Geräteshow Im Bett mit Microsoft

Software-Riese Microsoft brüstet sich damit, dass immer mehr elektronische Geräte unter Windows laufen. Doch die schöne neue durchdigitalisierte Welt hält einige Enttäuschungen parat.

Von Carsten Matthäus


Strip-Poker: Unfaire Bildschirm-Variante
SPIEGEL ONLINE

Strip-Poker: Unfaire Bildschirm-Variante

London - Eine Frau und vier Männer stehen vor einer Maschine. Die Frau macht Public Relations für Microsoft, die Männer sind Journalisten. Auf dem Bildschirm der Maschine, einem Zwitter aus mehrknöpfigem Bandit und Jukebox, zieht sich gerade eine schöne Asiatin aus.

Gespielt wird eine unfaire Variante des Strip-Pokers, denn nur die Frau auf dem Bildschirm muss sich nackt machen, wenn sie verliert. Nach drei Spielzügen steht sie schon in Höschen und BH da, in der nächsten Runde könnte ein striktes Jugendverbot notwendig werden. Aber dazu kommt es nicht, denn eine andere PR-Frau ist herbeigerauscht und fährt der eigenen Kollegin in die Parade. Schnell drückt sie auf zwei Knöpfe und die Halbnackte verschwindet wieder in den Tiefen des Gerätes.

"Einmalige Show"

Dort drinnen regiert das Betriebssystem Windows XP Embedded, und das ist auch der Grund, warum die Journalisten an diesem Tag nach London geholt wurden. In einer "einmaligen Show" würde man 50 Spitzenprodukte zeigen, Besucher hätten die "exklusive Gelegenheit, sich von dieser Vielfalt zu überzeugen", hatte es in der Einladung geheißen. Das ganze nannte man "Device Alley", was wohl mit Absicht ähnlich klingt wie "Diagon Alley", die Gasse also, in der Harry Potter einmal im Jahr seine Zauber-Utensilien einkauft.


Industrieroboter Kuka: Heute auf Schach programmiert Nähmaschine Artista: Stickmuster per Modem Interaktiver Ergometer: Strampeln und Schießen Multimedia-Küchengerät: DVD schauen beim Abspülen


Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.



In der realen Welt - so die Formel, die Microsoft an diesem Tag verteilt - heißt die Wunderwaffe Windows Embedded. Der Meister selbst hat die Parole ausgegeben. Bill Gates wünscht in seiner "Digital Decade Vision", dass die elektronischen Geräte der Zukunft mit entfrachteten Windows-Systemen ausgestattet werden und dann beliebig miteinander verknüpft werden können.

Das Plakat mit dem Zehnjahresplan-Zitat des übermächtigen Konzernherrn hängt wie der Satz eines großen Bruders am Ende der "Device Alley". Draußen vor der Tür steht ein Kuka-Roboter, besser bekannt als Folter-Werkzeug für James-Bond Gespielin Hale Berry. Heute soll er ganz friedlich mit sich selbst Schach spielen. Drinnen stickt die Nähmaschine Artista 2000 ohne menschliches Zutun einen Hundekopf auf ein Leintuch.

Produktmanager Hartmut Poppinga arbeitet sich derweil für das Publikum auf dem interaktiven Spiel- und Trimmrad Exertis ab. Er muss ohne virtuell zugeschalteten Gegner auskommen. Etwas kurzatmig erklärt er, dass die eigene Spielfigur umso mehr Kraft bekommt, je schneller man tritt. "Connected" könnte man also gleichzeitig seine Muskelkraft und seinen Spielwitz mit anderen Exertis-Nutzern messen.

Das Leben optimieren

Könnte. Was die Manager des Embedded-Teams an diesem Tag in London vorführen, soll irgendwann zu einem "optimierten und verbesserten täglichen Leben führen", sagt Poppinga, als er später wieder zu Atem gekommen ist. Und - das wird nicht öffentlich gesagt - zu einer nahezu unbegrenzten Ausweitung der Macht des Software-Giganten, der im Bereich der Betriebssysteme für Personal-Computer über 90 Prozent des Marktes kontrolliert.

Microsoft-Manager Edwards: "Bei Waffen würden wir zweimal nachdenken"
SPIEGEL ONLINE

Microsoft-Manager Edwards: "Bei Waffen würden wir zweimal nachdenken"

Wäre die Nähmaschine Artista "connected", also per Modem mit der Internet-Seite des Herstellers verbunden, dann könnte der Nähfreund beliebig viele hübscher Muster aus dem Netz laden und damit alle seine Heimtextilien verzieren oder "optimieren". Aber dieser Zauber bleibt den Besuchern verwehrt, wie so manches auf der "Device Alley". Bilder aus dem interaktiven Bilderrahmen heraus zu verschicken ist nicht möglich, und auch der Browser des multimedialen Küchengerätes findet keinen Server.

Aubrey Edwards, verantwortlich für das weltweite Marketing der Embedded-Produkte, lässt sich von solchen technischen Problemen nicht aus der Ruhe bringen. "Wir haben uns vorgenommen, die Software-Plattform für alle Geräte zu bieten", sagt er. Momentan sei man noch in der Phase, dass die Produkte gut alleine funktionieren müssen. In Phase zwei würde man dann für das "better together" sorgen, also die Kommunikation der Geräte untereinander. Bei den möglichen Geräten, in denen er Windows in Zukunft sehen will, macht der Microsoft-Manager bewusst keine Einschränkungen. "Bei Waffen würden wir vielleicht zweimal nachdenken", sagt er und lächelt.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.