Geschäfte mit dem Irak Die Hitparade der Kriegsprofiteure

Auch die Wall Street starrt gebannt auf Washington, wo General David Petraeus heute vor dem Kongress seinen Irak-Bericht abgibt. Denn viele Konzerne profitieren vom US-Engagement - angefangen von den Rüstungsriesen bis hin zum verschwiegenen Private-Equity-Sektor.

Von , New York


New York - Die New Yorker Private-Equity-Firma Veritas Capital jongliert Investments von über zwei Milliarden Dollar. 1992 vom Wall-Street-Banker Robert McKeon gegründet, rühmt sich das Unternehmen einer Dividende, dank derer es "im obersten Prozentsatz aller Private-Equity-Fonds" rangiere.

US-Soldat im Irak: US-Firmen profitieren direkt und indirekt vom Krieg
AFP

US-Soldat im Irak: US-Firmen profitieren direkt und indirekt vom Krieg

Seinen größten Erfolg aber verdankt Veritas dem Irak-Krieg. Die Firma an der Madison Avenue investiert nämlich meist in Rüstungs-, Aerospace- und Sicherheitskonzerne wie Aeroflex, Athena und DynCorp. In ihrem "Verteidigungsbeirat" sitzen Kriegsexperten wie der frühere Vize-Verteidigungsminister Richard Armitage und die pensionierten US-Generäle Barry McCaffrey und Anthony Zinni.

Deshalb starren heute nicht nur Politiker und einfache Bürger auf Washington, wo General David Petraeus vor dem Kongress seinen Irak-Bericht abgibt und damit die künftige Marschrichtung im Irak mit definiert. Auch die Wall Street ist gespannt - denn das Schicksal vieler Konzerne ist finanziell eng an den Irak-Krieg gebunden. Viele profitieren von einem weiteren US-Engagement, angefangen von den Rüstungsriesen bis hin zum verschwiegenen Private-Equity-Sektor - und Veritas Capital.

Die Veritas-Portfoliofirma DynCorp zum Beispiel macht ihr Geld im Irak mit Logistik, Sicherheitsdiensten und Polizeitraining. McNeil Technologies, das Veritas 2004 übernahm, versorgt amerikanische Truppen und Zivilisten mit Dolmetschern. Wornick, ebenfalls seit 2004 im Veritas-Stall, produziert Fertigessen fürs Militär.

Die alte Cheney-Connection

Kein Wunder also, dass Veritas nicht nur bei den Private-Equity-Fonds ganz oben gelandet ist, sondern inzwischen auch auf der Liste der größten Irak-Kriegsprofiteure. Dort rangiert die Firma mit bisher 1,44 Milliarden Dollar an "direktem Irak-Umsatz" auf einem überraschenden Platz zwei - gleich hinter dem erwartungsgemäßen Spitzenreiter, der Halliburton-Tochter KBR.

Zusammengestellt hat diese neue - und in manchen Aspekten verblüffende - Liste das Consulting-Unternehmen Eagle Eye im Auftrag von Michael Brush, einem Kolumnisten der Wirtschafts-Website "MSN Money". Eagle Eye durchkämmte dazu das Federal Procurement Data System, die enorme Datenbank aller Regierungsaufträge an Privatfirmen (Gesamtsumme über 400 Milliarden Dollar). Über zwei Drittel davon werden vom Pentagon vergeben. Eagle Eye filterte alle Irak-Aufträge von Kriegsbeginn 2003 bis 2006 heraus.

Die zehn Firmen, die im Irak am meisten Geld verdienen* (in Millionen Dollar)

Firma 2003 2004 2005 2006 Summe
KBR/Halliburton 2.550 5.809 4.505 4.362 17.226
Veritas Capital Fund 0,7 208 850 386 1.444
Washington Group International 111 205 533 82 931
Environmental Chemical 0 192 360 326 878
International American Products 58 283 310 108 759
Fluor 116 413 123 105 757
Perini 72 312 185 81 650
Parsons 0 248 120 172 540
First Kuwaiti General Trading & Contracting 0 7 469 24 500
L-3 Communications 1 9 148 201 359

* spezifisch für den Irak erstelle Güter und Dienstleistungen. Quelle: Eagle Eye, MSN Money

Platz eins ist keine Überraschung: Halliburtons KBR, mit nach Angaben von Eagle Eye insgesamt 17,2 Milliarden Dollar Umsatz aus spezifisch für den Irak erstellen Gütern und Dienstleistungen seit 2003. KBR ist der größte US-Anbieter von Bau-, Wartungs-, Planungs- und Entwicklungsservices im Energiesektor. Im Irak baut es mit 14.000 Angestellten Soldatenunterkünfte und Stützpunkte, repariert Ölfelder und steuert Logistik- und Infrastrukturprojekte. Allein 2006 kamen, wie der letzte Geschäftsbericht stolz vermerkte, 45 Prozent (4,3 Milliarden Dollar) des gesamten KBR-Umsatzes (9,6 Milliarden Dollar) aus dem Irak.

