Gigaliner Größenwahn auf Rädern

Sie sind der Traum der Großspediteure, ein Alptraum für jeden Autofahrer: die Gigaliner, überlange Lkw mit bis zu 60 Tonnen Gewicht. Ob die Monster-Trucks dauerhaft auf Deutschlands Straßen fahren dürfen, beraten heute die Verkehrsminister.

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Hamburg - "Achtung Überlänge - Gigaliner" steht ganz hinten an der Plane, in rot weist eine Zahl auf die Länge hin: 25 Meter dürfen die Lkw sein und bis zu 60 Tonnen schwer. Den einen gelten die Riesenlastwagen als die Zukunft des Warenverkehrs, für die anderen sind sie der Inbegriff einer verfehlten Verkehrspolitik, gelten als umweltschädlich und wenig sicher.

Noch gibt es nicht all zu viele der als "Monster-Trucks" verrufenen Fahrzeuge auf deutschen Straßen, bislang sind sie nur im Rahmen von drei Modellversuchen unterwegs. Ob daraus ein dauerhafter Einsatz wird, darüber müssen heute die Verkehrsminister der Bundesländer entscheiden, die sich in Wernigerode zur turnusgemäßen Ministerpräsidentenkonferenz treffen. "Wahrscheinlich wird beschlossen werden, die Modellversuche zu Ende zu bringen und dann erst mal wissenschaftlich auszuwerten", heißt es von dort.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hält bislang wenig von den Gigalinern, und das liegt vor allem an einer Studie des Umweltbundesamtes, in der die Folgen eines flächendeckenden Einsatzes der Riesen-Lkw untersucht werden. Sie würden nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung des Güterverkehrs beitragen, sondern vielmehr zu einer deutlichen Verlagerung des Transports von der Schiene auf die Straße führen, heißt es in der Untersuchung.

14 Millionen Tonnen mehr Fracht

Denn die Riesen-Lastwagen könnten die Transportkosten für eine Tonne Ladung um 20 bis 25 Prozent gegenüber herkömmlichen Lkw senken - und damit die Frachttarife drücken. "Langjährige Marktbeobachtungen zeigen: Wird der Straßengüterverkehr um ein Prozent günstiger, geht die beförderte Menge auf der Schiene um 1,8 Prozent zurück", heißt es in der Studie. 14 Millionen Tonnen Fracht würden auf diese Weise von der Schiene auf die Straße zurückverlagert werden, so auch die Schätzung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). "Das widerspricht unserem Ziel, möglichst viel Transport auf die Schiene zu verlagern", kritisiert Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD. "Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Klimaberichts müssen wir dringend umweltfreundlichere Verkehrsträger fördern."

Beim Verband der Automobilindustrie (VDA) sieht man das anders. "Natürlich muss man die Ergebnisse der Großversuche erst mal abwarten", sagt Eckehart Rotter vom VDA. "Allerdings zeigen die ersten Ergebnisse, dass es ökologische und ökonomische Vorteile gibt." Durch den Einsatz der Groß-Lkw brauche man je nach Typ und Strecke zwischen 5 und 30 Prozent weniger Kraftstoff, um die gleiche Lademenge zu transportieren. Damit sinke auch der Schadstoffausstoß. "In den Ländern, in denen die Lkw eingesetzt werden, zum Beispiel in Holland, hat außerdem keine signifikante Rückverlagerung des Gütertransports auf die Straße stattgefunden."

"Bei den bisherigen Versuchen herrschen quasi Optimalbedingungen, was die Auslastung der Lkw angeht", sagt Burkhard Huckestein vom Umweltbundesamt. Da könne die Kraft- und Schadstoffbilanz durchaus ein bisschen besser ausfallen als bei herkömmlichen Lkw. Setze man die Gigaliner allerdings flächendeckend ein, sei dies nicht mehr realistisch. Man habe in der Studie festgestellt, dass es nur zu einer Kraftstoffeinsparung komme, wenn die Riesen-Lkw auch tatsächlich gut ausgelastet seien. "Sind weniger als 40 Paletten geladen - bei herkömmlichen Lkw können bis zu 34, bei Riesen-Lkw bis zu 52 Paletten geladen werden - ist der spezifische Verbrauch gegenüber den herkömmlichen Lkw sogar höher", heißt es denn auch in der Studie. Das gelte auch für den Kraftstoffausstoß, der nur bei einer "sehr hohen Auslastung" geringere Luftschadstoffemissionen aufweise. Insgesamt, so das Fazit, emittieren sie jedoch im Vergleich zur Bahn nach wie vor deutlich mehr.

Breitere Fahrbahnen, Rastplätze und Kreisverkehre notwendig

Es geht aber nicht nur um die Frage, ob die Riesen-Lkw der Umwelt schaden oder nicht. Unstrittig ist, dass die deutlich schwereren Transporter ihre Spuren auf Straßen und Brücken hinterlassen - so das Ergebnis der Bundesanstalt für Straßenwesen. Auf ein Gewicht von 60 Tonnen sei die hiesige Infrastruktur nicht ausgelegt, warnen die Fachleute und weisen darauf hin, dass die Sicherheitsmaßnahmen in Tunneln verbessert, die Fahrbahnen, aber auch Park- und Rastplätze, Kreisverkehre und Auffahrten verbreitert werden müssten. Schon die heutigen Lastwagen sind für einen Großteil der Straßenschäden verantwortlich. Insgesamt kämen so Belastungen von bis zu acht Milliarden Euro auf den Staat zu, schätzen die Experten von der Bundesanstalt. Kosten, die der Steuerzahler tragen muss.

Dazu kommt: Laut Einschätzung des Bundesumweltamtes haben Verkehrsunfälle mit solchen Fahrzeugen wegen des höheren Gewichts deutlich schwerere Folgen als Kollisionen mit herkömmlichen Lkw. Schon die Leitplanken halten den deutlich schwereren Lastwagen nicht stand. Was die Befürworter allerdings bestreiten. "Das sind Fahrzeuge mit modernsten Assistenzsystemen", sagt Rotter vom VDA. Bei den laufenden Versuchen habe es nicht einen einzigen Unfall gegeben, dazu komme der Abstandregeltempomat, der die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls um 71 Prozent, bei einem Fahrereingriff sogar um 88 Prozent verringere.

Dass sich die Verkehrsminister schon bei ihrem jetzigen Treffen auf eine einheitliche Lösung einigen, ist eher unwahrscheinlich. Geplant ist, im Herbst wieder zusammen zu kommen, vielleicht findet man dann einen Kompromiss. Huckstein vom Umweltbundesamt befürchtet allerdings genau diesen: "Ich befürchte, dass die Länder sich langfristig darauf einigen, Sondergenehmigungen zu verteilen." Das allerdings wäre dann das Einfallstor, der Druck, immer mehr Ausnahmen zu machen, würde immer höher.

Für dieses Mal haben die Verkehrsminister sich allerdings erst mal ein anderes Thema vorgenommen, man will die Ausweitung der Überholverbote von Lastwagen auf Autobahnen beschließen. Auch das ist wichtig - vor allem, wenn man sich die Überholmanöver mit den Riesen-Lkw vorstellt.

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