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Flick-Erbe Geschenke vom Patriarchen

Friedrich Flick, Deutschlands reichster Mann, übertrug seit 1937 sein Vermögen durch versteuerte Schenkungen an Kinder und Enkel. Als er starb, erbte der Staat nichts mehr.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Von den Firmen, über die er gebot, gehörte ihm keine mehr: Als Friedrich Flick, 89. am vorvergangenen Donnerstag in einer Konstanzer Klinik starb, hatte er sein Milliardenvermögen längst an Kinder und Enkel verschenkt.

Schon vor 35 Jahren war der weitsichtige Finanzjongleur auf einen Trick verfallen, der seinen Nachkommen nach Expertenschätzungen jetzt weit über eine halbe Milliarde Mark Erbschafts steuer ersparte -- mehr als in den Kassen der etwa 330 Flick-Firmen gegenwärtig an Bargeld steckt.

Damals gründete der Industrie-Magnat die Friedrich Flick KG, die einzige Firma, die je seinen Namen trug, und brachte dort seine umfänglichen Aktienpakete und andere Industriebeteiligungen ein. Das Vermögen der neuen Gesellschaft, so bestimmte der Geld-Dynast aus dem Siegerland. sollte von sofort an in Raten an die nächste und von dort wieder an die übernächste Generation verschenkt werden.

Nach einem genauen Plan übertrug der schlaue Konzernfürst. der sich freilich durch notariellen Vertrag mit seinen Erben auf Lebenszeit die alleinige Verfügungsgewalt über die verschenkte Vermögensmasse vorbehielt. seinen Industriebesitz in Form versteuerter Schenkungen zunächst an seine Söhne Otto-Ernst und Friedrich Karl. die schon bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 90 Prozent des Flick-Vermögens in ihren Tresoren hatten.

Sobald die Flick-Junioren das Produktivvermögen in der Hand hatten. mußten sie sich aber auch schon wieder davon trennen: Ebenfalls in Vorm versteuerter Schenkungen gaben Otto-Ernst und Friedrich Karl die rasant wachsende Vermögensmasse an die Flick-Enkel weiter.

Als der Familienpatriarch am 20. Juli dieses Jahres durch Herzversagen hinge rafft wurde, gehörten bereits 80 Prozent des Flick-Vermögens den Kindern seiner Söhne: Die Erben des reichsten Deutschen, der neben dem Scheich von Kuweit, den Tankerkönigen Onassis und Niarchos sowie den Ölfürsten Gulbenkian und Getty zu den zehn Superreichen der Welt gezählt haben soll, brauchten keinen Pfennig Erbschaftssteuer mehr in zahlen -- die Liquidität der Flick-Gruppe wurde nicht belastet.

Als im Herbst 1967 ein anderer aus dem Klub der Superreichen, der Hobby-Flieger und Beteiligungsgrossist Harald Quandt. mit seiner privaten Beechcraft King Air in der Nähe von Turin zu Bruch ging. mußte Witwe Inge Quandt 42 Millionen Mark Erbschaftssteuer an den Fiskus zahlen --- und belastete die Konzernfinanzen damit erheblich.

Für die wesentlich kapitalkräftigere Flick-Gruppe hätte das Fünfzehnfache dieser Summe fällig werden können. hätte Urvater Friedrich nicht seit dreieinhalb Jahrzehnten vorgesorgt.

Denn allein das unter der Holding VG-Verwaltungsgesellschaft für industrielle Unternehmungen Friedrich Flick GmbH, Düsseldorf. zusammengefaßte Firmen-Konglomerat -- insbesondere die rheinische Zwillingsgesellschaft Feldmühle/Nobel, die hessische Buderus Gruppe und die bayrische Maxhütte

repräsentieren laut Konzernabschluß per 31121971 einen Sachanlagenwert von 1740 Millionen Mark.

