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GEWERKSCHAFTEN Gleiche Brüder

Der Christliche Gewerkschaftsbund, den die CSU gegen den DGB aufbauen möchte, versteht sich mehr auf Polemik als auf Tarifgespräche.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Christliche Parteien und christliche Gewerkschaften, findet CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber, »sind Brüder aus der gleichen Familie«. Sie gehören zusammen.

Stoibers neu entdeckten Familiensinn weiß der Vorsitzende des Christlichen Gewerkschaftsbundes Deutschlands (CGB), Günter Volmer, zu schätzen. Denn obwohl Volmer seit Jahren die deutschen Arbeiter für eine »sinnvolle Gewerkschaftsvielfalt« zu begeistern sucht, trug der CGB zu dieser Vielfalt nur Splitter bei.

Der Christliche Gewerkschaftsbund, unter dessen Dach sich 17 Berufsverbände von Arbeitern, Angestellten und Beamten zusammengeschlossen haben, hat nach eigenen Angaben insgesamt nur etwa 245 000 Mitglieder. In die Einheitsgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) dagegen haben sich über 7,75 Millionen Arbeitnehmer eingeschrieben.

So zielt denn auch Stoibers überraschende Sympathieerklärung gegen die roten Brüder im DGB. Franz Josef Straußens Generalsekretär möchte dazu beitragen, die »Vorherrschaft des Sozialismus in der Bundesrepublik« zu brechen. Arbeitnehmer, die den Unionsparteien nahestehen, sollten doch bitt' schön in die christlichen Gewerkschaften gehen.

Das hatten auch die Christen, die 1955 mit Hilfe der katholischen Kirche den CGB gründeten, schon im Sinn: Sie wollten eine weltanschauliche und parteipolitische Alternative zum sozialistischen DGB bieten. Hauptziel der »Christlichen Richtungsgewerkschaft« sollte die Vertretung »christlicher Ordnungsvorstellungen« sein.

Bei der wichtigsten gewerkschaftlichen Betätigung, der Tarifpolitik, können die christlichen Gewerkschafter ihre Vorstellungen kaum durchsetzen. Weil sie zuwenig Mitglieder haben, nehmen sie an Tarifgesprächen nicht teil. Wenn es hoch kommt, besteht ihr Hauptbeitrag darin, daß sie die von den DGB-Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge im nachhinein mit unterschreiben.

Einzelne CGB-Berufsverbände -etwa der »Angestelltenverband Deutscher Milchkontroll- und Tierzuchtangestellten« oder der »Bund der Hotel-, Restaurant- und Cafeangestellten« -- zählen nur wenige hundert Mitglieder. Nur zwei Verbände haben immer* Ausrisse aus der »Deutschen Gewerkschafts-Zeitung«.

hin einige zigtausend Mitglieder. So gehören dem Christlichen Metallarbeiter-Verband (CMV) nach Angaben seines Vorsitzenden, des Sulzbacher Bundestagsabgeordneten Martin Schetter (CDU), etwa 40 000 Metallarbeiter an. Der Deutsche Handels- und Industrieangestellten-Verband, Nachfolger des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes, gibt etwa 60 000 Mitglieder an.

Auch bei Betriebs- und Personalratswahlen zeigen die christlichen Gewerkschaften wenig Anziehungskraft. Bei den letzten Betriebsratswahlen 1978 konnten sie nur einige Überraschungserfolge erringen, etwa bei VW und in einigen Stahlwerken, wo sie etwa 20 Prozent der Arbeiterstimmen gewannen.

Ihre Erfolge verdanken die Richtungsgewerkschafter jedoch am wenigsten ihrer eigenen Attraktivität. Viele Arbeiter votierten damals offenbar nur deshalb für den CGB, weil sie gegen das Verhalten bestimmter DGB-Funktionäre protestieren wollten. Insgesamt konnten die CGB-Kandidaten 1978 nicht einmal ein Prozent aller Betriebsratsmandate erringen.

Ihre geringe Bedeutung kompensieren die CGB-Oberen durch starke Worte. Mit Eifer attackieren sie alles, was sie für links, halten -- und das sind aus ihrer Sicht auch weite Teile der CDU, etwa die Sozialausschüsse des Norbert Blüm.

Vor allem die im Stil einer Boulevard-Zeitting aufgemachte »Deutsche Gewerkschafts-Zeitung«, ein Gemeinschaftsblatt der im CGB zusammengeschlossenen Arbeiter-Verbände, tut sich dabei hervor, wenn es gegen die Macht der Roten geht.

»Der rote DGB -- ein Büttel für die SPD«, polemisierte die Juni-Ausgabe der Gewerkschaftszeitung. »Chomeini und die IG Metall«, steht über einem anderen Artikel, der finstere Verschwörung der deutschen Gewerkschaften mit den Umstürzlern in aller Welt suggeriert. Da schien dem Blatt auch die Frage erlaubt: »Führte Arafat beim DGB den Griffel?«

Bei der »Deutschen Gewerkschafts-Zeitung« führt Werner Joachim Siegerist, der frühere »Bild«-Mann in Bremen, die Feder. Siegerist, einst auch CGB-Bezirksvorstand, hat sich schon seit Jahren als Kämpfer gegen alles Unrechte hervorgetan.

So verbreitete Siegerist in Niedersachsen teure Anzeigen gegen den »Bruderkuß« des damaligen stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Heinz Kühn mit Kreml-Chef Leonid Breschnew bei dessen Besuch in der Bundesrepublik. In Millionenauflage ließ Siegerist auch einen 100 000-Mark-Schein mit dem Konterfei des Bundeskanzlers drucken, der bei den Bürgern Inflationsfurcht schüren sollte.

Zu den Mitgliedern und prominenten Helfern des CGB zählt auch ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal. Am 1. Mai dieses Jahres trat der Mattscheiben-Mann als Hauptredner der CGB-Mai-Kundgebung in Heidelberg auf und referierte über sein Lieblingsthema: »Stoppt die Volksfront-Funktionäre«.

Löwenthal tat's sicher gern und gewiß ohne Gage. Andere Aktivitäten dagegen kosten gelegentlich Geld, und daß dies Geld nur Arbeitergroschen sind, können sich auch Freunde des CGB kaum vorstellen.

Haimo George, ehemaliger Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrates, hörte von spendenfreudigen nordhessischen Metallunternehmern. So gingen CGB-Funktionäre den Vorstandsvize der Frankfurter Metallgesellschaft, Prinz zu Sayn-Wittgenstein, um Unterstützung an. Auch prominente Mitglieder der Gewerkschaft wie der ehemalige Vizekanzler Erich Mende stehen auf der CGB-Spendenliste.

Mehr praktische Hilfe dagegen leistet die CDU-Parteizentrale in Bonn. So stellte Parteichef Helmut Kohl für einen CGB-Bundeskongreß einen Saal des Bonner Konrad-Adenauer-Hauses zur Verfügung.

Die Christ-Gewerkschafter nahmen dankend an, korrumpieren lassen sie sich durch derlei Freundlichkeit nicht. Als Kohl-Gegner Strauß seine Kanzler-Kandidatur anmeldete, kabelten die CGB-Kollegen ohne Zögern nach München: »Wir sind für Strauß als Kanzler-Kandidat.«

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