Geschichte des Bankgeheimnisses Als die Schweiz weißer wusch

Das Schweizer Schweige-Modell zog wie ein Magnet weltweit Milliarden an: Raubgelder der Nazis, Beute von Drogenhändlern, schmutziges Geld von Diktatoren. Heute gilt die Schweiz nicht mehr als erste Adresse für kriminelle Transaktionen.


Wegen der korrupten Methoden des deutschen Fiskus trat das Schweizer Bankgeheimnis 1935 in Kraft: Schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatten Deutschland und dazu Frankreich Spione in die Schweiz geschickt. Sie sollten Bankangestellte bestechen und sie so überreden, Informationen über Konten zu liefern.

Die geheimen Aktionen brachten reiche Beute. So meldeten sich ab Sommer 1932 bei den Chefs der Zürcher Kantonalbank immer wieder deutsche Kunden aus dem Raum Singen, die von ihrem Finanzamt unerwartet vorgeladen worden waren. Die Steuerfahnder konnten die Betroffenen mit den exakten Angaben über ihre Konten in der Schweiz konfrontieren. Ein Angestellter der Depotabteilung arbeitete für die deutschen Ermittler - zu einem Honorar von 2500 Reichsmark.

1934 verabschiedete das Parlament schließlich das Bankengesetz. Es verdonnerte die Angestellten der Finanzinstitute unter Androhung von Geldbußen und Gefängnisstrafen zur absoluten Geheimhaltung. Das Schweizer Schweigekartell entpuppte sich schnell als das umstrittenste Erfolgsmodell der globalen Hochfinanz: Wie ein Magnet zog es zuerst die Raubmillionen der Nazis an. In den Nachkriegsjahrzehnten folgte die milliardenschwere Beute von kolumbianischen Drogenhändlern, afrikanischen Diktatoren, russischen Oligarchen und vorwiegend deutschen Steuersündern. Erst seit 1990 gilt Geldwäsche als Straftatbestand.

Noch 1999, als die Schweiz die Gesetze bereits erneut verschärft hatte, flog ein gigantischer Skandal auf. Ein Genfer Untersuchungsrichter ließ die Konten des verstorbenen nigerianischen Diktators Sani Abacha blockieren. Auf Konten von Tarnfirmen lagerten über 800 Millionen Schweizer Franken. Die Eidgenössische Bankenkommission rügte später, prominente Adressen wie die Credit Suisse hätten grundlegende Sorgfaltspflichten verletzt.

Heute gilt die Schweiz nicht mehr als erste Wahl für kriminelle Transaktionen. Im Gegensatz etwa zu Großbritannien und den Kanalinseln mauserten sich hiesige Staatsanwälte zu "Europameistern in Rechtshilfe", so ein Insider. Der Druck internationaler Geldwäschebekämpfer wog zu schwer. "Das Bankgeheimnis ist kein großes Problem", sagt Thomas Hackner vom Justizministerium Niedersachsen, die Schweiz wickle Rechtshilfeersuchen sehr schnell ab: "Das läuft sogar besser als bei so manchem EU-Staat."



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