Zur Ausgabe
Artikel 38 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MANAGER Geschichte einer Feindschaft

Bundesbankpräsident Axel Weber hat im Krach mit seinem streitlustigen Vorstandskollegen Thilo Sarrazin nicht die ganze Wahrheit gesagt.
Von Jan Fleischhauer und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 43/2009

Vermutlich hätte es eh gekracht zwischen den beiden, es war wohl nur eine Frage der Zeit. Schon bevor Thilo Sarrazin im Mai zur Bundesbank nach Frankfurt am Main wechselte, hatte deren Präsident Axel Weber nach einer Alternative Ausschau gehalten, um den SPD-Mann als Vorstand verhindern zu können. Aber damals war er chancenlos.

Das Besetzungsrecht lag turnusgemäß in Berlin und Brandenburg, und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit war seinem Finanzsenator, der ihm in sieben Jahren den Haushalt saniert hatte, noch einen Gefallen schuldig. Außerdem war Wowereit am Ende auch ganz froh, den streitbaren Sarrazin los zu sein.

So sitzen die beiden nun zu Webers anhaltendem Missvergnügen seit fünf Monaten unter einem Dach, von Montag bis Donnerstag (weil Sarrazin am Freitag oft schon wieder in Berlin ist), getrennt nur durch einen Korridor zwischen ihren Vorstandszimmern. Der eine ist zuständig für das Risiko-Controlling, die Informationstechnologie und - bis vergangene Woche - die Bargeldversorgung. Der andere ist der oberste Hüter über die Geldpolitik und Repräsentant nach außen.

Eigentlich gäbe es für beide genug zu tun. Die Bundesbank ist noch immer eine Behörde mit über 10 000 Mitarbeitern, die Bankenaufsicht fällt zumindest zur Hälfte in ihr Ressort, und so oft sieht man sich auf der Leitungsebene auch wieder nicht: Jeden Dienstag treffen sich die sechs Vorstände für drei Stunden im zwölften Stock, um die Tagesordnung abzuarbeiten, ansonsten geht jeder seiner Wege.

Aber Präsident Weber störte so ziemlich alles an dem Neuzugang aus Berlin: dieser leicht näselnde Ton, mit dem Sarrazin vorträgt, das unerschütterliche, manche sagen arrogante Auftreten, der Hang zur Besserwisserei. Die anderen Herren im Vorstand sind ordentliche, aber eher brave Ökonomen, ohne Selbstdarstellungsdrang, eine Konstellation, die Weber schon wehmütig verloren gegeben hatte. Dann erschien die Kulturzeitschrift »Lettre International« mit fünf Seiten Sarrazin zu Berlin im Allgemeinen und den Türken im Besonderen, und plötzlich sah es so aus, als ob sich die schönen Tage, als Weber der unbestrittene Sonnenkönig war, doch wiederherstellen ließen.

Tatsächlich ist die Affäre Sarrazin auch die Geschichte einer Feindschaft, wie ein Blick auf die näheren Umstände zeigt. Anders als bislang dargestellt hat die Bank keinen ganz unbeträchtlichen Anteil am Interview-Skandal, der fast mit einem Rauswurf geendet hätte. Man kann sogar sagen: Die Geschichte wäre ohne die Mitwirkung der Bank nie so weit gediehen.

Es war nämlich keine private Nebenabrede, die zu dem Gespräch in der Herbstausgabe von »Lettre« führte, sondern eine Anfrage der Pressestelle der Bundesbank im Büro ihres Vorstandsmitglieds, ob er Interesse an einem ausführlichen Gespräch über seine Heimatstadt Berlin habe. Es liege eine entsprechende Bitte vor.

Wie sich »Lettre«-Chefredakteur Frank Berberich erinnert, lief überhaupt alle Kommunikation zwischen der Zeitschrift und Sarrazin im Folgenden über die Presseabteilung, angefangen von der ausführlichen Schilderung des Konzepts über die Suche nach einem passenden Termin bis zur anschließenden Abwicklung.

Das Interview selbst fand in den Räumen der Bundesbank in deren Berliner Dependance statt, und auch bei der Freigabe der zum Druck vorgesehenen Fassung war die Bank eingebunden.

Pressesprecher Benedikt Fehr hatte nach eingehender Lektüre keine grundsätzlichen Bedenken, regte aber in einer freundlichen Mail Änderungen an, die auf Anweisung Sarrazins alle ins Manuskript übertragen wurden. Am 15. September sandte die Pressestelle die genehmigte Fassung an die »Lettre«-Redaktion zurück, rechtzeitig zum Heftschluss.

