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Ferienhäuser Gestopfte Trompete

Der ehemalige Contraeta-Chef Rudolf Ratzel überwarf sich mit dem amerikanischen Großaktionär der Ferienhaus-AG. Er will jetzt seiner früheren Firma mit einem neuen Unternehmen Konkurrenz bieten.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Im Mai röhrte er noch auf Mallorca durch sein Megaphon: »Tun Sie mehr für sich und Ihre Familie. Man darf nicht zu sehr am Gelde kleben, leben Sie dafür mehr.« Die pathetische Megaphonstimme ist verstummt.

Zwölf Jahre lang war der Ferienhausgrossist Rudolf Ratzel, 51, den seine Konkurrenten »Trompeter von Säckingen« nannten, seine eigene Verkaufskanone. Oft watete er in dem schwabbeugen Geschäft durch gefährliche Sümpfe. Da er aber die Gefühlsharfe ähnlich souverän wie der Schlagerheuler Roy Black beherrscht, gewann er in den vergangenen Jahren, als immer mehr Deutsche ihr Geld in Auslandsimmobilien anlegten, zunehmend Kundschaft.

Die Umsätze der Contracta AG stiegen 1971 auf rund 200 Millionen Mark. Nach jeder Verkaufsreise kassierte der Startrompeter Spitzenprovisionen, die er sich selbst vertraglich eingeräumt hatte und die nicht niedriger waren als die Supergagen im Show-Business.

Seine Salärs zweigte er von den Inkassobeträgen ab und bildete daraus ein stattliches Privatvermögen: Die an die liechtensteinische Holding »Contracta International AG« gebundene Stuttgarter Hauptgesellschaft hingegen mußte sich mit mäßigen Erträgen abfinden.

Die stürmische Nachfrage zwang den Immobilienhändler aber auch, immer mehr Projekte mit gepumptem Geld aufzureißen. Oft mußte Ratzel bei diesen Kraftakten seine eigenen Contracta-Aktien einsetzen, die er in schwachen Stunden paketweise abstieß.

51 Prozent landeten auf Umwegen bei dem New Yorker Multimillionär Meshulam Riklis, 48, dem das amerikanische Wirtschaftsjournal »Business Week« eine phantastische Begabung als »Conglomeraten« bescheinigte. Der quirlige Walistreet-Jobber ist Präsident der Rapid American Corporation, deren Untergesellschaften so unterschiedliche Konsumgüter wie Slips und Schnaps, Koffer und Konfektionskleidung herstellen. Jahresumsatz: 2.3 Milliarden Dollar.

Obwohl mit elf Prozent am Rapid-Kapital beteiligt, baute sich der Firmenfusionierer mit trickreicher Strategie. die er »Selbstbereicherungsprogramm« nennt, außerhalb des großen Konzerns ein eigenes Imperium auf. Dazu gehören das neueste Hotel in Las Vegas, eine Reederei in Miami und die Mehrheit bei Contracta.

Contracta-Gründer Rudolf Ratzel hatte während der letzten Jahre insgeheim dasselbe Ziel verfolgt: Auch er legte sich neben der Hauptgesellschaft eine Domäne zu, die nur ihm und seiner Familie gehört: die Kurbau Gmbl-l.

Sie soll demnächst in eine Aktiengesellschaft mit zehn Millionen Mark Kapital umgewandelt werden. Das Unternehmen war zunächst als Auffangstellung gedacht, auf die sich der vorsichtige Immobiliengeschäftsmann in Krisenzeiten zurückziehen wollte.

Da aber im Ferienhausgeschäft immer noch die pralle Sonne scheint, wollte Ratzel nach dem Verkauf seiner Contracta-Aktien möglichst lange hochdotierter Verkaufsmanager bleiben.

Doch der Vorstand, gestützt auf den eiskalt kalkulierenden Großaktionär. entwickelte neue Konzeptionen. »Emotionen dürfen nicht mehr das Verkaufsergebnis bestimmen«, sagt der junge Vorstandsdirigent Manfred Steinbach, 28, mit Harvard touch. »Wenn die euphorische Stimmung bei den Käufern abgeklungen ist, gibt es zu oft Reklamationen. Wir wollen hart verkaufen, aber ohne Schmus.«

Mitunter nämlich hatte Ratzel seine Gefühlsorgel überdreht: Kurz vor der Landung in Malaga erzählte er einer Reisegruppe. daß die spanische Zollkontrolle sehr streng sei. Jeder müsse vor dem Durchgang an der Sperre Schuhe und Strümpfe ausziehen, um sie schnell vorzeigen zu können zum Beweis, daß darin keine Schmuggelware versteckt sei. Alle Passagiere folgten ohne Widerrede und trotteten barfuß an den spanischen Zöllnern vorbei, die sich über diesen Aufzug sehr wunderten. Solche Späße wird es künftig nicht mehr geben. Jetzt marschiert die Contracta int neuen Schuhen.

