SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Mai 2008, 15:15 Uhr

Globale Finanzkrise

Warum die Wall Street ein schlechtes Vorbild ist

Von Wolfgang Kaden

Wall Street – ein Mythos zerbricht: Binnen acht Jahren produzierte das Zentrum der Hochfinanz zwei Mega-Crashs. Wann endlich macht der Rest der Welt sich unabhängiger von den amerikanischen Finanzjongleuren?

In einem Interview wurde Warren Buffett kürzlich gefragt, ob das aktuelle Bankendesaster die Schlagkraft der amerikanischen Finanzmärkte beschädigt habe. Der legendäre Großinvestor, angeblich der reichste Mann der Welt, antwortete: "Ich glaube, dass wir in unserem Land fabelhafte Kapitalmärkte haben. Sie wurden oft genug verbessert, um sie noch fabelhafter zu machen."

Fabelhafte Kapitalmärkte in den USA? Hat der gute Warren Buffett auf die alten Tage womöglich sein Urteilsvermögen eingebüßt?

Händler an der Wall Street: Amerika ist das größte Sicherheitsrisiko für die globalen Finanzmärkte
AP

Händler an der Wall Street: Amerika ist das größte Sicherheitsrisiko für die globalen Finanzmärkte

Noch ist die Finanzkrise nicht ausgestanden, auch wenn die schlimmsten Verluste inzwischen offengelegt scheinen. Aber es ist Zeit, die Verantwortlichkeiten klar zu markieren, um die richtigen Lehren aus diesem Mega-Desaster ziehen zu können.

Der Befund ist eindeutig: Für diesen Finanzcrash, der die Welt des Geldes nun seit fast einem Jahr durcheinanderwirbelt, der ohne sündhaft teures Eingreifen von Notenbanken und Regierungen die Weltwirtschaft in die Katastrophe geführt hätte – für diesen Crash zeichnet in erster Linie Buffetts Amerika verantwortlich. Genauer: die dortige Notenbank, die das Geld viel zu billig machte, und die Finanzindustrie der USA, die wieder mal die Bodenhaftung verloren hatte.

Wütender, billiger Anti-Amerikanismus? Nein, nur nüchterne Faktenaufnahme verbunden mit der nachhaltigen Empfehlung, zukünftig mehr Distanz zu halten zum Wildwest-Treiben der Wall Street. Amerika ist das größte Sicherheitsrisiko für die globalen Finanzmärkte.

Und vielfacher Wiederholungstäter. Ende der Neunziger und Anfang dieses Jahrzehnts war es vor allem die Wall Street, die der Welt mit einer absurden Überbewertung von Internet- und Technologieaktien erst eine riesige Börsenblase und dann einen der heftigsten Aktiencrashs aller Zeiten beschert hatte.

Zwei Jahre zuvor war es mit LTCM ein Hedgefonds der Wall Street, der mit seinem Zusammenbruch die Geldwelt an den Rand einer das Gesamtsystem erschütternden Krise gebracht hatte; nur eine konzertierte Rettungsaktion der US-Notenbank und der Wall-Street-Banken konnte das Unheil abwenden. Alles ganz fabelhaft.

Warum nur immer wieder die Wall Street? Gut, rund um diese Straße am südlichen Ende von Manhattan sind noch immer die meisten und einflussreichsten Geldhäuser der Welt versammelt. Wenn dort die Geschäfte aus der Spur geraten, geht es stets um beeindruckende Dimensionen, dann wackelt auch der Rest der Finanzwelt. Aber die schiere Größe der amerikanischen Geldindustrie liefert keine hinreichende Erklärung, warum Crashs in der Regel dort ihren Ursprung haben.

Erfindungsreichtum aus Geldgier

Da kommt wohl auch noch die amerikanische Mentalität ins Spiel. Die Freude am Wagnis, am immer wieder Neuen, die Amerikaner einerseits auszeichnet und ihre Unternehmen zu großen Innovatoren der Weltwirtschaft werden ließ – die aber andererseits im hochsensiblen Geldgeschäft, in dem ein Mindestmaß an Solidität zwingend ist, brandgefährlich werden kann. Zumal dann, wenn der Erfindungsreichtum und die Risikobereitschaft begleitet werden von banaler Geldgier. Wenn die wichtigste Regel des Bankkaufmanns außer Kraft gesetzt wird: dass hohe Renditen einhergehen mit hohen Risiken.

"Excessive debt and excessive pay" - exzessive Schulden und exzessive Bezahlung – das war dieses Mal die Zauberformel, mit der die Wall-Street-Banker ihr Riesenrad drehten. An der Schaltstelle saßen die Gurus der Big Five, der großen amerikanischen Investmentbanken: Goldman Sachs , Merrill Lynch , Morgan Stanley , Lehman Brothers und Bear Stearns.

Sie waren die Hauptgewinner des gigantischen Monopolys, von 2002 auf 2006 verdreifachten sie ihre Gewinne. Dass dies nur mit extrem hohen Risiken gelang, haben die heißen Jungs von den Investmentfirmen locker in Kauf genommen: Von 2002 bis 2007 stieg das Verhältnis von Ausleihungen zu haftendem Kapital bei den großen Fünf von 30:1 auf 41:1. Soll heißen: 41 Dollar Schulden waren mit einem Dollar eigenem Geld gesichert.

