Giftige Lebkuchen Behörde hält zu hohe Acrylamid-Werte unter Verschluss

Seit die Verbraucherorganisation Foodwatch den Acrylamid-Wert von Lebkuchen testet, sinkt dieser kontinuierlich. Allerdings nur bei den Marken, die getestet werden: Interne Messungen des Bundesamtes für Verbraucherschutz zeigen, dass sich der krebserregende Stoff immer noch zuhauf in dem Weihnachtsgebäck findet.


Hamburg - Alle Jahre wieder stapeln sich die Packungen mit Weihnachtsgebäck im Berliner Büro der Verbraucherorganisation Foodwatch. "Gewürz-Spekulatius" von Borggreve, "Butter-Spekulatius" von Lambertz und Bahlsen, "Bio-Spekulatius" von Allos finden sich hier genauso wie die "Contessa"-Lebkuchen von Bahlsen und "Feinste Nürnberger Elisen-Lebkuchen" von Lidl. Gegessen wird davon nichts, denn die Süßigkeiten wandern ins Labor, seit Jahren testet die Verbraucherorganisation den Acrylamid-Wert der Produkte.

Die Ergebnisse sind in diesem Jahr erfreulich: Bei neun von elf getesteten Lebkuchensorten haben sich die Werte des krebserregenden Stoffes auf einem relativ niedrigen Niveau eingependelt. Lediglich zwei Produkte - der Bio-Lebkuchen von Allos und die Pulsnitzer Delikatess Lebkuchen - liegen mit rund 500 Mikrogramm um das zehnfache höher als der Durchschnitt. Auch bei den sechs getesteten Spekulatiussorten gibt es Verbesserungen, gravierende Ausreißer gibt es nicht.

"Die Messwerte zeigen, dass es offenkundig Folgen hatte, dass wir unsere Ergebnisse seit Jahren öffentlich gemacht haben", sagt Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. "Die Hersteller haben darauf reagiert und die Acrylamid-Werte beim Großteil der von uns getesteten Produkte deutlich gesenkt."

"Ernstzunehmendes gesundheitliches Risiko"

Und das ist gut so, denn tatsächlich ist der Stoff alles andere als harmlos - obwohl er sich automatisch beim Backen, Rösten und Braten bildet. Verlässliche Erkenntnisse über eine krebserregende Wirkung von Acrylamid beim Menschen gibt es bisher nicht, allerdings hat der Stoff bei Tierversuchen Krebs verursacht und das Erbgut verändert. Gesundheitsexperten gehen deshalb davon aus, dass er auch für Menschen alles andere als harmlos ist: Von der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde er in die Kategorie der krebserzeugenden Stoffe aufgenommen, das Bundesinstitut für Risikobewertung spricht von einem "ernstzunehmenden gesundheitlichen Risiko", weil der Stoff das Erbgut verändern könnte. Und sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit empfehlen, den Anteil von Acrylamid in der Nahrung "auf ein Mindestmaß" zu verringern. Laut WHO liegt das bei einem Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht.

Das allerdings scheint das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) nicht zu interessieren: Interne Listen der Behörde zeigen, dass es noch immer Hunderte von Lebkuchen und sonstigem Weihnachtsgebäck gibt, deren Acrylamidwert weit über dem Signalwert von 1000 Mikrogramm pro Kilo liegen. In den Listen - in denen die Produkt- und Herstellernamen anonymisiert sind - werden die Messergebnisse und Stichproben aus den Ländern zusammengeführt. Danach weist zum Beispiel der braune Lebkuchen mit dem Warencode 181921 einen Messwert von 1031 Mikrogramm Acrylamid aus, der Honiglebkuchen mit dem Code 181926 kommt auf 1530,5 Mikrogramm, der Oblatenlebkuchen mit dem Code 181913 gar auf 2422,6 Mikrogramm.

"Während die getesteten Hersteller inzwischen sehr auf den Acrylamid-Gehalt achten, zeigen die Daten aus dem BVL, dass sich daraus keine Aussage für den Gesamtmarkt ableiten lässt - im Gegenteil", kritisiert Wolfschmidt von Foodwatch. "Offenbar verlassen sich die übrigen Hersteller auf den Schutz, den die Anonymität der Messungen bietet. Die Behörden wissen das, nehmen vermeidbare Belastungen der Bevölkerung in Kauf."

BVL hält Veröffentlichung für verfrüht

Das BVL wehrt sich gegen diesen Vorwurf. "Nach alter Rechtslage war das BVL nicht dazu befugt, Untersuchungsergebnisse unter Nennung von Markennahmen zu veröffentlichen", rechtfertigt man die anonymen Daten in einer Stellungnahme gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das habe sich durch das neue Verbraucherinformationsgesetz zwar geändert, die Veröffentlichung von Daten, die vor dem 1. Mai 2008 erhoben worden sind, müsse man aber erst prüfen.

Ähnlich bürokratisch auch das Prozedere für die jetzt verkauften Lebkuchen und Spekulatius: Hier hält das BVL die Veröffentlichung zum gegenwärtigen Zeitpunkt für "verfrüht", da der Behörde "aufgrund der noch andauernden Probenahme und Analytik für dieses Jahr noch sehr wenige Untersuchungsergebnisse aus den Bundesländern gemeldet wurden". Eine Veröffentlichung würde daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein unvollständiges Bild abgeben, heißt es vom BVL weiter.

Sobald die Probenahme abgeschlossen ist und der Behörde sämtliche Ergebnisse vorliegen, will man prüfen, ob man nicht nur die Daten, sondern auch die Namen der betroffenen Produkte veröffentliche.

Dann aber ist Weihnachten vorbei. Und die Verbraucher haben das belastete Gebäck in aller Seelenruhe verzehrt.

sam



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