Geldpolitik Türkei zieht Notbremse

Die türkische Regierung hat den Wechselkurs der Landeswährung Lira freigegeben. Ministerpräsident Bülent Ecevit hofft, so die schwere Finanzkrise des Landes in den Griff zu bekommen.


Gibt des Wechselkurs frei: Ministerpräsident Bülent Ecevit
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Gibt des Wechselkurs frei: Ministerpräsident Bülent Ecevit

Ankara - Mit der Wechselkursfreigabe wird die bisherige Bindung an wichtige Währungen wie Euro oder Dollar aufgegeben. Damit überlässt die türkische Regierung die Lira den Kräften der Devisenmärkte. Am Donnerstag fiel der Kurs gegenüber dem Dollar prompt um 27 Prozent. Analysten rechnen allerdings damit, dass die Währung bis zu 40 Prozent an Wert verlieren wird und die Inflation im Land von derzeit rund 60 Prozent kurzfristig ansteigen wird. Die türkische Zentralbank kündigte aber eine straffe Geldpolitik an, um den Kampf gegen die Teuerungsrate fortzusetzen. Der Euro könnte von der Freigabe profitieren, wenn Anleger ihre Lira-Depots auflösen und in die europäische Gemeinschaftswährung investieren.

Doch für die Regierung in Ankara gab es zur Wechselkursfreigabe kaum Alternativen. Seitdem ein tief greifender Streit zwischen Ministerpräsident Ecevit und Präsident Ahmet Necdet Sezer am Montag für Schlagzeilen sorgte, schwand das Vertrauen in die politische Stabilität des Landes zusehends. Die türkische Börse erlebte am Mittwoch mit minus 18 Prozent ihren größten Tagesverlust aller Zeiten. Der wichtigste türkische Aktienindex sackte seit Ausbruch der Krise am Montag um fast ein Drittel seines Werts ab. Der Rentenmark brach ebenfalls ein.

Die türkische Zentralbank versuchte, den fixen Wechselkurs der Lira durch Stützungskäufe aufrecht zu erhalten. Mit Spitzenzinssätzen sollte der Lira-Kurs gestützt und die Flucht in den Dollar verhindern werden. Innerhalb weniger Tage schnellten die Zinsen für kurzfristige Kredite von 40 Prozent auf aberwitzige 5000 Prozent hoch.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) begrüßte die Freigabe der Lira und kündigte neue Gespräche mit der türkischen Regierung für diese Woche an. Carlo Cottarelli, der beim IWF für die Türkei verantwortlich ist, werde noch am Donnerstag in Ankara eintreffen, meldete die Nachrichtenagentur Anatolia.

Die Türkei sei noch immer dem mit dem Fonds vereinbarten Wirtschaftsprogramm einschließlich fiskalischer Anpassungen verpflichtet, sagte IWF-Chef Horst Köhler. Ein strikter haushaltspolitischer Kurs sollte bei der Stabilisierung des Wechselkurses helfen und sicherstellen, dass nach einiger Zeit die Inflation zurückgeht.

Der IWF hatte der Türkei im vergangenen Jahr Kredite in Milliardenhöhe zugesagt, die jedoch an Wirtschaftsreformen, Inflationseindämmung und die Haushaltsdisziplin des Landes geknüpft sind. Die Kredite belaufen sich insgesamt auf ein Volumen von rund elf Milliarden Dollar.



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