Globale Rezessionsfurcht Asiens irre Angst vor dem Absturz

Die Angst vor einer US-Rezession erfasst Asiens Aktienmärkte - kippt die Stimmung in den Boomländern der Globalisierung? Experten warnen vor Panik: Denn die Wirtschaft dort ist stabiler, als viele denken.

Hamburg - Wenn die USA husten, bekommt die Welt einen Schnupfen - selten hat diese alte Ökonomen-Regel sich als so wahr herausgestellt wie in den vergangenen Tagen. Angst vor einer drohenden US-Rezession und Unsicherheit über die Höhe von faulen Krediten bei Banken in aller Welt haben zu einem Crash an den internationalen Finanzmärkten geführt, wie ihn die Welt seit dem 11. September 2001 nicht mehr erlebt hat.

Für Panik sorgten dabei vor allem die asiatischen Börsen: In Asien und Australien stürzten die Kurse bis zu zehn Prozent ab. In Indien waren die Verluste sogar so hoch, dass der Handel wenige Minuten nach Börsenöffnung für eine Stunde ausgesetzt wurde. In Tokio schloss der Nikkei um 5,6 Prozent schwächer, erstmals seit 26 Monaten lag er unter der 13.000-Punkte-Marke. Auch die Börsenkurse in China stürzten erneut schwer ab: Der Shanghai-Index, die wichtigste Börse auf dem chinesischen Festland, verlor bei Handelsschluss um 7,2 Prozent, bereits am Vortag war er um fünf Prozent abgesackt.

Dass gerade Indien und China so stark auf die Ängste in den USA reagieren, verwundert Experten allerdings nicht - denn die beiden aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften bauen einen Großteil ihres Wachstums auf die Nachfrage aus den USA. So kommt etwa ein Großteil der amerikanischen Importe aus der Volksrepublik, ungefähr 30 Prozent der indischen Exporte gehen ebenfalls in die USA. "Die asiatischen Börsen haben so drastisch auf die Vorgaben aus den USA reagiert, weil sie stärker von der US-Konjunktur abhängig sind als die Europäer", sagt Christian Dreger, Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Gleichwohl halte er die Reaktion für übertrieben.

Absturz nicht nur rational begründet

Dass der Absturz der Börsendaten so drastisch war, hat aber nicht nur rationale Gründe: "Ein Großteil der Anleger in diesen Ländern zielt vor allem auf kurzfristige Gewinne ab", so Alexander Banik, Asien-Experte bei der Fondsgesellschaft DWS. Diese schickten angesichts der negativen Vorgaben Verkaufsorder raus, ohne groß darüber nachzudenken. "Dabei deuten die Zahlen auf alles andere als auf einen Abschwung hin."

Denn tatsächlich haben die Wirtschaftsdaten aus beiden Ländern nichts mit dem zu tun, was sich derzeit an den Börsen abspielt. Im Jahresvergleich sind die Aktienmärkte in China um 18 Prozent gewachsen, in Indien sogar um 25 Prozent - trotz der massiven Korrekturen der vergangenen beiden Tage. "Ich glaube nicht, dass die Krise in den USA zu einer deutlichen Abschwächung des Wachstums in China und Indien führen wird", sagt Banik.

Denn das Wachstum dieser Länder ist nicht nur auf den großen Außenhandelsanteil zurückzuführen. "Indien und China profitieren nicht nur vom Export in die USA", sagt DIW-Experte Dreger. Denn in den vergangenen Jahren habe auch der innerasiatische Handel stärker zugelegt als erwartet und damit die Abhängigkeit von den USA verringert. "Außerdem funktioniert die Binnenkonjunktur gut, Investitionen und Konsum entwickeln sich sehr dynamisch und treiben damit das Wachstum an."

"Asien ist eigentlich gut aufgestellt"

Eine Einschätzung, die von anderen Experten geteilt wird. "Asien ist im Grunde nicht so stark von der Krise betroffen", sagt auch Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "Die sind eigentlich sehr gut aufgestellt." Beide Länder hätten darüber hinaus riesige Infrastrukturausgaben getätigt, vor allem um das inländische Wachstum anzukurbeln, sagt DWS-Experte Banik. "Durch eine Schwächung der US-Wirtschaft könnte das Wachstum in Indien und China um 0,5 bis maximal ein Prozent zurückgehen - was angesichts der Wachstumsraten von acht bis elf Prozent in diesen Ländern nicht viel ausmachen würde."

Was aber, wenn die asiatische Wirtschaft tatsächlich weniger wachsen sollte als bisher? Welche Folgen das für die Weltwirtschaft haben könnte, darüber sind sich die Experten nicht einig. "Das Wachstum würde sicher gedämpft, die Folgen wären aber nicht allzu dramatisch", sagt DIW-Experte Dreger. "Das könnte sogar dazu führen, dass die Nachfrage nach Öl und damit auch der Preis sinkt", ergänzt DWS-Experte Banik. Und das könnte sogar positive Folgen für die deutsche und weltweite Wirtschaft haben.

Bleibt die psychologische Komponente, die schwer einzuschätzen ist - die Banik aber für nicht unwesentlich hält. "Viele Privatanleger reagieren auf Verluste an den Aktienmärkten irrational: Unabhängig davon, ob diese tatsächlich das Wirtschaftswachstum widerspiegelten, verkaufen sie ihre Positionen."

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