Gezeiten-Energie Mondkraft für die Massen

Saubere Energie aus dem Meer - in Großbritannien soll diese Vision erstmals in großem Stil umgesetzt werden. Ein gigantisches Gezeitenkraftwerk könnte fünf Prozent des gesamten Strombedarfs der Insel decken. Experten fordern nun ähnliche Projekte in Deutschland, zum Beispiel vor Sylt.
Von Henning Zander
Turbine für das Gezeitenkraftwerk in Strangford: Vorbild für Deutschland?

Turbine für das Gezeitenkraftwerk in Strangford: Vorbild für Deutschland?

Foto: epa Str/ picture-alliance/ dpa

Hannover - Großbritannien will es vormachen. Ein einziges Kraftwerk soll fünf Prozent des gesamten Stromverbrauchs der Insel decken - insgesamt 8,6 Gigawatt. Ohne CO2-Ausstoß, ohne Atommüll. Allein die Kraft der Gezeiten soll die nötige Energie liefern. Der Name des Projekts: Severn Barrage.

Der Tidenhub an der Flussmündung des Severn, des größten britischen Flusses, beträgt 15 Meter. Diese gigantischen Kräfte sollen nun genutzt werden. Der Plan: Das Wasser soll mit einer Staumauer zurückgehalten werden und beim Zurückfließen bei Ebbe Turbinen antreiben.

Kritiker fürchten massive Eingriffe in die Flusslandschaft, die Finanzierung ist noch offen - und trotzdem: Die Energie des Mondes, der Ebbe und Flut bewirkt, ist unerschöpflich, und das macht dieses Projekt für viele so interessant. Gegen alle Widerstände tüfteln Experten deshalb daran, die ewige Kraft zu nutzen. Nicht nur in Großbritannien, sondern auf der ganzen Welt.

Auch in Deutschland könne man die Kraft der Gezeiten nutzen, sagt Kai-Uwe Graw, Professor für Wasserbau an der Universität Leipzig. "Eine geeignete Strömungsgeschwindigkeit gibt es an der deutschen Küste zum Beispiel vor der Insel Sylt auf Höhe der Stadt Hörnum." Bei rund drei Metern pro Sekunde herrschten für Strömungsanlagen optimale Bedingungen.

Startschwierigkeiten mit der Technik sind gelöst

Schon in den neunziger Jahren machte Graw auf die Stelle aufmerksam. Seiner Ansicht nach ließe sich ein Gezeitenkraftwerk gut mit dem Küstenschutz verbinden. Denn durch die Anlage würde der Meeresströmung Energie entzogen. Die Erosion der Sandküste könnte so verringert werden.

Bisher stand die Technik dafür nicht zur Verfügung. Denn die Anlagen sind unter Wasser extremen Einflüssen ausgesetzt, die Strömung zerrt an den Rotorblättern. Außerdem wirken die Kräfte unterschiedlich stark an den Kanten und an der Nabe. Für die Belastung mussten spezielle Designs entwickelt werden. Darüber hinaus sollten sich die Rotoren nach der Strömung ausrichten, um diese immer optimal auszunutzen. Auch für die Wartung und die Anbindung an das Netz gab es bislang keine kostengünstigen Lösungen.

Wenn es nach Kai-Uwe Graw ginge, wäre die Zeit nun allerdings reif. Dass die Technik funktioniert, beweist seit Sommer 2008 das Strömungskraftwerk Seagen in der Meerenge von Strangford vor der nordirischen Küste. Die Anlage funktioniert wie ein Windrad unter Wasser. Die Rotorblätter werden durch die Kraft der Strömung angetrieben, die am Standort rund 2,4 Meter pro Sekunde beträgt. Zwei Rotoren mit 16 Meter Durchmesser erzeugen dabei eine Leistung von etwa 1,2 Megawatt. Damit ist Seagen das derzeit leistungsstärkste Meeresströmungskraftwerk der Welt. Zum Vergleich: Ein großes Windrad bringt es auf eine Leistung von gut fünf Megawatt.

Die Leistung soll der eines kleinen Kohlekraftwerks entsprechen

In Strangford können die Rotoren entlang eines Turms über die Wellen gehievt werden, um dort gewartet zu werden. Vom Boden bis hinauf zur Turmspitze misst die Anlage 40,70 Meter, davon stehen rund 24 Meter ständig unter Wasser.

Für Sylt wäre die Anlage damit zu mächtig. Doch eventuell könnte sich hier ein anderes Projekt anbieten. Die Firma Voith Hydro aus Heidenheim will zusammen mit RWE Innogy Ende des Jahres einen Prototypen für ein Strömungskraftwerk vorstellen, das nicht an einem Turm befestigt, sondern an Kufen auf den Meeresboden hinabgelassen wird. Die Flügel des Prototypen erinnern weniger an ein Windrad als an den Propeller eines Motorbootes. Sie sind symmetrisch designt, so dass sie bei kommendem und abfließendem Wasser nicht neu ausgerichtet werden müssen.

Die Testanlage ist Teil eines Kraftwerkprojektes vor der südkoreanischen Küste. Langfristig sollen hier Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 600 Megawatt installiert werden - so viel wie ein kleines Kohlekraftwerk. Damit könnte Strom für rund 400.000 koreanische Haushalte produziert werden. Für die Zukunft sind auch Testanlagen in Europa geplant.

Strömungsanlagen sind verträglicher als herkömmliche Gezeitenkraftwerke

Das große Problem ist jedoch der Umweltschutz. Denn unter Experten ist umstritten, wie sich große Strömungsanlagen auf die Umwelt auswirken. Immerhin gelten sie als verträglicher als herkömmliche Gezeitenkraftwerke.

Als 1966 das derzeit größte Gezeitenkraftwerk bei Saint-Malo in der Mündung der Rance in Betrieb genommen wurde, führte dies zu erheblichen Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt. Der Grund: Das fließende Gewässer wurde durch eine Stauanlage in ein stehendes verwandelt.

Strömungsanlagen hingegen können von Fischen umschwommen werden. Außerdem wird das Ufer nicht beeinträchtigt, weil die Anlagen auf den Grund gelassen werden.

erneuerbaren Energien

Offshore-Windkraft

Wettbewerbsfähig ist der Strom allerdings noch nicht. Selbst im Vergleich zu anderen ist die Nutzung der Gezeitenkraft sehr teuer. Nach Berechnungen der britischen Regierung würde Strom aus dem Severn-Barrage-Projekt rund 317 Pfund pro Megawattstunde kosten. Zum Vergleich: kostet 85 Pfund.

Wasserkraft-Technologie

Auch vor Sylt wäre der Strom nicht gerade günstig zu bekommen. Doch auch so könnte die Anlage einen Sinn erfüllen, sagt Experte Graw. Denn deutsche Unternehmen gehören weltweit zu den führenden in der . Eine Demonstrationsanlage in der Heimat sei da einfach Pflicht.

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