Dies alles ist nicht ganz unbedeutend, denn bei der Bewertung des Falls spielt die Frage, inwieweit Sarrazin mit einem Alleingang der Bank geschadet habe, eine wichtige Rolle. Weber hat über Mitarbeiter verbreiten lassen, dass er das Interview als »völlig inakzeptabel« verurteilt und Sarrazin eine Veröffentlichung »regelrecht verboten« habe, worüber sich der mit dem Hinweis, er lasse sich keine Zensur gefallen, angeblich einfach hinwegsetzte.

Richtig daran ist: Weber hat protestiert, aber zu einem Zeitpunkt, als die »Lettre«-Ausgabe bereits in Druck war, dabei hatte er von der Pressestelle über das Gespräch schon Kenntnis erhalten, als der Text noch in seinem Haus lag. Und der Protest erfolgte auch nur indirekt, durch Pressesprecher Fehr, der Sarrazin am Rande einer Vorstandssitzung mitteilte, der Präsident sei über das Interview alles andere als entzückt.

Ganz schnell war der Bundesbankpräsident hingegen, als es darum ging, sich von seinem Vorstandskollegen öffentlich zu distanzieren. Mit Verweis auf die »sich häufenden Anfragen« gab die Bundesbank am 30. September eine Erklärung heraus, dass sie »die diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin« in »Inhalt und Form« entschieden missbillige.

Die Zeitschrift mit dem Interview war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal am Kiosk, da lag sie erst tags darauf. Es existierten lediglich ein paar verstreute dpa-Meldungen mit einigen Zitaten und ein kurzer SPIEGEL-ONLINE-Bericht. Anders als suggeriert, stand hinter der Erklärung auch nicht »die Deutsche Bundesbank«, sondern allein Präsident Weber, der den einmaligen Schritt angeordnet hatte, ohne mit seinen Kollegen Rücksprache zu halten. Der Zeitdruck habe dies nicht zugelassen, hieß es anschließend zur Begründung; inzwischen will die Bank zu dem Vorgang gar nicht mehr Stellung nehmen.

Die öffentliche Distanzierung der Bundesbank von einem ihrer Vorstandsmitglieder wirkte wie ein Feueralarm. Wer bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht begriffen hatte, dass etwas Großes im Gange war, wurde jetzt richtig wach. Drei Tage später folgte die etwas verklausulierte Aufforderung zum Rücktritt.

Wenn es Webers Kalkül gewesen sein sollte, den ungeliebten Kollegen zu zermürben und zur Aufgabe seines Amts zu bewegen, war er seinem Ziel in diesem Moment recht nah. Der Fünf-Monats-Bundesbanker dachte über Rücktritt nach, aber dann hielten ihn Freunde davon ab.

Als der Vorstand der ehrwürdigen Institution am Dienstag vergangener Woche zusammentrat, hatte sich Sarrazin entschieden, seinen Posten zu verteidigen. Anderthalb Stunden dauerte die Aussprache, über die verabredungsgemäß kein Protokoll geführt wurde. Die anderen Vorstände erbaten von Sarrazin die Zusicherung, dass er sich künftig nur noch zu Bankfragen äußern werde, worauf der den ersten Absatz seines Vertrags vorlas, der ihm Äußerungen zu jedem Thema erlaubt, solange sie »maßvoll« sind.

Alles, was die Kollegen erreichen konnten, war das Versprechen, in den nächsten Monaten nichts mehr zum Problem der Integration zu sagen. Dann verlangte Sarrazin für die angekündigte Änderung seines Aufgabengebiets eine schriftliche Begründung, eine Bitte, die unter den Herren gehörige Unruhe verursachte.

Denn was hätten sie schreiben sollen? Ob er klagen wolle, fragte einer. Nach einer kurzen Unterbrechung der Sitzung zur Beratung mit seinem Anwalt verzichtete Sarrazin auf die Begründung - als Zeichen des guten Willens für die weitere Zusammenarbeit, wie er betonte.

So endete die Interview-Affäre mit einem merkwürdigen Kompromiss: Irgendwie ist das Vorstandsmitglied Sarrazin nun bestraft, aber auch nicht richtig. Beschädigt scheint vor allem Weber: Anders als Sarrazin, der nur seine Amtszeit überstehen will, hat der Bundesbankpräsident noch Großes vor.

Er würde gern Chef der Europäischen Zentralbank werden, wenn der Posten in zwei Jahren frei wird. Das aber ist eine Position, die neben ökonomischer Sachkenntnis noch ein anderes Talent im Übermaß verlangt: Fingerspitzengefühl im Umgang mit schwierigen Charakteren.

JAN FLEISCHHAUER, WOLFGANG REUTER

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.