude Trichet greift im Kampf gegen die Wirtschaftskrise zu neuen Mitteln: Die Zentralbank hat die Laufzeiten ihrer Refinanzierungsgeschäfte mit Geschäftsbanken auf zwölf Monate verlängert. Bislang können die Institute sich für maximal ein halbes Jahr Geld bei der EZB leihen.

EZB-Chef Trichet: Frisches Geld für die Banken
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EZB-Chef Trichet: Frisches Geld für die Banken

Mit der Verlängerung soll die Kreditvergabe bei den Geschäftsbanken stimuliert werden. Die längere Laufzeit erhöht die mittelfristige Refinanzierungssicherheit der Banken und zerstreut ihre Sorgen, sich kurzfristig kein frisches Geld beschaffen zu können.

Zudem verkündete Trichet überraschend den Ankauf von auf Euro lautenden besicherten Anleihen wie Pfandbriefen. Es könnten Papiere dieser Art im Wert von rund 60 Milliarden Euro gekauft werden, teilte die EZB am Donnerstag in Frankfurt mit. Im Grundsatz habe sich die Notenbank auf alle Details der Anleihen-Käufe geeinigt. "Damit will Trichet den Pfandbriefmarkt beleben. Das Segment hatte zuletzt große Probleme und lag teilweise am Boden", sagt Michael Schubert, Analyst bei der Commerzbank.

Letztendlich hat Trichet auch eine weitere Absenkung des Leitzinses im Euro-Raum unter den aktuellen Tiefstand von 1,0 Prozent nicht ausgeschlossen. Zwar halte der Rat der Europäischen Zentralbank das aktuelle Niveau für angemessen, sagte er, betonte jedoch auch: "Wir haben nicht beschlossen, dass dies der niedrigste Stand ist, den wir niemals unterschreiten könnten."

Commerzbank-Analyst Schubert erwartet allerdings keine schnellen Zinskorrekturen. "Es wird nicht gleich im Juni die nächste Senkung geben. Dennoch lässt Trichet sich eine Hintertür für weitere Anpassungen offen, vor allem wenn es deflationäre Tendenzen gibt", sagt Schubert. Im Kampf gegen die anhaltende Rezession hatte die EZB den Leitzins am Donnerstag um weitere 0,25 Punkte auf 1,0 Prozent gesenkt - das ist der bisher niedrigste Stand in der EZB-Historie.

Ob es weitere Zinsschritte geben werde, hänge von der wirtschaftlichen Entwicklung ab, erklärte Trichet. Hier sieht die Notenbank "erste zaghafte Anzeichen einer Stabilisierung". Mit einer wirklichen Erholung der Konjunktur im Euro-Raum rechnet die EZB aber nach wie vor erst 2010.

Bank of England druckt mehr Geld

Auch in Großbritannien forcieren die Währungshüter den Kampf gegen die Krise. So lässt die Bank von England (BoE) die Notenpresse noch schneller rotieren. Die britische Notenbank beließ den Schlüsselzins am Donnerstag auf dem bereits im März erreichten Rekordtief von 0,5 Prozent, weitete aber ihr Ankaufprogramm für Anleihen um 50 auf insgesamt 125 Milliarden Pfund aus.

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Für die von der Finanzkrise erschütterte Wirtschaft sieht die BoE ähnlich wie Trichet nicht mehr ganz so schwarz wie bisher: Das Tempo des Abschwungs habe sich etwas verlangsamt, teilten die Notenbanker um Gouverneur Mervyn King mit. Sie wollen nun vorerst nicht mehr an der Zinsschraube drehen. Die Geld- und Haushaltspolitik verleihe der lahmenden Wirtschaft einen erheblichen Schub. Auch der schwache Außenwert des Pfundes sei hilfreich, erklärten die Notenbanker.

suc/Reuters/dpa-AFX



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