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Staatssekretäre Geschätzter Außenseiter

Mit seinem Staatssekretär Mommsen nahm Helmut Schmidt einen Industrie-Manager ins Wirtschaftsministerium, der auch von den Gewerkschaften geschätzt wird.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Ernst Wolf Mommsen zeigte sich wählerisch -- bei der Suche nach einem neuen Büro.

An dem im Erdgeschoß des Wirtschaftsministeriums gelegenen Zimmer des zurückgetretenen Schiller-Staatssekretärs Johann Baptist Schöllhorn mißfiel dem Gehilfen des neuen Wirtschafts- und Finanzministers Schmidt die unattraktive Lage. An dem einen Stock höher gelegenen Büro des vor einem dreiviertel Jahr demissionierten Philip Rosenthal kritisierte er das avantgardistische Interieur.

Zögernd traf Ernst Wolf Mommsen seine erste Führungsentscheidung im neuen Haus: Das weiße Plastik-Mobiliar wurde aus dem einstigen Rosenthal-Studio entfernt, die unauffälligen Büromöbel aus Schöllhorns Zimmer in den ersten Stock gehievt.

Dort, nur wenige Meter vom Ministerzimmer entfernt, glaubt Mommsen am ehesten die Rolle ausfüllen zu können, die ihm Helmut Schmidt zugedacht hat: den Schiller-Nachfolger in den schwierigen Wochen bis zu den Wahlen im kommenden Herbst zu beraten und zu entlasten.

Als »ein Mann der Wirtschaft, der gegenwärtig dem Staat dient«, hatte sich der ehemalige Generaldirektor der Thyssen-Röhrenwerke Anfang 1970 von dem Sozialdemokraten Schmidt ins Verteidigungsministerium verpflichten lassen. Seinem »Duzfreund Helmut Schmidt zuliebe« wechselte der Manager jetzt ins Wirtschaftsressort über.

Schmidt mochte an seinem neuen Arbeitsplatz nicht jenen Mann missen, der auf der Bonner Hardthöhe binnen zweier Jahre den gesamten Rüstungsbereich -- ständige Skandalquelle unter den Schmidt-Vorgängern Strauß, von Hassel und Schröder -- völlig neu und erfolgreich umorganisiert hatte.

Als geübter Organisator setzte er im Verteidigungsministerium moderne Management-Methoden durch (Mommsen: »Meine Herren. es wird neu Tritt gefaßt"). Als Industrie-Profi konnte der langgediente Konzern-Chef zudem die Winkelzüge der Rüstungs-Unternehmer durchschauen und günstige Verträge für die Bundeswehr herausschinden.

Überschwenglich lobte Mommsen-Chef Schmidt die Kreativität seines Rüstungs-Chefs: »Der bringt in fünf Minuten mehr gute Ideen, als ein Ministerium in fünf Jahren verkraften kann.

Daß die sozialdemokratische Parteilinke dem SPD-Vize das Engagement des Ruhr-Managers im gesellschaftspolitisch wichtigen Wirtschafts- und Finanzministerium ankreidet, braucht Schmidt kaum zu fürchten. Denn selbst bei den Gewerkschaften ist der einstige Thyssen-Chef geachtet. Günter Friedrichs, Rationalisierungsexperte der IG Metall, lobt: »Er ist einer der wenigen Manager, die wissen, daß man mit Arbeitnehmern kooperieren muß« So steckte Mommsen während seiner Regentschaft im Düsseldorfer Thyssen-Hochhaus den Arbeitnehmer-Vertretern im Aufsichtsrat stets detaillierte Hintergrundinformationen zu. Und als Aufsichtsratsvorsitzender der mehrheitlich bundeseigenen Saarbergwerke klärte er Personalvorschläge für Vorstandsposten immer zuerst mit den Gewerkschaften ab. Krupp-Oberaufseher Berthold Beitz urteilt denn auch über den Manager-Kollegen: »Mommsen ist in der Industrie eher ein geschätzter Außenseiter.«

Seit Jahren müht sich der parteilose Außenseiter, Enkel des Nobel-geadelten Historikers Theodor Mommsen, auch redlich, das gestörte Verhältnis zwischen Sozialdemokraten und Industriellen zu verbessern. Schon vor der Großen Koalition gehörte er einem Wirtschafts-Zirkel an, der regelmäßig Sozialdemokraten wie Schmidt, Erler und Schiller einlud. Und seit Anfang des Jahres leitet der Schmidt-Freund einen von der Friedrich-Ebert-Stiftung eingerichteten Gesprächskreis »Wirtschaft und Politik«, in dem die Bonner SPD-Prominenz um Goodwill bei den Unternehmern wirbt.

Der Industrie bleibt Ernst Wolf Mommsen nicht nur durch persönliche Beziehungen verbunden: Noch immer wird er bei Thyssen, wo er 1970 nach der Fusion mit dem Röhren-Giganten Mannesmann seinen Chef-Posten verloren hatte und als Aufsichtsratsvorsitzender des neuen Stahlimperiums vorgesehen war, nur als beurlaubt geführt. Sein bis 1975 weiter laufendes Industrie-Gehalt erlaubt ihm die seltene Großzügigkeit, auf das Bonner Staatssekretärs-Salär zu verzichten.

Um als von Thyssen bezahlter Staatsdiener nicht in den Geruch unlauterer Geschäfte zu kommen, ließ Mommsen im Verteidigungsministerium »alles, was auch nur Ausstrahlung auf Thyssen hatte« (Mommsen), von Schmidts Parlamentarischem Staatssekretär Berkhan entscheiden. Im Wirtschaftsministerium schließt die Geschäftsverteilung Loyalitätskonflikte aus: Dort soll sich Mommsen nach der Absage des rheinlandpfälzischen Staatssekretärs Friderichs vor allem um Außenhandel und Währungspolitik kümmern. An diesem Montag bereits vertritt er seinen nach Amerika gereisten Chef auf der EWG-Finanzministerkonferenz in London.

Für harte Währungsverhandlungen, in denen Kar, Schiller stets den gelernten Nationalökonomen Schöllhorn zur Seite natte. fühlt sich der Jurist und Industrie-Pragmatiker Mommsen freilich bislang noch nicht genügend gewappnet. Da auch der zweite Wirtschaftsstaatssekretär Detlev Karsten Rohwedder Währungslaie ist, plant Schmidt, für den Eventual-Fall einer neuen Währungskrise einen Sonderbevollmächtigten zu berufen. Kandidaten: Der ehemalige Schiller-Beamte und jetzige Präsident der Hessischen Landesbank, Wilhelm Hankel, und der Chef der Bank für Gemeinwirtschaft, Walter Hesselbach.

Ernst Wolf Mommsen will sich derweil in die Währungstheorie einlesen. Mommsen: »Das wird eine große Fleißarbeit.«

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