Gesellschaftliche Schieflage Deutsche vermissen soziale Gerechtigkeit

Kinderarmut, ungerechtes Steuersystem, mangelnde Chancengleichheit: Trotz des anhaltenden Aufschwungs hält die Mehrheit der Deutschen die Einkommensverteilung für ungerecht. Der Aufschwung, so ihre Überzeugung, komme bei den wenigsten an.


Berlin - Vor allem die soziale Schieflage hat sich nach der Wahrnehmung der Deutschen drastisch verschärft. Nur 15 Prozent der Befragten sagen, der Aufschwung komme tatsächlich bei ihnen an. Das ist das Ergebnis einer heute veröffentlichten Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Dies sei ein historischer Tiefstand: Noch im Jahr 2006 hätten 28 Prozent der Bundesbürger erklärt, das Einkommen sei gerecht verteilt.

Junges Mädchen in Hamburg: 74 Prozent der Deutschen halten Kinderarmut für gravierendstes Problem
DPA

Junges Mädchen in Hamburg: 74 Prozent der Deutschen halten Kinderarmut für gravierendstes Problem

Am wenigsten realisiert ist nach Auffassung der Befragten die Verteilungsgerechtigkeit. Dabei nennen die Deutschen mit 74 Prozent die Bekämpfung der Kinderarmut als höchste Priorität. Nahezu gleichauf liege mit 72 Prozent der Wunsch nach stärkerer steuerlicher Entlastung von Geringverdienern. Es folgen die Sicherung eines Mindesteinkommens durch Mindest- oder Kombilöhne (69 Prozent) sowie die Abschaffung von Steuerschlupflöchern.

Auch die Soziale Marktwirtschaft kommt bei den Bürgern nicht gut weg: Nur noch fünf Prozent der Befragten nennen Deutschland als das entwickelte Industrieland, das ihren Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit am nächsten kommt. Eine deutliche Mehrheit (57 Prozent) sieht die skandinavischen Länder als Vorbild. Diese seien trotz der sozialpolitischen Reformen der vergangenen Jahre mit ihren geringen Armutsquoten, niedriger Arbeitslosigkeit, Bildungschancen unabhängig von der Herkunft und vergleichsweise geringen Einkommensunterschieden beispielhaft. Abgelehnt werden dagegen die angelsächsischen Wirtschafts- und Sozialmodelle der USA und Großbritannien.

Das Ergebnis der Umfrage steht in krassem Gegensatz zu Äußerungen der Regierungskoalition, dass die wirtschaftliche Erholung auch bei der breiten Masse der Bevölkerung ankomme. Eine Erhöhung der Leistungen für Bezieher von Arbeitslosengeld II halten nur 28 Prozent der Bundesbürger für geeignet, mehr Verteilungsgerechtigkeit zu schaffen. Für die Studie waren im August 2007 insgesamt 2026 Menschen befragt worden.

sam/Reuters/dpa-AFX



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