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AEG Ging ins Geld

Ein verlustreicher Großauftrag in Saudi-Arabien zögert die Sanierung der AEG hinaus. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

AEG-Chef Heinz Dürr warnte seine Mitarbeiter vor einem alten AEG-Übel. »Planung spielte bei uns immer eine große Rolle«, predigte der Elektromanager im Mai 1984, leider aber habe sie »selten gestimmt«.

Das Geschäftsjahr ist gerade zu Ende, da mußte auch der als Sanierer gefeierte Dürr seine Planzahlen korrigieren. Einen »passablen Ertrag« hatte er seinen von Kursstürzen und Kapitalschnitt arg geschundenen Aktionären vorausgesagt. Doch ein einziges Projekt hat die im letzten September aus dem Vergleich entronnene AEG wieder zurückgeworfen.

Ausgerechnet die mit 2,3 Milliarden Mark Umsatz größte AEG-Sparte Industrietechnik, auf der nach dem Ausverkauf anderer lukrativer Bereiche Dürrs ganze Hoffnung ruht, hat dem Chef »ein faules Ei ins Nest gelegt« (ein Aufsichtsrat).

Als Subunternehmer beim Bau der Universität im saudiarabischen Riad setzt die AEG rund 180 Millionen Mark zu. Die Verluste auf dieser Baustelle übertrafen sogar den Auftragswert, den sich Dürrs Spartenmanager für das 1982 vertraglich vereinbarte Projekt ausgerechnet hatten.

Der Frankfurter Elektrokonzern, von Dürr wohl etwas vorschnell wieder als ein »ganz normales Unternehmen« vorgestellt, wurde von seiner Vergangenheit eingeholt. Schlendrian und Schluderei, die schon zum Niedergang des einst nach Siemens zweitgrößten Elektrokonzerns führten, haben dem Frankfurter Sanierer in Riad ein wahres Desaster beschert.

Die Serie der Pannen begann bei der Abgabe des Angebots. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre hatten die Saudis den Bau einer großen Universität ausgeschrieben. Für rund 20 000 Studenten sollten 20 miteinander verbundene Gebäudekomplexe mit vielen elektronischen Raffinessen errichtet werden.

Die AEG bewarb sich um den Auftrag zur Installation der »Gebäudeautomatisierung«. Den Einbau der computergesteuerten Regelsysteme für 365 Klimaanlagen, die Elektronik zur Überwachung der Feuerschutzanlagen sowie der Alarmsysteme kalkulierte das deutsche Unternehmen nach damaligem Dollar-Kurs mit rund 90 Millionen Mark.

Den ersten Fehler machten Dürrs Mannen, als die Saudis ihr Mammut-Projekt um ein Drittel zusammenstrichen. Die AEG senkte daraufhin ihren Angebotspreis ebenfalls um ein Drittel. Was die Deutschen dabei übersahen: Gestrichen hatten die arabischen Auftraggeber überwiegend Projekte wie Sporthallen, in die keine komplizierte Technik eingebaut werden mußte. Am Umfang der AEG-Leistungen änderte sich weit weniger als ein Drittel des Gesamtprojekts. Da konnte die Kalkulation schon nicht mehr stimmen.

Folgenschwere Fehler leisteten sich später dann die AEG-Ingenieure. Keinem war anfänglich aufgefallen, daß die Baupläne des französisch-amerikanischen Konsortiums Bouygues-Blount auf den Normen des amerikanischen National Electric Code (NEC) gründeten. Die AEG durfte zwar ihre Schaltanlagen nach dem deutschen DIN- und VDE-Standard herstellen, mußte sie aber nach der NEC-Norm montieren.

Die Unachtsamkeit kam die Firma teuer zu stehen. Einige tausend Kilometer ummantelte Kabel und Aluminium-Schienen waren kalkuliert und bereits in den Fabriken bestellt, da mußten die in den USA gebräuchlichen verzinkten Stahlrohre und feinadrigen Kabel beschafft werden.

Auch die rund 800 gelieferten AEG-Schaltschränke für die Temperaturregelung paßten nicht in das von den US-Planern geforderte System. Zusätzliches Personal mußte eingestellt werden, um auf der Baustelle die mit Elektronik vollgestopften Anlagen umzubauen.

Die Monteure in der Wüste kamen zuweilen nicht voran, weil die Techniker in der Heimat die Einbaupläne immer wieder umwarfen. Da passierte es, daß die Männer in Riad bereits verlegte Kupferrohre in einer Länge von 400 Kilometern wieder rausreißen mußten. Die Kollegen daheim hatten sich plötzlich für Röhren mit einem größeren Durchmesser entschieden.

Schlamperei auch beim Einbau der 3000 Thermostate: Die Einsatzleitung hatte versäumt, sich genau die Zeichnungen für die Möblierung der Büro- und Laborräume, der Hörsäle und der Bibliothek anzusehen. So mußten 500 Klimaregler von den Wänden abmontiert werden, weil an diesen Stellen Einbauschränke, Regale oder Laboranlagen eingeplant waren.

Nach monatelanger, allzu lascher Kontrolle ihres Wüstenprojekts verfiel das AEG-Management in der Schlußphase ins andere Extrem.

Strikte Sparsamkeit wurde verordnet, was die AEG letztendlich teurer zu stehen kam. Mitunter stundenlang harrten deutsche Ingenieure auf den Baustellen aus und warteten auf Autos. Wegen der in Riad herrschenden Hitze von bis zu 50 Grad Celsius konnten die Techniker ihre komplizierten Kontroll- und Meßgeräte nur in vollklimatisierten Autos von einer Einsatzstelle zur anderen transportieren. Doch für diesen Zweck gab es nicht genügend Fahrzeuge, und die Frankfurter AEG-Kollegen weigerten sich beharrlich, zusätzliche Autos anzumieten.

Schließlich drohten die Saudis den Deutschen auch noch hohe Strafgelder an, weil die mit ihrer Arbeit nicht fristgerecht fertig wurden.

Laut Vertrag muß die AEG für jeden Tag, den sie in Verzug geraten ist, rund 80 000 Mark Strafe zahlen. Ende Juni 1984 jedenfalls, zum Abnahmetermin,

war die AEG noch längst nicht fertig. Noch immer, das erste Semester in der Uni von Riad ist in vollem Gange, werkeln die AEG-Männer in den Hörsälen herum.

Der Mann bei der AEG, der letztlich für das Millionen-Ding in der Wüste geradestehen muß, erfuhr von alledem erst sehr spät. Noch im Oktober rechnete Heinz Dürr mit Verlusten von rund 30 Millionen Mark. Wäre es dabei geblieben, hätte der gesamte AEG-Konzern für 1984 tatsächlich erstmals nach vielen Jahren einen winzigen Gewinn ausweisen können.

Montag letzter Woche reiste aus Hamburg Claus Müller, der Chef der AEG-Anlagentechnik, nach Frankfurt zum Rapport und offenbarte das ganze Ausmaß des Desasters.

Noch am gleichen Abend wurde Müller entlassen. Die Sanierung der AEG ist immer noch nicht geschafft.

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