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Geldanlage Gewinn mit Baudenkmälern

Lübecker Bürger wollen auf dem Kapitalmarkt mit Hilfe von Abschreibungspräferenzen Millionen-Beträge für die Restaurierung historischer Bauten sammeln.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Bundesfinanzminister Schmidt und Kabinettskollege Lauritzen erreichte in den letzten Tagen ein ungewohnlicher Hilferuf. In Eilbriefen forderte die Bürgerinitiative »Aktion Gestaltetes Lübeck« die Minister auf, ihr bei der Gründung »absolut seriöser Abschreibegesellschaften« zur »Rettung historischer Stadtkerne« zu helfen.

Die von dem Lübecker Rechtsanwalt Dr. Klaus Brock geführte Bürgertruppe verlangt ein Gesetz, das Kapitalbeteiligungen an denkmalgeschützten Bauten mit Steuervergünstigungen nach dem Muster des alten Zonenrandförderungsgesetzes belohnt. »Erstrebenswert«, so betonen die Lübecker, sei ein Sonderabschreibungssatz von »30 Prozent für bewegliches und 50 Prozent für unbewegliches Anlagevermögen«.

Eine rasche Entscheidung ist nach Meinung der Aktionsgemeinschaft notwendig, weil schon ihr erstes Projekt, eine Abschreibungsgesellschaft für historische Lübecker Bauten, Modellcharakter erlangen könnte.

Tatsächlich sind Bund, Länder und Gemeinden finanziell so überfordert, daß ihnen für Ankauf und Restaurierung verfallbedrohter Baudenkmäler kaum Geld zur Verfügung steht. Allein die in Westdeutschland notwendige Städtesanierung wird nach Schätzungen von Experten in den nächsten Jahrzehnten »mehrere hundert Milliarden Mark« kosten. In welchem Umfang dabei historische Stadtteile erhalten werden können, ist noch völlig ungewiß.

Für die Sanierung der rund zwei Quadratkilometer großen Lübecker Altstadt zum Beispiel rechnen Fachleute mit einem Finanzbedarf von 500 Millionen bis zwei Milliarden Mark. Im Stadtetat stehen 1972 zur Sicherung der 630 historischen Gebäude jedoch nur 80 000 Mark zur Verfügung.

Auf den Gedanken, mit Hilfe von privatem Kapital wenigstens die 200 000 in der Bundesrepublik denkmalgeschützten Gebäude zu retten, kamen die Lübecker schon vor einem Jahr. als die Aktionsgemeinschaft gegen den Bau des 35stöckigen Hotelriesen Maritim am Travemünder Ostseestrand zu Feld zog. Die Bürgertruppe konnte das »landschaftsverschandelnde Projekt« trotz 10 000 Kampfunterschriften zwar nicht verhindern, die intensive Beschäftigung mit dem »Erbfeind« (Brock) brachte dem Vorstand jedoch »wertvolle Finanzierungserkennsnisse«.

Wie gründlich die Lübecker ihre Lektion gelernt hatten, bewies Aktionsgemeinschaftssprecher Brock auf dem Anfang dieses Jahres veranstalteten internationalen Kolloquium »Rettet Lübeck«. Der ungeduldige Rechtsanwalt schlug dem Auditorium vor, für die Baudenkmäler »so etwas wie eine Maritim-Gesellschaft« zu gründen.

Das neue Unternehmen sollte vom Staat die gleichen Verlustzuweisungen fordern, wie sie bisher »für weniger vernünftige Zwecke« gewährt worden seien. Steuern wollten die Gesellschaftsgründer aber auch mit Hilfe des Städtebauförderungsgesetzes sparen, das für die Renovierung denkmalgeschützter Bauten zehn Jahre lang eine Zehn-Prozent-Sonderabschreibung zuläßt.

Nach Ansicht der Aktionsgemein schaft könnte das Land Schleswig-Holstein die Denkmalpräferenz in einem »Billigkeitserlaß« auch auf kürzere Zeiträume verteilen: »Beispielsweise 50 Prozent Sonderabschreibung im ersten, 20 Prozent im zweiten und den Rest in den folgenden Jahren.«

Die Vorschläge der Burgergruppe erregten in Lübeck so viel Aufsehen, daß Bürgermeister Werner Kock bald öffentlich die Frage stellte, weshalb man steuerliche Privilegien »bisher für Profit ... für Schiffbau, nichtfliegende Flugzeuge und Hotels«, nicht aber für Projekte wie die Erhaltung der Lübecker Altstadt gewährt habe.

Das Engagement des Stadtoberhaupts veranlaßte die Aktionsgemeinschaft, ihre Pläne weiter zu präzisieren. Nach dem jetzt vorliegenden Gesellschaftskonzept soll die Denkmalgesellschaft als GmbH & Co. KG ins Handelsregister eingetragen werden.

Freilich wollen die Firmengründer die ersten Kommanditbeteiligungs-Prospekte an Kaufleute, Zahnärzte. Rechtsanwälte und andere wohlhabende Freiberufler erst dann verschicken, wenn neben den erwarteten Steuervergünstigungen auch eine Beteiligung der Stadt Lübeck gesichert ist.

Die schlauen Denkmalschützer wollen die Stadt zu ihrer Komplementärin machen, weil sie mit Hilfe des Gemeinde-Vorkaufsrechts alte Gebäude besonders preiswert zu erwerben hoffen. Brock: »Was Lübeck an denkmalgeschützten Häusern kaufen kann, muß der GmbH & Co. KG veräußert oder in Erbpacht übertragen werden.«

Um den Stadtvätern solchen Handel schmackhaft zu machen, will die Initiativgemeinschaft den künftigen Gesellschaftsbesitz auch »wirtschaftlich nutzen«. So sollen hinter historischen Fassaden »Wohnungen mit exklusiven Adressen« entstehen. Andere Häuser will die Denkmal KG an Boutiquen- und Lokalbesitzer vermieten.

Da die Ratsherren über eine Beteiligung der Stadt noch keine Entscheidung getroffen haben, will die Initiativgemeinschaft jetzt eine »breite Diskussion« über ihre Pläne entfachen. Gleichzeitig sollen Bonner Politiker zu »verbindlichen Stellungnahmen« über die geforderten Sonderabschreibungen ermuntert werden.

Für den Fall, daß eine Gesetzesinitiative nach dem Muster des alten Zonenrandförderungs-Gesetzes keinen Erfolg verspricht, haben die Lübecker Denkmalschützer in ihrem Brief an die Bonner Minister noch eine zweite Möglichkeit aufgezeigt, sich bei Geldanlegern und kulturbeflissenen Studienräten beliebt zu machen: Durch die »analoge Anwendung des Paragraphen 131 der Reichsabgabenordnung«, nach der die oberste Finanzbehörde »im Einzelfall Steuern ... ganz oder zum Teil erlassen« kann.

Brock: »Wenn unsere Rechnung aufgeht, werden wir den Kommanditisten bald 140 Prozent Verlustzuweisung und zehn Prozent Jahresdividende gewähren können.«

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