Den Gewinn allerdings strichen nicht in erster Linie die Aktionäre ein, den griffen sich die Akteure in den Geldhäusern. Bei Lehman, so das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune", sackten die sechs Top-Manager im Jahr 2006 deftige 150 Millionen Dollar ein. Der damalige Chef von Bear Stearns, James Cayne, ließ sich fürs gleiche Jahr obszöne 40 Millionen Dollar überweisen. Das Institut schrammte, wie bekannt, im Februar am Bankrott vorbei; die Bank konnte nur mit der Garantie der US-Notenbank gerettet werden.

Anders als bei haftenden Unternehmern, die im Fall des Fehlschlags mit dem Verlust ihres eingesetzten Kapitals bestraft werden, laufen die Investmentbanker keinerlei persönliches Risiko. Sie sind nur für die Prämien zuständig, nicht für den Einsatz. Wenn, wie im Fall von Bear Stearns und Merrill Lynch, die Bank im folgenden Jahr oder in späteren Jahren dank der Zockerei falliert, muss das die leitenden Angestellten nicht sonderlich kümmern. Cayne wird keinen seiner vielen Dollar zurückzahlen.

"Investmentbanken unterscheiden sich von Fußballvereinen nur unwesentlich. Letzten Endes wird alles an die Spieler verteilt, und für den Verein bleibt nichts." Das schrieb der Würzburger Betriebswirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger als Begründung für den Antrag an die Hauptversammlung der Deutschen Bank , das Investmentbanking vom übrigen Geschäft abzutrennen. (Der Antrag wird sicherlich abgelehnt, mit den Depotstimmen der Banken.)

Willige Helfer der Zocker: Die US-Ratingagenturen

Dass die Investmentbanker der Wall Street so ungeniert ins Risiko gehen konnten, hat mit einer Eigentümlichkeit des amerikanischen Bankwesens zu tun. 1933, nach der Weltwirtschaftskrise, wurden die amerikanischen Banken per Gesetz zerlegt: in jene Geldhäuser, die das traditionelle Geschäft des Commercial Banking abwickeln; und in jene, die als Investmentbanken für die großen Deals zuständig sein sollten.

Der Zwang zur Trennung wurde 1999 wieder aufgehoben, aber die beiden Bankentypen existieren fort. Mit einem gravierenden Systemmangel: Die Investmentbanken werden von den staatlichen Aufsehern längst nicht so scharf kontrolliert wie die gewöhnlichen Geschäftsbanken. Sie können mithin deutlich mehr riskieren, ohne dass die Kontrolleure einschreiten. Das taten sie dann auch und jonglierten mit immer höheren Schuldensummen.

Außerordentlich hilfreich waren bei diesem Tun die Ratingagenturen. Standard & Poor's und Moody's heißen die beiden weltweit größten, und sie sind, wo sonst, in Amerika zu Hause. Die Agenturen bewerteten die Papiere, in denen Tausende von Kreditforderungen zusammengefasst wurden, noch bis kurz vor Ausbruch der Hypothekenkrise mit Bestnoten. Nun müssen sie sich gegen den Vorwurf wehren, höchst parteiische Urteile abgegeben und die Käufer der Papiere in die Irre geführt zu haben: Sie haben sich von den Investmentbankern beim Zusammensetzen der Kreditverbriefungen als Berater engagieren und bezahlen lassen. Kein Wunder, so heißt es, dass die Bewertungen hinterher so gut ausfielen.

Nun wäre es wahrlich nicht fair, nur die Amerikaner für das Desaster zu tadeln. Schließlich fanden die Schuldenpapiere in der ganzen Welt reißenden Absatz, nicht zuletzt in Europa, nicht zuletzt in Deutschland. IKB , SachsenLB, Dresdner – kaum ein Bankvorstand konnte der Versuchung widerstehen, mit den gut verzinsten Verbriefungen das Ergebnis kräftig aufzubessern. Die Schweizer UBS verspielte unvorstellbare 40 Milliarden Schweizer Franken. Alle sind sie mitverantwortlich. Aber das ändert nichts am grundlegenden Befund: Die Kreditblase entstand an der Wall Street, das Desaster nahm seinen Anfang in Amerika.

Wird die dortige Finanzszene aus dem Debakel lernen? Sie wird, natürlich, wie sie immer aus solchen Krisen gelernt hat. Zum Einfach-so-Weitermachen war der Einschnitt zu teuer, viel zu teuer. Selbst Warren Buffett prophezeit in besagtem Interview, dass die Reparaturarbeiten "lange Zeit dauern und sehr schmerzvoll sein werden". Amerika wird die Investmentbanken zukünftig wahrscheinlich schärfer kontrollieren, die Banken werden womöglich ihre Bonussysteme überarbeiten, die Ratingagenturen werden vorsichtiger agieren.

Aber das alles sollte uns in Europa nicht ruhigstellen. Wir dürfen uns zunächst glücklich schätzen, das Wagnis des Euro eingegangen zu sein - und das entgegen den Warnungen der meisten US-Ökonomen, die Gemeinschaftswährung könne nur als Misserfolg enden. Noch ist der Dollar die globale Leitwährung, aber die Allmacht des Greenback bröckelt. 1,57 Dollar kostet heute ein Euro. Und das heißt: Das Vertrauen in Amerikas Wirtschaft, in das Land, das sich seit Jahren das Geld für seinen Lebensstandard in aller Welt zusammenborgt, ist dahin.

Vielleicht kapieren nun die Europäer und der Rest der nicht-amerikanischen Welt, dass Amerikas Finanzmärkte gar nicht so fabelhaft sind; dass sie nicht mehr alles nachmachen müssen, was die Wall Street vormacht; dass sie sich, nach all dem Lehrgeld, das sie jetzt bezahlt haben, endlich auf die eigenen Stärken besinnen sollten.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung