Gerüchteküche um VW Beteiligung von DaimlerChrysler nicht ausgeschlossen

Die Gerüchte über eine Überkreuzbeteiligung von DaimlerChrysler und VW brechen nicht ab. Gespräche habe es gegeben, aber ohne Ergebnis, behauptet DaimlerChrysler. Einem Zeitungsbericht zufolge gehen die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen jedoch weiter.


Hamburg - Eines scheint sicher: Wie der Sportwagenbauer Porsche hat auch DaimlerChrysler Gespräche über ein Engagement bei Volkswagen geführt. Das bestätigte eine DaimlerChrysler-Sprecherin. Ob an dem Plan aber noch gearbeitet wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Gespräche zwischen VW und DaimlerChrysler hätten zu keinem Ergebnis geführt, so die DaimlerChrysler-Sprecherin. Der Chef der DaimlerChrysler-Nutzfahrzeugsparte, Andreas Renschler, fügte hinzu: "Wir arbeiten und reden mit denen sehr oft. Alles darüber hinaus ist pure Spekulation."

VW-Produktion in Wolfsburg: "AG Turbo nach dem Motto wir kaufen uns gegenseitig - kaum vorstellbar"

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Ähnlich äußerte sich ein nicht benanntes Aufsichtsratsmitglied von DaimlerChrysler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Eine finanzielle Beteiligung direkt oder überkreuz, das ist Schmarren." Eine Verbindung zwischen den beiden größten deutschen Autokonzernen würde zudem die Kritik an der Deutschland AG neu entfachen. "Deutschland AG Turbo, nach dem Motto, wir kaufen uns gegenseitig - ich bitte Sie."

Nach SPIEGEL-Informationen waren zwischen VW und DaimlerChrysler Gespräche über eine wechselseitige Kapitalbeteiligung geführt worden. Diese sollte bei weniger als 20 Prozent liegen und damit kartellrechtlich wohl unbedenklich sein. Auch wollten beide Seiten keine Vertreter in den Aufsichtsrat des jeweils anderen Unternehmens entsenden, um Interessenkonflikte zu vermeiden.

"Wir stehen seit Jahren in guten Gesprächen"

Die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtet, dass Aufsichtsräte und Vorstand trotz des Engagements von Porsche bei VW weiter über ein solches Beteiligungsmodell diskutieren. Volkswagen solle ein Aktienpaket im Volumen von zehn Prozent des Gesamtkapitals gegen ein Daimler-Aktienpaket von 6,9 Prozent tauschen. DaimlerChrysler wollte entsprechende Gespräche gegenüber der Zeitung nicht bestätigen.

Möglicherweise hänge sogar der plötzliche Rücktritt von DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp im Juli mit den Beteiligungsplänen des Konzerns zusammen, so die Zeitung weiter. Er habe das Vorhaben Kreisen zufolge "sehr kritisch gesehen". Nun seien offenbar Gespräche zwischen den Vorstandsvorsitzenden von VW, Porsche und DaimlerChrysler geplant, die die Möglichkeit einer Dreierbeziehung klären sollen. Auch wenn DaimlerChrysler von dem Vorstoß von Porsche sehr überrascht gewesen sei.

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, VW-Aufsichtsratvorsitzender Ferdinand Piëch: Wiedeking will Posten 2007 übernehmen
DDP

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Das Land Niedersachsen als bislang größter VW-Aktionär machte indes deutlich, dass ein Engagement von DaimlerChrysler bei dem Wolfsburger Autobauer in seinem Interesse läge. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagte: "Die Landesregierung begrüßt das DaimlerChrysler-Interesse an VW. Wir stehen seit Jahren in guten Gesprächen." Vermehrte Kooperationen lägen im Interesse beider Firmen. Niedersachsen ist mit 18,2 Prozent am Stammkapital von Volkswagen beteiligt. Das Land hatte erst kürzlich bekräftigt, dass es einen Anteilsverkauf nicht plane. Nur bei einem Rückzug des Landes aber würde nach Meinung von Experten ein Einstieg von Daimler Sinn machen.

Machtkampf im Aufsichtsrat von VW

Der Einstieg Porsches bei VW führt unterdessen noch zu anderen Turbulenzen: Dem Wolfsburger Konzern droht ein Machtkampf seiner Großaktionäre im Aufsichtsrat. Der Stuttgarter Sportwagenbauer will Ferdinand Piëch auf dem Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei VW belassen und dürfte dabei auf den Widerstand Niedersachsens stoßen. Ministerpräsident Christian Wulff legt großen Wert darauf, dass VW den Corporate Governance Kodex, die Selbstverpflichtung deutscher Konzerne zu guter Unternehmensführung, einhält. Bei strikter Anwendung des Kodexes müsste Piëch von sich aus den Aufsichtsratsvorsitz beim VW-Konzern abgeben, weil nach dem Einstieg von Porsche die Interessenkonflikte zwischen den privaten Unternehmensbeteiligungen Piëchs und seiner Aufgabe als oberster Kontrolleur noch größer werden.

Piëch ist privat sowohl an Porsche als auch an Europas größtem Autohandelshaus, der Porsche Holding, beteiligt, die in vielen Ländern als Generalimporteur für mehrere Marken des VW-Konzerns arbeitet. Piëch will aber auf jeden Fall bis zum Ablauf seines Vertrags 2007 Chef des Kontrollgremiums bleiben. Nach dessen Abgang will Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der zunächst als gewöhnliches Aufsichtsratsmitglied fungieren will, die Funktion übernehmen. Ein juristisches Gutachten bescheinigt ihm, dass dies durchaus möglich ist. Neben Wiedeking soll Porsches Finanzvorstand Holger Härter in den VW-Aufsichtsrat einziehen. VW-Vorstände und -Kontrolleure wollen auf einer Sondersitzung am 10. Oktober über die Folgen des Porsche-Einstiegs diskutieren.



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