Gesundheitsfonds Die Jagd nach den teuren Patienten

Der Finanzausgleich des Gesundheitsfonds sollte dem Wettbewerb der Kassen um junge Gesunde ein Ende machen. Doch die Regelung hat Nebenwirkungen: Jetzt wird der Vorwurf gegen einzelnen die Kassen laut, sie gingen auf die Suche nach schweren Krankheiten ihrer Patienten.


Berlin - Anfangs schien er noch Partei übergreifend als salomonische Lösung: der nach langem Streit ersonnene Milliarden-Ausgleich durch den Gesundheitsfonds. Doch die gute Absicht schafft allein noch kein gutes Ergebnis. Denn plötzlich müssen die Patienten aufpassen, dass sie von ihrem Hausarzt nicht kränker gemacht werden als sie vielleicht ohnehin schon sind.

Impfung: Ärzte zur Überprüfung ihrer Diagnose aufgefordert
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Impfung: Ärzte zur Überprüfung ihrer Diagnose aufgefordert

Gut einen Monat nach dem Fondsstart bemühen sich die Verantwortlichen nun, die Lücken im Kleingedruckten der Gesundheitsreform zu schließen. Allzu großen Bemühungen einzelner Krankenkassen, besonders viele lukrative Kranke für sich zu verbuchen, soll ein Riegel vorgeschoben werden.

Monatelang hatten Union und SPD oft bis tief in die Nacht hinein um die passende Regelung für den Finanzausgleich gerungen. Am Ende stand fest: Wenn es bei den Versicherten einer Kasse viele der 80 häufigsten und teuersten Krankheiten gibt, bekommt sie mehr Geld aus dem gemeinsamen Topf zugewiesen. Der gewünschte Effekt: Kassen sollten nicht mehr vor allem um junge Gesunde kämpfen. Selbst notorische Fonds-Gegner wie die Grünen sehen in dem Ausgleich zugunsten der Kranken einen der wenigen Lichtblicke der Reform.

Doch schon bald meldeten sich Experten und betroffene Kassen mit Warnungen zu Wort, die es in sich hatten. Wenn eine Kasse mehr für eine der aufgelisteten Krankheiten bekommt - dann wird sie mit Hilfe der Ärzte ihrer Versicherten womöglich auch häufiger genau diese Krankheiten feststellen. Der Fonds wäre Einfallstor für Manipulationen an den sensibelsten Daten, die die Bürger haben - ihren Krankenakten.

Drohung mit dem Staatsanwalt

Und tatsächlich: Kaum war der Ausgleich zugunsten der AOKs und anderer Großkassen mit vielen Dauer- und Schwerkranken eingeführt, schienen die Kassandrarufe schon bestätigt. So soll die AOK in Niedersachsen Ärzte häufiger aufgefordert, ihre Diagnosen noch einmal zu überprüfen. Im noch nicht unterzeichneten Hausärztevertrag der AOK Bayern ist nach Zeitungsberichten sogar von einer Prämie für Ärzte die Rede, die eine "detaillierte" Diagnose erstellen.

Publik machte die Missstände der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler: "Kassenvertreter versuchen, Ärzte zu ködern, um Diagnosen zu korrigieren." Die AOK in Bayern und in Niedersachsen standen bald am Pranger.

Seither ist der Verdacht nicht ausgeräumt, dass Kassen aus Geldgründen Ärzte dazu anhalten, die Symptome ihrer Patienten der einen oder anderen als teuer klassifizierten Krankheit zuzuordnen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) stellte betrügerischen Kassen daraufhin forsch einen Besuch des Staatsanwalts in Aussicht. Wer betrügerisch Patienten mit dem Ziel höherer Zuweisungen aus dem Fonds kränker mache, der müsse mit Ermittlungen rechnen. Jetzt wird aber zunächst die Aufsichtsbehörde tätig, das Bundesversicherungsamt in Bonn. Amtspräsident Josef Hecken kündigt Reaktionen für diese Woche an.

Gut einen Monat nach Fondsstart kommt damit das amtliche Eingeständnis, dass nicht alles glatt läuft. Von regelrechtem Betrug will Hecken allerdings nicht sprechen. Aber in Einzelfällen würden wohl nicht für die Patienten aller Kassen gleich gründliche Diagnosen gestellt. Kassen, die in kürzester Zeit durch exorbitant gestiegene Krankenzahlen auffallen, sollen nun trotzdem nicht mehr Geld aus dem Fonds bekommen - außer sie können die Veränderungen plausibel erklären. Hecken zeigt sich überzeugt: "Das ist ein geeignetes Instrument, um die Ausreißer auf den Pfad der Tugend zurückzuholen."

mik/dpa



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