Gender Pay Gap Die Scheinargumente der Machowissenschaftler

In kaum einem EU-Land ist die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen größer als in Deutschland. Das IW Köln behauptet, Frauen nähmen die Benachteiligung freiwillig in Kauf. Das ist nicht nur falsch - es verstört.
Von Marcel Fratzscher
Arbeitende Männer und Frauen

Arbeitende Männer und Frauen

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Die hitzige Diskussion über das Gesetz der Entgeltgleichheit, das eine Diskriminierung bei Löhnen zwischen Männern und Frauen beheben soll, zeigt, wie befangen die deutsche Gesellschaft ist. Eine neue Studie des IW Köln behauptet, die Ungleichheit der Löhne zwischen Männern und Frauen in Deutschland beruhe zum größten Teil auf "freien Entscheidungen" der Bürger und Bürgerinnen, nicht auf Diskriminierung zwischen den Geschlechtern. Diese Behauptung zeigt ein verqueres Verständnis von Chancengleichheit und Freiheit.

Die Studie des IW Köln stellt, wie andere Studien auch, einen Gender Pay Gap von 21,6 Prozent fest, das ist einer der höchsten Werte in ganz Europa. Frauen verdienen in Deutschland also im Durchschnitt 78 Cent für jeden Euro, den ein Mann verdient. Die Studie "erklärt" den größten Teil dieses Gender Pay Gap durch "freie" Entscheidungen der Frauen.

Genannt werden: eine durchschnittlich geringere Arbeitszeit, weniger Berufserfahrung, schlechtere Qualifikationen, geringere Führungserfahrung und die Erwerbstätigkeit in generell schlechter zahlenden Branchen. Nach Berücksichtigung all dieser "freiwilligen" Faktoren kommt die Studie des IW Köln zur Schlussfolgerung, die wirkliche Lohndiskriminierung zwischen Männern und Frauen in Deutschland würde nur noch 6,6 Prozent betragen.

Erstaunlich: Denn das wäre eine Differenz von 15 Prozentpunkten. In anderen europäischen Ländern beträgt die Differenz nur 5 Prozentpunkte. Sind also deutsche Frauen so sehr anders als europäische? Wohl kaum.

Frauen wählen keine schlechtere Bezahlung, sie bekommen sie

Tatsächlich ist es schlichtweg falsch, die genannten Erklärungen auf "freie" Entscheidungen von Frauen zurückzuführen. Natürlich arbeiten Frauen in Deutschland häufiger in Teilzeit als Männer. Umfragen zeigen jedoch, dass dies für viele nicht ihre eigene, freie Entscheidung ist, sondern auch das Resultat einer unzureichenden staatlichen Infrastruktur für Kinderbetreuung.

Frauen arbeiten in der Tat vorwiegend in Berufen, wie im Einzelhandel oder als Bürokauffrau, die generell geringere Löhne zahlen als die typischen, häufig technischen Männerberufe. Aber auch bei diesem Argument ist es falsch, die Verantwortung auf die Frauen zu schieben. Wissenschaftliche Studien zeigen: Wenn Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in traditionelle Männerberufe vorgedrungen sind, entwickelten sich die Löhne in diesen Branchen besonders schwach. Frauen wählten keine schlechtere Bezahlung, sie bekamen sie.

Besonders skurril ist das Argument, der Gender Pay Gap sei auch darauf zurückzuführen, dass Frauen freiwillig viel seltener in Führungspositionen gelangen als Männer. Auch hier zeigen Studien, dass Frauen selten die gleichen Karrierechancen haben, auch wenn sie die gleiche Motivation und Qualifikation für Führungsaufgaben haben wie Männer. Deutschland schneidet beim Anteil von Frauen in Führungspositionen im internationalen Vergleich besonders schlecht ab. Deutschland sollte sich ein Beispiel an den skandinavischen Ländern nehmen, die zeigen, wie kluge Politik Frauen Karrieremöglichkeiten eröffnen kann.

Armutszeugnis für Deutschland

Das IW Köln behauptet, eine Lohndiskriminierung von 6,6 Prozent sei nicht "statistisch signifikant". Gemeint ist: Der Wert beträgt nicht mit absoluter Sicherheit 6,6 Prozent, er könnte mit einer geringen Wahrscheinlichkeit auch bei 0 Prozent liegen. Der Politik fehle damit die entscheidende Begründung für das Lohngerechtigkeitsgesetz, heißt es in der Studie.

Das ist verstörend. Denn die statistische Unschärfe gilt in beide Richtungen. Die Lohndiskriminierung könnte mit einer geringen Wahrscheinlichkeit auch das doppelte, also 13 Prozent, betragen. Es hängt nur davon ab, welche Zahlen man betonen möchte.

Selbst eine Lohndiskriminierung von 6,6 Prozent würde bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 41.000 €Euro bedeuten, dass eine Frau 2700 Euro €weniger an Gehalt erhält als ein Mann mit ähnlichem Job und Qualifikationen. Sind 2700 Euro €wirklich so gering, dass sie keine Rechtfertigung für ein staatliches Eingreifen sind?

Es ist höchste Zeit, dass wir in Deutschland eine offenere und ehrlichere Debatte zum Gender Pay Gap führen. Eine Gesellschaft, die Diskriminierung zwischen Bürgern toleriert, begrenzt Chancengleichheit, beschneidet Freiheiten und verhindert eine funktionierende soziale Marktwirtschaft.

Der Gender Pay Gap von 21,6 Prozent ist ein Armutszeugnis für Deutschland und beruht nicht nur auf "freien" Entscheidungen der Bürgerinnen und Bürger, sondern vor allem darauf, dass der deutsche Staat seiner Verantwortung - wie durch die Bereitstellung einer besseren Infrastruktur für Familien und die Bekämpfung von Diskriminierung im Arbeitsmarkt - nicht ausreichend gerecht wird.

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Foto: diw

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.