Globalierungsdilemma Sockenkrieg in Amerikas Südstaaten

Im US-amerikanischen Süden spielt sich ein Branchen-Drama ab, wie es typisch ist für die Globalisierung. Hier kämpft die traditionsreiche heimische Sockenindustrie um ihr Überleben - gegen sich selbst und gegen chinesische Billig-Importe.

Von , New York


Socken aus Alabama: "Strumpfwochen"-Festival als Highlight des Spätsommers
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Socken aus Alabama: "Strumpfwochen"-Festival als Highlight des Spätsommers

New York - Fort Payne in Alabama, ein Ort am Fuß der Appalachen, nennt sich stolz die "Sockenhauptstadt der Welt". Die Hälfte der 13.000 Einwohner arbeitet in einer der über 100 Strumpffabriken. Fort Payne hat ein Strumpfmuseum, und jeden August feiert es die "Strumpfwoche", ein Festival mit Tontaubenschießen, Wettangeln und natürlich vielen Strümpfen. "Jedes siebte Sockenpaar der Welt", weiß Heimatkundler John Chambers, "kommt aus Fort Payne."

Rund 600 Kilometer entfernt in einem anderen Südstaatenort, in Mount Airy in North Carolina, schmunzeln sie darüber nur. Selbe Branche, gleicher Stolz, leicht andere Wortwahl: Mount Airy nennt sich die "Strumpfhauptstadt der Welt". Allein der dort ansässige Familienbetrieb Renfro, der auch die Marke Fruit of the Loom webt, bringt pro Tag eine Million Socken in den Umlauf und ist mit rund 250 Millionen Dollar Jahresumsatz der unumstrittene Marktführer.

Diese beiden Fußkleid-Hochburgen teilen fast die gesamte US-Sockenproduktion unter sich auf, und Jahrzehnte lang verband sie eine gewisse Kameradschaft, wie sie unter Sport-Rivalen üblich ist. Doch jetzt hat die Freundschaft ein Ende: Die Fabrikanten haben sich in eine bittere Fehde verstrickt - so bitter, dass Beobachter düster vom "Sockenkrieg der Südstaaten" sprechen.

504 Millionen Paar Socken aus China

Es ist ein Krieg, der längst weit hinaus geht über die Südstaaten-Provinz und diese zwei historischen Örtchen, die von den Sezessionswirren im 19. Jahrhundert relativ verschont geblieben waren. Tausende US-Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Eine traditionsreiche Branche kämpft gegen den Untergang. Ein Berufsverband zerreißt sich. Überhaupt ist das Ganze, wie Auggie Tantillo, der Chef der Gewerbelobby AMTAC, jetzt klagte, eine "enorme Tragödie".

Strumpfmarkt in Peking: "Flucht der Fabriken" aus den USA
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Strumpfmarkt in Peking: "Flucht der Fabriken" aus den USA

Zumindest in einem sind sich alle einig: Schuld am Zwirnzwist habe China. Denn die amerikanischen Socken-Stricker streiten vor allem um die Frage, wie umzugehen sei mit dem Siegeszug billiger Fernost-Socken auf dem US-Markt.

Noch 2001 exportierte China nicht mal zwölf Millionen Paar Socken in die USA. Voriges Jahr waren es bereits 504 Millionen Paar - zum halben Preis wie damals. Da können heimische Hersteller nicht mithalten. In den letzten fünf Jahren hat die US-Sockenindustrie 213.000 Arbeitsplätze verloren, die Zahl der Betriebe schrumpfte von 399 auf 281, ihr Marktanteil von 83 auf 31 Prozent.

"Dann wird Fort Payne zur Geisterstadt"

Statt nun eine einheitliche Sockenfront zu bilden, haben sich die verbliebenen US-Betriebe heillos zerstritten. Ihr Konflikt kreist um die Frage: Was tun gegen die Invasion? Sich hinter Einfuhrquoten verbarrikadieren, wie es Charles Cole fordert, der Besitzer von Alabama Footwear aus Fort Payne? Oder die Globalisierung umarmen, wie Renfro-CEO Warren Nichols es versucht? Es ist die klassische Gretchenfrage des Globalisierungszeitalters - projiziert auf die alternde Industrie-Idylle beidseits der Smoky Mountains.

Ein Rückblick: Fort Paynes erste Sockenfabrik nahm 1907 den Betrieb auf. Inzwischen weben sie hier 14 Millionen Paar Socken pro Woche, 728 Millionen Paar pro Jahr. Ganze Familien leben davon, und der Gedanke daran, dass sie eines Tages verdrängt werden könnten, ist für viele ein Alptraum: "Dann würde Fort Payne zur Geisterstadt", sagt Ken Sanders, ein Verkäufer in C.J.'s Sock Outlet.

Charles Coles, 58, ist der Sockenkönig von Fort Payne. Seine Firma Alabama Footwear, die er selbst vor 23 Jahren gründete, brummt heute mit computerisierten Maschinen "24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche" (Cole). Die schnellste Maschine spuckt alle 65 Sekunden eine Socke aus. Das fertige Produkt verkauft Cole an Wal-Mart, Target und J.C. Penney.

Die fernöstliche Konkurrenz macht ihm schon seit einiger Zeit zu schaffen. In den letzten drei Jahren musste Cole seine Belegschaft aus Kostengründen von 109 auf 78 reduzieren - typisch für Fort Payne, wo die Socken-Jobs im selben Zeitraum von 8000 auf 6500 sanken.



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