Nach Veritas folgt auf Platz drei der Ingenieurs- und Baukonzern Washington Group International. Das Unternehmen aus Idaho hält nach eigenen Angaben derzeit Irak-Aufträge über 350 Millionen Dollar, darunter für die Reparatur von Trinkwassersystemen und Stromleitungen, die Installation von Generatoren sowie die Renovierung des Ibn Sina Hospitals in Bagdad. Eagle Eye summiert den bisherigen Irak-Umsatz der Washington Group seit 2003 auf 931 Millionen Dollar.

US-Botschaft in Bagdad - made in Kuweit

Platz vier nimmt das kalifornische Bau- und Ingenieursunternehmen Environmental Chemical (ECC) ein. Im Irak entwirft, baut und renoviert ECC Militärstützpunkte, Schulen, Kläranlagen, Stromwerke und Waffendepots. Irak-Umsatz seit 2003: 878 Millionen Dollar.

Auf Platz fünf liegt International American Products (IAP). Der militärische Versorgungskonzern aus South Carolina begann seinen Irak-Einsatz bereits im Dezember 2002, als er Geländefahrzeuge und Mobiltelefone für das Ingenieurskorps der US-Armee beschaffte. Später kamen Aufträge zum Wiederaufbau des irakischen Stromnetzes hinzu. Bisheriger IAP-Gesamtumsatz im Irak: 759 Millionen Dollar.

Die beliebtesten Vertragsfirmen des US-Verteidigungsministeriums* (in Milliarden Dollar)

Firma 2002 2003 2004 2005 2006 Summe
Lockheed Martin 17 22 20,7 19,4 26,6 105,7
Boeing 16,5 17,3 17 18,3 20,3 89,4
Northrop Grumman 8,7 11,1 11,9 13,5 16,6 61,8
General Dynamics 6,9 8,2 9,6 10,6 10,5 45,8
Raytheon 7 7,9 8,5 9,1 10 42,5
KBR 0,5 3,9 8 5,8 6 24,2
United Technologies 3,6 4,5 5 5 4,4 22,5
Summe aller Verträge 171 209 230.7 269 295 1.174,70

*Quelle: US-Verteidigungsministerium, MSN Money

In ähnlicher Kapazität sind die nächsten drei Unternehmen im Irak tätig: Fluor (757 Millionen Dollar) kümmert sich um die Wasser- und Stromversorgung, Perini (650 Millionen Dollar) sichert US-Kasernen gegen Bombenanschläge ab, Parsons (540 Millionen Dollar) organisiert neue Infrastrukturprojekte.

Die einzige nichtamerikanische Firma auf der Liste ist First Kuwaiti General Trading & Contracting auf Platz 9. Das kuweitische Unternehmen bekommt von der US-Armee oft Aufträge zugeschustert, etwa den Bau eines Divisions-Hauptquartiers im Camp Speicher in Tikrit. Auch sicherte es sich zur Verwunderung mancher Insider den Zuschlag für die neue US-Botschaft in Bagdad. Eagly Eye beziffert den Irak-Verdienst der Firma auf eine halbe Milliarde Dollar.

"Die Firmen konnten richtig absahnen"

Schlusslicht unter den Top Ten ist L3 Communications mit bisher 359 Millionen Dollar an Irak-Umsatz. Der New Yorker Konzern, der das US-Militär mit IT-Service versorgt, stellt im Irak auch Sicherheitsdienste, Linguisten und Polizeitraining zur Verfügung.

Wer darüber hinaus alle Pentagon-Verträge an US-Zivilfirmen - also nicht nur im Irak - nach Auftragshöhe auflistet, bekommt eine andere, etwas konventionellere Hitparade. Angeführt wird die von den großen Rüstungskonzernen: Lockheed Martin (105,7 Milliarden Dollar seit 2002), Boeing (89,4 Milliarden Dollar), Northrop Grumman (61,8 Milliarden Dollar), General Dynamics (45,8 Milliarden Dollar) und Raytheon (42,5 Milliarden Dollar).

"Die beteiligten Firmen konnten hier richtig absahnen", sagt der Verteidigungsexperte William Hartung von der New America Foundation. Und nicht immer geht dort alles mit rechten Dingen zu: Berichte über dubiose Geschäfte unter dem Tisch machen seit jeher die Runde. "Wegen der Vordringlichkeit des Kriegs werden viele dieser Verträge mit weniger Gründlichkeit abgeschlossen", sagt Hartung.

"Wichtige Arbeit für das Land"

Das gilt auch, was die Vergangenheit der begünstigten Unternehmen angeht. Zum Beispiel bei der Veritas-Tochter Athena Innovative Solutions, die im Irak Logistik bereitstellt. Früher hieß Athena MZM und war in einen der größten Bestechungsskandale Washingtons der letzten Jahre verwickelt: MZM und andere Pentagon-Vertragsfirmen hatten den republikanischen Abgeordneten Randy Cunningham mit über 2,3 Millionen Dollar bestochen, um ihnen Aufträge zuzuschustern. So kaufte MZM-Chef Mitchell Wade Cunningham eine Villa für 1,7 Millionen Dollar.

Darauf von der "Business Week" angesprochen, wiegelte Veritas-Präsident McKeon mit patriotischer Echauffiertheit ab: Athena sei "sauber, es hat einen anderen Namen, es hat eine neue Führungsspitze und es erledigt sehr wichtige Arbeit für das Land".



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