Gestohlene Kontodaten Innenexperten verlangen hartes Durchgreifen gegen Datendiebe

Millionen geklauter Kontodaten von Bundesbürgern sollen auf dem Schwarzmarkt kursieren - jeder könnte betroffen sein, warnen Datenschützer. Innenexperten des Bundestages fordern deshalb die Regierung zum Handeln auf: Sie soll endlich die Gesetze verschärfen.


Osnabrück/Düsseldorf - Die Serie von Datenklau-Skandalen reißt nicht ab: Nach dem erneuten Missbrauch von Millionen Kundendaten hat der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Sebastian Edathy (SPD), von der Bundesregierung eine rasche Reaktion verlangt. Noch vor Weihnachten solle die Regierung "ihren längst überfälligen Gesetzentwurf für schärfere Datenschutz-Vorschriften" vorlegen, sagte Edathy der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der "außer Kontrolle geratene Datenhandel" müsse endlich gestoppt werden.

CD mit Daten (Archiv): Die Spuren führen zu Callcentern
DPA

CD mit Daten (Archiv): Die Spuren führen zu Callcentern

Zuvor war bekanntgeworden, dass auf dem Schwarzmarkt Bankverbindungen von 21 Millionen Deutschen illegal im Umlauf sind. Der "Wirtschaftswoche" wurde die riesige Datenmenge nach eigenen Angaben für knapp zwölf Millionen Euro zum Kauf angeboten. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ist mit dem Fall befasst.

Außer Angaben zur Person wie etwa Geburtsdaten enthielten die Datensätze die Bankverbindung mit Kontonummer und Bankleitzahl, in einigen Fällen sogar detaillierte Angaben zur Vermögenslage. Mit den Daten könnten Unbekannte im Extremfall ohne Wissen des Inhabers Geld von einem Girokonto abbuchen.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar nimmt an, dass noch weitere Datenträger kursieren. Denn daran lasse sich "richtig viel verdienen", sagte er am Sonntag dem Sender NDR 2. "Jeder muss befürchten, dass er betroffen ist." Es sei eine "Art grauer Datenmarkt entstanden, dessen Konturen sich nicht mal ansatzweise abzeichnen".

Die Linkspartei-Abgeordnete Petra Pau, Mitglied im Innenausschuss des Bundestages, kritisierte: "Auf dem sogenannten Datengipfel von Bundesinnenminister Schäuble im September wurden für November neue Gesetze versprochen. Inzwischen ist Dezember. Der aktuelle Missbrauch von Kontodaten zeigt: Dieser politische Winterschlaf könnte Millionen Bürgerinnen und Bürger teuer zu stehen kommen."

Erste Spuren führen nach Angaben des Magazins fast ausschließlich zu kleineren Callcenter-Betreibern. Vor allem auf umkämpften Massenmärkten wie Telekommunikation, Energieversorgung oder Kabelfernsehen arbeiteten viele Anbieter fast nur noch mit externen Dienstleistern und Callcentern zusammen. Diese erhielten die relevanten Kundendaten teilweise vom Auftraggeber.

Schalten die Dienstleister ihrerseits Subunternehmer ein, verliert sich die Kontrolle über die Daten irgendwann im Nichts. Die Unterauftragnehmer ergänzten die Daten ihrer Auftraggeber nicht selten, indem sie weitere Daten zukauften.

Das geschehe nicht nur bei legalen Adresshändlern. Offenbar besserten auch schlecht bezahlte Mitarbeiter insbesondere kleinerer Callcenter ihr Gehalt auf, indem sie Adressdaten auf USB-Sticks oder CDs kopierten und auf eigene Rechnung an Hintermänner weiterverkauften. Die wiederum führten die Bank- und Adressdaten aus verschiedenen Quellen zusammen, bereinigten sie um Doppelungen und böten sie im großen Stil zum Kauf an.

In Deutschland gibt es den Angaben zufolge rund 5000 Callcenter. Ihnen zahlten beispielsweise Telefongesellschaften 100 Euro und mehr für einen Vertragsabschluss. Eine Vertragsverlängerung bringe etwa 50 Euro.

Die Skandale der vergangenen Monate

In den vergangenen Monaten waren mehrere große Fälle von Datenklau bekanntgeworden. So wurde der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein im August eine CD mit Daten von 17.000 Bundesbürgern zugespielt. Sie enthielt Namen, Geburtsdaten, Adressen, Kontoverbindungen und Telefonnummern. Wenig später berichtete der Bundesverband der Verbraucherzentralen, ihm seien in einem Scheingeschäft sechs Millionen Datensätze angeboten worden, davon vier Millionen mit Kontonummern. In Kiel tauchte eine CD mit 130.000 illegalen Datensätzen aus Callcentern auf.

Im Oktober hatte ein riesiger Fall von Datendiebstahl die Telekom erschüttert. Bei der Mobilfunksparte T-Mobile waren vor gut zwei Jahren 17 Millionen Telefonnummern und Adressen von Kunden entwendet worden. Möglich geworden war dies über Lücken in den Datenbanken, in denen die Angaben zu den Kunden gespeichert sind.

cvk/dpa/dpa-AFX/AP

insgesamt 121 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
who 12.09.2008
1.
Zitat von sysopHandy, Internet-Nutzung, Rabattkarten, Preisausschreiben: Brauchen wir eine stärkere Konzentration auf privaten Datenschutz? Oder ist die Angst vor der Verletzung der Privatsphäre übertrieben?
Nein, die Daten werden lediglich zu sorglos missbraucht...
hansmaus 12.09.2008
2. Lehrstück für die Stasi
Also die DDR ging definitiv zu früh unter denn die Stasi hätte an Vorradsdatenspeicherung, Handys, Autobahnmautstellen und Internet eine Nierenschale gebracht um den Sabber von Mielke und Co auf zu fangen, perfekter kann man garnicht überwachen wie es die Menschen heute freiwillig tun.
c-Row 12.09.2008
3.
Zitat von whoNein, die Daten werden lediglich zu sorglos missbraucht...
Das klingt fast so, als gäbe es auch "sorgfältigen Datenmissbrauch".
c-Row 12.09.2008
4.
Zitat von whoNein, die Daten werden lediglich zu sorglos missbraucht...
Das klingt fast so, als gäbe es auch "sorgfältigen Datenmissbrauch".
m*sh, 12.09.2008
5.
Zitat von whoNein, die Daten werden lediglich zu sorglos missbraucht...
Falsch. Die Daten werden zu sorglos preisgegeben. Denn der Missbrauch setzt voraus, dass die Daten vorhanden sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.