Gestörter Welthandel Reedereien meiden Suezkanal aus Angst vor Piraten

Die Piratenüberfälle vor der somalischen Küste stören den Welthandel. Immer mehr Tanker-Reedereien meiden den Suezkanal. Stattdessen schicken sie ihre Schiffe um die Südspitze Afrikas - Kunden müssen zwei Wochen länger auf ihre Fracht warten. Die Transportkosten dürften deutlich steigen.


Hamburg - Die zunehmende Piraterie im Golf von Aden zwingt Schiffe auf der Strecke zwischen Europa und Asien zu langen Umwegen. Immer mehr Reedereien verzichten auf die Passage durch den Suezkanal sowie durch das Rote Meer und den Golf von Aden und leiten ihre Schiffe stattdessen ums Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze Afrikas, herum. Aktueller Anlass ist die Kaperung eines saudi-arabischen Supertankers vor der Küste Somalias mit Öl im Wert von 100 Millionen Dollar an Bord.

Spaziergänger am Suezkanal: Umleitung aus Angst vor Piraten
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Spaziergänger am Suezkanal: Umleitung aus Angst vor Piraten

Allein die dänische Reederei Maersk, die bisher mehr als 100 Schiffe pro Monat durch den Suezkanal schickte, hat ab sofort aus Furcht vor Piraten den Kurs ihrer Tanker auf dem Weg nach Asien geändert. Betroffen seien aber nicht Containerschiffe, da diese mit "mindestens 25 Knoten" zu schnell für Piratenangriffe seien, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Umgeleitet würden langsame Tanker und Schiffe "mit nicht allzu hohen Bordwänden". Wie viele Schiffe die Routenänderung exakt betreffe, wollte der Sprecher nicht sagen.

Er bestätigte aber, dass "eine gewisse Zahl an Schiffen" nicht mehr den Kanal und den sich anschließenden Golf von Aden benutzen dürfe, wenn sie zwischen Europa und Fernost verkehren. Stattdessen müssen sie den um ein Vielfaches längeren Weg um Afrika herum nehmen. Wegen der starken Zunahme der Überfälle durch Piraten sei die Nutzung der Route durch den Suezkanal nur mit Eskorte von Kriegsschiffen möglich, teilte Maersk mit. Nach der Verlegung der Route müssen Kunden etwa zwei Wochen länger auf ihre Fracht warten.

Reedereiverband fordert "klares Mandat" gegen Piraten

Die norwegische Tankerreederei Frontline teilte mit, sie erwäge ebenfalls eine Änderung der Route für ihre Schiffe. Aus dem Reedereiverband Intertanko war zu hören, dass mehrere Unternehmen diesen Schritt planten. "Wir begrüßen diese Entscheidung", heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes. Man nehme die zunehmende Piraterie vor Somalia mit Erschrecken zur Kenntnis und sei um die Sicherheit aller Seeleute besorgt. Den Reedereien sei es nicht mehr möglich, ihre Fracht sicher ans Ziel zu bringen, heißt es weiter.

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Intertanko forderte "sofortige Aktionen von Regierungen", um die wichtige Transportverbindung durch den Suezkanal und durch den Golf von Aden zu schützen. "Robuste Aktionen" mit größerer Unterstützung durch das Militär, insbesondere durch Marineschiffe sowie das "klare Mandat", eingreifen, Piraten verhaften und vor Gericht bringen zu dürfen, seien dringend nötig. Der Maersk-Sprecher erklärte, seine Reederei rechne mit einer "vernünftigen Lösung" für das Problem zunehmender Piraterie vor Somalias Küste im Laufe "einiger Monate".

Ein Sprecher der chinesischen Containerreederei Cosco sagte SPIEGEL ONLINE, man nutze den Suezkanal weiterhin, da Containerschiffe wegen ihrer Geschwindigkeit und ihrer Größe nicht so sehr durch Piraten gefährdet seien. Müssten auch Containerschiffe umgeleitet werden, müssten wegen der längeren Fahrzeit mehr Schiffe eingesetzt werden, um den Liniendienst aufrechterhalten zu können, was wiederum den Transport verteuere. "Dann stellt sich die Frage, ob sich Importe beispielsweise von Turnschuhen oder Kleidung aus Fernost nach Europa noch lohnen."

Ein Sprecher der Verwaltung des Suezkanals widersprach hingegen Berichten, dass wegen der Piratenkrise weniger Schiffe den Kanal passieren. "Unsere Zahlen zeigen eindeutig, dass der Verkehr in keiner Weise abgenommen hat", sagte Tarek Hassanein SPIEGEL ONLINE. "Im Gegenteil, in den vergangenen Tagen hat das Transportaufkommen sogar zugenommen." So liege die durchschnittliche Tonnage pro Tag bei rund 2,4 Millionen Tonnen. Am Dienstag hätten jedoch 70 Schiffe mit insgesamt 2,8 Millionen Tonnen Tonnage den Kanal passiert, am Donnerstag seien es ebenfalls 70 Schiffe mit insgesamt 3,5 Millionen Tonnen gewesen. "Weder die Zahl der Schiffe noch das Volumen der Tonnage geht zurück", sagte Hassanein. Der saudi-arabische Tanker wurde weiter südlich, vor der somalischen Küste, gekapert. Dies zeige, dass die Route ums Kap nicht sicherer sei als eine Fahrt durchs Rote Meer und den Suezkanal, sagte Hassanein.

