Zur Ausgabe
Artikel 41 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Telekommunikation Gewaltig unter Druck

Telefonieren im Internet wird immer beliebter. Die neue Technik bedroht das angestammte Geschäft der Telefongesellschaften.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Norbert Liske hat einen Job, um den ihn viele Quasselstrippen beneiden. Als Mitarbeiter der Telekom kann er den ganzen Tag kostenlos telefonieren.

Liske leitet die Fachgruppe Netzentwicklung bei der Deutschen Telekom AG in Bonn. Ständig ist er auf der Suche nach neuen Ideen rund ums Telefon.

Auf eine völlig neue Art, mit der jedermann billig telefonieren kann, ist Liske im vergangenen Jahr gestoßen. Seither nutzt er nicht mehr die Telekom-Leitungen, wenn er mit seinen Kollegen in Tokio oder Washington spricht. Statt dessen telefoniert er von seinem Computer aus nach Übersee - via Internet.

Telefonieren über den weltumspannenden Datenhighway des Internet ist der neueste Geheimtip im boomenden Markt der Telekommunikation. Schon an die zwei Dutzend verschiedene Softwareprogramme, vom Cyberphone bis zu Webtalk, versprechen den Computerfreaks eine ganz neue Dimension am bislang sprachlosen Rechner.

Die neue Errungenschaft der Computerbranche könnte vor allem den klassischen Telefongesellschaften gefährlich werden. Erstmals geraten sich die herkömmliche Technik und der Personalcomputer in die Quere, die bislang getrennten Netzwelten werden zu direkten Konkurrenten. »Noch ist das Bedrohungsszenario völlig diffus, doch wir kümmern uns sehr intensiv darum, was da abläuft«, sagt Telekom-Mann Liske.

Unschlagbare Vorteile hat die neue Kommunikationsform bei den Tarifen: Bis auf die Verbindungsgebühren zum nächsten Internet-Knoten fallen für das Telefongespräch auf der Datenautobahn keinerlei Kosten an.

In vielen Städten wird damit für PC-Plauderer nur der Ortstarif fällig, egal ob nach Australien oder nach Zypern telefoniert wird. In den USA, wo Ortsgespräche oft mit der monatlichen Grundgebühr abgedeckt werden, schlagen Internet-Telefonate auf der Rechnung überhaupt nicht zu Buche.

Noch registrieren die Fernsprechfirmen keinen Rückgang ihrer Gebühreneinnahmen. Bislang war die neue Möglichkeit aber auch nur etwas für technisch begabte Insider. Weltweit telefonieren höchstens eine Million Computerbesitzer via Internet. In Deutschland, so schätzen Branchenkenner, sind es gerade mal einige tausend.

Doch wenn die Zahl der PC-Quasseler ansteigt und das Internet-Telefonieren zum Massenphänomen wird, »geraten die Telefongesellschaften gewaltig unter Druck«, ahnt James Clark, Gründer der Internet-Aufsteigerfirma Netscape. Auch Eli Noam vom New Yorker Columbia Institute for Tele-Information warnte die Telekom-Manager Anfang Februar bei einem Besuch in Bonn: »Das Internet wird die heutige Basis der Telefongesellschaften untergraben.«

Technisch stellt das Telefonieren auf der Datenautobahn keine besonders großen Ansprüche an die Computerausstattung, ein moderner Standard-PC genügt. Außer dem Modem zum Anschluß ans Datennetz sind nur Mikrofon und Lautsprecher sowie eine entsprechende Software erforderlich.

Beim Komfort müssen die PC-Telefonierer vorerst noch gewaltige Abstriche machen. Einer der Gründe: Da die Sprache, anders als beim normalen Telefonieren, im Computer in digitale Bits und Bytes umgewandelt werden muß, ist die Qualität ziemlich dürftig. Oft kommt die Stimme am anderen Ende der Leitung verzerrt an, einzelne Silben verschwinden bisweilen völlig in den Weiten des Cyberkosmos.

Bevor die Plauderei am PC beginnen kann, müssen die Gesprächsteilnehmer, per E-Mail oder durch einen Lockruf über das normale Telefon, genau verabreden, wann und wo sie sich im Netz zum Plausch treffen wollen. Aber selbst dann funktioniert die Technik meist nur, wenn beide Gesprächspartner die gleiche Software benutzen und die Datenautobahn nicht verstopft ist - und das ist in letzter Zeit immer häufiger der Fall.

Doch die Programmierer machen rasend schnell Fortschritte. Als vor gut einem Jahr die ersten PC-Programme zum Telefonieren aufkamen, erinnerte das Verfahren eher an die Technik beim Funkgerät: Es konnte immer nur einer sprechen. Inzwischen können bei vielen Programmen beide Gesprächsteilnehmer gleichzeitig reden.

Die israelische Firma VocalTec, die als Pionier auf dem Gebiet der Telefonsoftware gilt, entwickelte sich zum Steilaufsteiger der Branche. Im ersten Quartal 1996 stieg der Umsatz der Israelis auf 1,3 Millionen Dollar, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 351 000 Dollar.

Inzwischen haben auch Internet-Liebling Marc Andreessen (Netscape) und sein erbitterter Gegenspieler Bill Gates von Microsoft den Wachstumsmarkt entdeckt. Anfang Mai kündigte Andreessen an, daß die neue Version des populären Netscape-Navigators die Möglichkeit zum Telefonieren im Internet bietet. Vom Sommer an will Bill Gates die neue Funktion ebenfalls in seinen Internet-Browser einbauen. Und dann sollen Netscape-Nutzer auch mit Microsoft-Anwendern telefonieren können.

Noch weiter geht die im Dezember 1995 gegründete US-Firma JFax Communications. Sie will demnächst eine Software auf den Markt bringen, die Computer und jedes normale Telefon miteinander verbindet. Auch Vorreiter VocalTec arbeitet fieberhaft an ähnlichen Plänen. »Das Potential ist gewaltig«, ahnt JFax-Vizepräsident Geoff Goodfellow.

Schon formiert sich bei den Telefonfirmen erster Widerstand gegen die drohende Invasion der Internet-Plauderer. Die Schweiz hat Privatleuten das Telefonieren im Internet verboten, in Kanada liegt die Fernmeldeaufsichtsbehörde im Clinch mit einem Anbieter der neuen Technik.

Mit einer Eingabe in Washington wollen sich 130 kleinere Telefonfirmen in den USA gegen das Internet-Telefon wehren. Doch die Chancen stehen schlecht, denn die Regulierungsbehörde FCC ließ bereits durchblicken, daß sie die neuen Anbieter nicht bremsen will.

Ohnehin läßt sich ein Verbot nicht durchsetzen. Denn auf der Infobahn kann niemand feststellen, was sich wirklich hinter den Bits und Bytes verbirgt - Daten oder Worte.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 41 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.