Ernsthafte Interessenten sollen jetzt nach Filmvorführungen einen Optionsvertrag für ein bestimmtes Objekt unterschreiben und nehmen dann an einer Besichtigungsreise teil. Wenn die Immobilie ihren Wünschen nicht entspricht, können sie auf andere Bungalows oder Appartements umbuchen.

Europas größtes Immobilienkaufhaus bietet jetzt zum Beispiel für 12 000 Mark Mini-Appartements auf Mallorca an, aber auch Luxussuiten für 200000 Mark sowie Schlichthäuser im Schwarzwald und Prunkvillen für Millionäre. Vorstand Steinbach: »Wir verkaufen an Gepäckträger genauso wie an Generaldirektoren. Früher hielten wir die Mittellinie, jetzt wollen wir in alle sozialen Schichten eindringen.«

Ganz fein tut sich Steinbach mit seinem »Exklusivprogramm": Retiros der Luxusklasse an der spanischen Costa del Sol, auf Madeira oder Teneriffa, die ehedem nicht zum Contraeta-Genre gehörten. Im Mai wurden Snobs erstmals zu ihren Traumbungalows an der andalusischen Küste mit dem Kreuzfahrtschiff MS Europa transportiert.

Da Großverdiener die Anlage ihrer Spitzengewinne meist Vermögens- und Steuerberatern anvertrauen. schalteten die Contracta -- Manager auch diese Branche in ihr Vertriebssystem ein. Einigen tausend Steuerberatern boten sie eine einträgliche Nebenbeschäftigung auf Provisionsbasis an.

Um auch größere Kapitalanleger einzufangen, richtete die Contracta sogar ein Ressort »Kapital und Beteiligung« ein. Es vermittelt Partnerschaften an Großbauten wie Bürohäusern und Ladenzentren in der Bundesrepublik und wird demnächst auch geschlossene Immobilienfonds auflegen.

Weiteren Aufwind versprechen sich die Jung- Manager von Beteiligungen an deutschen Kur- und Erholungszentren. Sie wollen in den noch unerschlossenen Markt für Wochenendurlauber eindringen und hängen sich an die Rockschöße der »Trimm Dich fit« -- Apostel.

Dem alten Contracta-Boß Rudolf Ratzel paßte nun die ganze Richtung nicht mehr. In zwei Briefen an die Vertreter des Großaktionärs warnte er vor Fehlentscheidungen. Da aber niemand mehr auf ihn hörte, zog er im Juni grollend aus dem Verwaltungsgebäude an der Stuttgarter Gerockstraße aus und etablierte sich. 500 Meter entfernt, in einem alten Patrizierhaus. Dort strickt er nun mit einem Dutzend Mitarbeitern an einem Kontrastprogramm.

»lm Oktober lege ich mit meiner Verkaufswerbung los«, verriet Ratzel. Seine Kurbau-Gesellschaft hat bereits Eigentumswohnungen und ein Appartement-Hotel auf Teneriffa errichtet. Jetzt möchte sich der Ferienhäuslerbauer in Süddeutschland und Österreich, am Mond- und Attersee. in Reichenhall und bei Badgastein als Kurhotel- Bauherr betätigen.

Im harten Konkurrenzkampf will der entthronte Immobilienfürst seine frühere Firma »bald einholen. Damit es schneller geht, nahm er Verbindung mit dem Münchner Baulöwen Josef Schörghuber auf. Der Stuttgarter schlug dem im Bau-, Hotel- und Touristikgewerbe rudernden Großunternehmer vor, gemeinsam neue Luxusappartement-Silos im Stil des Münchner Arabellahauses in den Zentren des Ferienverkehrs hochzuziehen und die Wohnwaben an Spitzenverdiener zu verkaufen.

Bayerns Goldfinger läßt sich jedoch Zeit. Während Ratzel behauptet: »Schörghuber ist sehr scharf auf mich«, ging der wählerische Isarkrösus auf Distanz: »Bisher ist noch nichts beschlossen und gelaufen.«

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