Kostenanstieg um 25 bis 30 Prozent

Nach Angaben der Internationale Maritime Organisation (IMO) dauert eine Seereise ums Kap der Guten Hoffnung etwa zwölf Tage länger als der Weg durch den Suezkanal. Die Fracht komme entsprechend später am Ziel an, zudem koste der Transport 25 bis 30 Prozent mehr. IMO-Chef Efthimios Mitropoulos warnte vor einer "Serie von Auswirkungen", sollten immer mehr Reedereien den langen Umweg wählen. Mitropoulos forderte den Uno-Sicherheitsrat auf, sich stärker im Kampf gegen Piraterie zu engagieren.

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte bei einem Treffen mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon eine weitere Beteiligung Deutschlands am internationalen Kampf gegen Piraterie vor Somalias Küste zu. Für den Umgang mit Piraten brauche die internationale Gemeinschaft einen klaren Operationsplan, betonte Jung am Donnerstag (Ortszeit) in New York. Zunächst wolle man aber eine nationale Rechtsgrundlage schaffen. Politiker von SPD und FDP sehen dagegen überhaupt keinen Regelungsbedarf für einen Anti-Piraten-Einsatz der Bundeswehr am Horn von Afrika, da dieser bereits rechtlich gedeckt sei.

Die Nato-Kriegsschiffe im Golf von Aden
Flaggschiff und Zerstörer "Durand de la Penne"
Der italienische Zerstörer ist ein 5000-Tonnen-Mehrzweckkriegsschiff. Es dient der Abwehr von Luft- und U-Boot-Angriffen - letztere werden im Golf natürlich keine Rolle spielen. Bei Landgang und Küstenbombardierungen kann der Zerstörer Schützenhilfe leisten. Dieses erste Schiff der De-la-Penne-Serie wurde 1993 in Betrieb genommen. Der italienische Admiral Giovanni Gumiero führte den Nato-Flottenverband, bevor das Schiff zur Anti-Piraterie-Mission geschickt wurde.
Fregatte "Themistokles"
Die Fregatte "Themistokles" ist ein Schiff aus der Elli-Klasse der griechischen Marine. Sie wurde 1979 in den Niederlanden gebaut und 2003 an Griechenland verkauft. Dort wurde das Schiff modernisiert und zur "HS Themistokles" umbenannt. An Bord der 3100 Tonnen schweren Fregatte befinden sich neben Torpedos und Missiles auch zwei Hubschrauber.
Fregatte "Cumberland"
Die "Cumberland" ist eine F85-Fregatte der britischen Royal Navy. Das in Schottland gebaute Kriegsschiff wurde 1989 in Betrieb genommen. Ursprünglich sollte die Cumberland gegen U-Boote eingesetzt werden, bekämpft jetzt aber auch feindliche Schiffe und Flugzeuge. Sie kann auf eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Knoten beschleunigt werden.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
kaz/har/dpa/Reuters

insgesamt 2450 Beiträge
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Robert B., 18.11.2008
1. Kriegsschiffe
Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
dcl 18.11.2008
2.
---Zitat--- Die US-Marine erklärte, die meisten Attacken der vergangenen Monate hätten durch "Sicherheitsteams an Bord" abgewehrt werden können. ---Zitatende--- Genau. Diese Sicherheitsteams werden natürlich von internationalen Sicherheitsunternehmen wie Blackwater o.ä. gestellt, in welchen die Spezialisten der US Navy nach ihrer militärischen Karriere ihr Brot verdienen. Handelsschiffe sind weder auf Verteidigung noch auf Angriff gebaut und bei zwei Millionen Barrel Öl möchte ich mir den Beschuss mit sog. reaktiven Panzerbüchsen (Panzerfaust) nicht vorstellen. Sicherheitsteams führen zur Eskalation auf den Handelsschiffen. Wozu gibt es bitte Kriegsschiffe? Die sind genau für solche Operationen gebaut worden und sind personell auf kriegerische Maßnahmen eingestellt. Dieses Rumgeeiere, auch von Seiten der Bundesmarine, ist zum heulen. Haben die Jungs Angst, dass ihre teuren Spielzeuge Kratzer bekommen könnten?
Interessierter0815 18.11.2008
3.
Zitat von sysopDie Kaperung des Super-Tankers weit vor der Küste Somalias zeigt: Das Problem der Piraterie wird für die internationale Seefahrt immer bedrohlicher. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Seehandel wieder sicher zu machen?
Die Welt am techn. Fortschritt teilnehmen lassen? Erst klauen wir die Rohstoffe der Länder und dann flennen wir noch, das sie sich wehren.
yato, 18.11.2008
4. Da war die Realität wieder mal schneller als Hollywood
Zitat von Robert B.Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
scheint ja nicht sehr viel gebracht zu haben seit 5 jahrhunderten, oder hatten piraten in der weltgeschichte schon jemals so einen dicken fisch an der angel? mit der zivilisierung hat das übrigens wohl doch nicht so gut geklappt - sind wir jetzt eigentlich wieder im mittelalter? ...man mag sich gar nicht vorstellen was mit so einem riesentanker voll öl alles möglich wäre, wenn die piraten durchdrehen...
TranceData, 18.11.2008
5.
Piraten wurden früher von der Marine versenkt. Also: Back to the roots...
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