Griechenlands Schuldenpoker IWF-Chefin Lagarde lässt Varoufakis abblitzen

Die Zeit wird knapp im griechischen Schuldenstreit. Am Rande der IWF-Frühjahrstagung in Washington bemühte sich Athens Finanzminister Varoufakis um einen Zahlungsaufschub. Weit kam er nicht.
Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis in Washington: Zu unterschreiben "wäre falsch"

Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis in Washington: Zu unterschreiben "wäre falsch"

Foto: PAUL J. RICHARDS/ AFP

Die Uhr tickt für Griechenland: Im Mai und Juni muss Athen rund 2,5 Milliarden Euro Hilfsgelder an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Doch die Syriza-Regierung hat dieses Geld derzeit nicht. Also müsste Finanzminister Gianis Varoufakis eigentlich bei IWF-Chefin Christine Lagarde bescheiden um eine Gnadenfrist bitten.

Doch bekanntlich will Varoufakis immer alles anders machen, allein schon durch sein Auftreten. Das gilt auch und gerade in Washington: Ringsum Maßanzüge, gestärkte Hemden, pastellschimmernde Krawatten, Insignien der Macht - doch Griechenlands Finanzminister erscheint salopp, in Sportsakko und offenem Hemd. Sein rechter Kragen ist keck nach oben geknickt.

"Wir werden Kompromisse machen, wir werden Kompromisse machen, und wir werden Kompromisse machen", sagt Varoufakis. "Aber wir werden uns nicht kompromittieren lassen."

Finanzminister Varoufakis: "Wir werden uns nicht kompromittieren lassen"

Finanzminister Varoufakis: "Wir werden uns nicht kompromittieren lassen"

Foto: PAUL J. RICHARDS/ AFP

Flott gesagt, doch folgenschwer: Es ist eines dieser Wortspiele, die Varoufakis zum Darling des Anti-Establishments gemacht haben. Zugleich illustrieren allein diese zwei Sätze die Aussichtslosigkeit der Sache, die ihn am Donnerstag erneut nach Washington gebracht hat.

Nein, er ist nicht wegen des griechischen Unabhängigkeitstags hier, zu dem Präsident Barack Obama ins Weiße Haus geladen hat. Den VIP-Empfang im East Room lässt sich Varoufakis zwar nicht entgehen. Doch das ist ein ironischer Zufall des Timings - ein Nebenschauplatz an diesem Tag, an dem es um nichts Geringeres geht als Europas Einheit.

Griechenlands Verhandlungen mit seinen Gläubigern stecken fest. Ein Verzug bei den Rückzahlungen hätte dramatische Folgen, nicht nur für Griechenland.

Also ist Varoufakis abermals in Washington, wo diese Woche die IWF-Frühjahrstagung stattfindet. Alle sind da, die etwas zu sagen haben in der Griechenland-Krise. Varoufakis hofft, mit seinem spröden Charme weiterzukommen - allen voran bei IWF-Direktorin Christine Lagarde.

Die begrüßt ihn denn auch ähnlich flott, in schwarzer Lederhose und hohen Hacken. Aber damit sind die Gemeinsamkeiten schon vorbei.

Es muss ein kühles Gespräch gewesen sein, hoch über dem lichtdurchfluteten IWF-Glasatrium. Anschließend dementiert Varoufakis ein zuerst von der "Financial Times" kolportiertes Gerücht, Athen habe informell um Zahlungsaufschub gebeten - und sei damit abgeblitzt.

Doch Lagarde gibt Varoufakis sogar eine öffentliche Abfuhr. Sie bestätigt die Meldung zwar nicht, lobt deren Co-Autor Chris Giles aber augenzwinkernd als "sehr gut informiert". Ein Aufschub sei jedenfalls so unerwünscht wie beispiellos: "Noch nie hat uns eine entwickelte Volkswirtschaft um Zahlungsaufschub gebeten." Für alle gälten die gleichen Spielregeln: "Wie Sie wissen, basiert der IWF auf Regeln."

Die Regeln: Darauf pochen sie hier immer wieder. Was, wenn Athen sich nicht an diese Regeln hält und die Frist verstreichen lässt? "Wir kennen das Konzept der Gnadenfrist nicht", heißt es in IWF-Kreisen spitz. "An dem Tag, an dem eine Zahlung nicht erfolgt, wird das als Nichtzahlung verbucht." Und wieder: "Wir halten uns an die Regeln."

IWF-Chefin Christine Lagarde: "Wie Sie wissen, basiert der IWF auf Regeln"

IWF-Chefin Christine Lagarde: "Wie Sie wissen, basiert der IWF auf Regeln"

Foto: NICHOLAS KAMM/ AFP

Darauf besteht nicht nur der IWF. "Europa erwartet, dass sich alle an das vereinbarte Programm halten", mahnt auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der seinen Besuch hier mit einer Fragestunde an der Brookings Institution veredelt, einem der ältesten Thinktanks.

Zwar warnt Schäuble vor allzu lautem "Griechenland-Bashing". Doch müsse Athen Ernst machen mit seinen Reformen. So wie Irland, Spanien, Portugal: Die Länder, die "echte Reformen implementiert haben, beginnen die Früchte ihrer Anstrengungen zu sehen", sagt er.

Dass er freilich bei Griechenland kaum mehr Hoffnungen habe, ließ Schäuble schon tags zuvor bei einer Rede in New York erkennen. "Niemand erwartet, dass es eine Lösung geben wird", sagte er zum Treffen der EU-Finanzminister Ende nächster Woche im lettischen Riga.

Denn auch Varoufakis gibt keinen Deut nach. "Nichts wäre für mich persönlich einfacher, als auf der gepunkteten Linie zu unterschreiben", sagt er, als er eine halbe Stunde nach Schäuble auftritt. "Doch das wäre falsch." Klartext: Varoufakis will die Reformen in Einzelteilen verhandeln - während der IWF auf dem kompletten Paket beharrt.

Varoufakis verwandelt seinen Auftritt in eine Vorlesung, deren Publikum sowohl hier im rappelvollen Saal sitzt wie auch in Athen: Er doziert, zitiert, schulmeistert, gibt sich herablassend-souverän - und zugleich als Opfer: Griechenland werde zu Unrecht angegriffen.

Nach der Brookings-Runde fährt er zur Feier ins Weiße Haus. Als Leiter der griechischen Delegation und erster Vertreter der neuen Regierung schüttelt er Obama da die Hand. Zu mehr als einem kurzen Smalltalk kommt es allerdings nicht: Ein formelles Treffen der beiden, sagt Obama-Sprecher Josh Earnest, sei von Anfang an nicht eingeplant gewesen.


Zusammengefasst: Griechenland will seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds (IWF) später zurückzahlen als geplant. Doch IWF-Chefin Christine Lagarde pocht darauf, dass Athen bis Ende Juni 2,5 Milliarden Euro überweist. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat noch einmal betont, dass er schnelle Reformen von der Syriza-Regierung sehen will. Sein griechischer Amtskollege Gianis Varoufakis lehnt auch diese Forderung ab.

Mitarbeit: Sebastian Fischer
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