Hinzu kommen andere Beteiligungen, besonders der mehr als 40prozentige Anteil an Deutschlands wertvollstem Industrieunternehmen, der Stuttgarter Daimler-Benz AG. die das Anlagevermögen der Gruppe. so Sohn Friedrich Karl am vergangenen Dienstag. »mehr als verdoppelt«.

Da in solide finanzierten Industrie-Unternehmen das verfügbare Eigenkapital etwa dem Wert der Sachanlagen -- Gebäude, Maschinen. Grundstücke -- entsprechen muß, liegt der nackte Wert der Flick-Beteiligungen nach diesem Geständnis der Erben schon bei über vier Milliarden Mark. Hätte Friedrich Flick sie erst nach seinem Tode an die Söhne vererbt, wären 15 Prozent davon als Steuern fällig geworden: rund 600 Millionen Mark.

Tatsächlich geht der Wert der Flick-Beteiligungen aber weit darüber hinaus. weil Juwelen der Unternehmenssammlung wie Daimler-Benz und Dynamit Nobel aufgrund ihrer Marktlage und ihrer inneren Reserven mehr wert sind. als die Bilanz ausweist. Selbst vorsichtige Bewerter billigen der gesamten Flick-Masse heute einen Verkehrswert von mindestens sechs Milliarden zu.

Die Flick-Söhne müßten also, wäre Vater Friedrich nicht vorsichtig gewesen. jetzt um rund 900 Millionen Mark Steuern bangen. Tatsächlich gezahlt wurden -- von 1937 bis 1958 -- für das Erbe der Söhne aber nur 90 Millionen Mark. zum 1 eil noch in Reichsmark.

Formal sind die Steuern auf Schenkung und Erbschaft -- gestaffelt nach dem Verwandtschaftsgrad des Begünstigten -- identisch. Konzernherr Flick hatte denn auch anfangs mit seiner Geschenk-Strategie nur die steuerlichen Belastungen durch den Vermögensübergang gleichmäßig über die Jahre verteilen wollen, damit nicht ein plötzlicher Geldschock die Firma treffe. Aber wie alles, was Flick anfaßte, wurde sogar daraus noch ein Geschäft: Die Schenkungen wurden vergleichsweise bescheiden versteuert, weil die Flick-Gruppe den Hauptteil ihres Nachkriegs-Wachstums erst schaffte, als der Hauptteil der Schenkungen an die Gründer-Söhne schon stattgefunden hatte.

1954 noch war Friedrich Flick mit etwa 180 Millionen Mark Kasse aus dem erzwungenen Verkauf seiner Kohlebeteiligungen am Markt und bereitete sich auf einen neuen Start vor. Von 1955 an kaufte sich der Börsenlöwe bei Daimler-Benz hoch -- anfangs zu Kursen um 300 je Aktie. 1960 aber notierte das Daimler-Papier zeitweise über 6000. Heutiger Wert des Daimler-Pakets von Flick: knapp 3.5 Milliarden Mark.

Von 1959 an eroberte Flick nach rabiaten Gefechten mit Kleinaktionären sowie den Großaktionären Rheinstahl und Bührle das Troisdorfer Chemie-Kombinat Dynamit Nobel. an dem seine Feldmühle vorher schon zu einem Viertel beteiligt war. Angeblich sollen ihn diese Transaktionen nicht mehr gekostet haben, als ihm anschließend die Steuervorteile einbrachten, die er nach damaliger Rechtslage durch die Umwandlung der Firma in ihre jetzige Form erzielte. Heutiger Wert: über eine Milliarde Mark.

Wegen der steil ansteigenden Beteiligungswerte wurde denn auch das Weiterreichen der Flick-Anteile an die dritte Generation, die Otto-Ernst-Kinder Gert Rudolf, 29, Friedrich Christian, 27, und Dagmar, 21, sowie an die Friedrich-Karl-Tochter Alexandra, 4. schon etwas teurer: Für die bisher den Enkeln übertragenen 80 Prozent des Flick-Vermögens bekommt der Fiskus etwa 180 Millionen Mark.

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