Globalisierungsfolge Weltreise der schottischen Tiefseekrabbe

Globalisierung absurd: Weil das Pulen von Krabben in Westeuropa ziemlich teuer ist, werden die Meerestierchen ins Ausland gekarrt. Eine schottische Firma will nun ihre halbe Belegschaft entlassen - neun Wochen Fahrt nach Thailand und zurück sind billiger als die maschinelle Verarbeitung in Schottland.

Hamburg - Knapp zehntausend Kilometer sind es von der schottischen Westküste bis nach Thailand. Nicht zu weit, um Tiefseekrabben, pandalus borealis, per Schiff zur Verarbeitung zu fahren, finden die Verantwortlichen bei der Firma Young's aus dem schottischen Ort Annan. Insgesamt zwanzigtausend Kilometer hin und zurück, neun Wochen auf einem Schiff, permanente Kühlung - alles egal, findet Young's. Ein thailändischer Arbeiter pult für umgerechnet 40 Cent pro Stunde Krabben. So gut bekommt das keine Maschine hin. Und so billig auch nicht. Die Arbeiter in Annan bekommen sechs Pfund pro Stunde, knapp neun Euro.

Wenn die Garnelen nach knapp zweieinhalb Monaten aus Fernost in ihre Heimat kommen, werden sie in Schottland paniert, nach Größe verpackt und mit dem Etikett "Scottish Island Scampi" versehen. Ihre Weltreise, die in britischen Supermärkten endet, soll den Tierchen niemand anmerken.

Young's hat entschieden, dass es so das Beste ist für das Unternehmen, für das 260 Menschen arbeiten. 100 bis 120 von ihnen müssen jetzt mit ihrer Kündigung rechnen. Diejenigen, die bisher die Maschinen bedient haben, mit denen der Panzer per Wasserstrahl entfernt wird. In Thailand bekommen dafür dreimal so viele Menschen einen neuen Job als Krabbenpuler - so viele braucht Young's, um die gleiche Menge Krabben ohne maschinelle Hilfe zu produzieren.

"Wie viele Stellen am Ende tatsächlich gestrichen werden, entscheidet sich in den kommenden Tagen", sagt eine Sprecherin der Firma zu SPIEGEL ONLINE. "Es ist Sache der Gewerkschaften und der Unternehmensführung, einen Plan auszuarbeiten." Mehr will sie nicht sagen. Über Thailand will bei Young's derzeit niemand gerne reden.

"Dass Krabben ins Ausland gefahren werden, um gepult zu werden, ist schon seit Jahren so", sagt ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. Auch deutsche Unternehmen würden das tun. Allerdings hätten Nordseekrabben einen viel härteren Panzer als Tiefseekrabben, eine maschinelle Verarbeitung sei daher ohnehin wenig sinnvoll. "Nur kleine Betriebe pulen hierzulande noch selbst von Hand, die großen schicken die Krabben per Lkw ins Ausland, meist nach Marokko, aber auch nach Russland und Polen." In der Regel dauere der gesamte Verarbeitungs- und Transportprozess auf dem Landweg etwa zehn Tage. Wichtig sei, dass die Kühlkette sowie Hygieneregeln eingehalten würden.

Bei Young's ist man überzeugt, dass es auch bei der neunwöchigen Thailand-Lösung mit der Hygiene keine Probleme geben wird. Die Produkte würden ja gut gekühlt, heißt es.

Umweltschützer sagen über diesen Plan, hier zeige sich, wie "verrückt" die Folgen der Globalisierung seien. Gewerkschafter erklären, die Entlassung der halben Belegschaft sei ein "verheerender Schlag" für die zerbrechliche ländliche Wirtschaftsstruktur von Annan. Young's betont dagegen, dass das Unternehmen nur durch die Verlagerung der Verarbeitung nach Thailand wettbewerbsfähig bleibe. Thailändische Gewerkschafter sagen wahrscheinlich, sie seien erfreut über die neuen Jobs in ihrem Land. Unrecht hat niemand mit seiner Sichtweise.

Zwei Monate haben alle, sich auf die Veränderungen einzustellen. Ab Februar 2007 werden Jahr für Jahr 600 Tonnen Krabben von Westschottland in die Bucht von Bangkok gefahren, "per Schiff, die umweltfreundlichste Art des Transports", wie man bei Young's sagt. Schwachsinn, heißt es bei der Umweltorganisation "Friends of the Earth Scotland", die Schiffe würden schließlich Kraftstoff verbrauchen. Pro Tonne Krabben werde eine halbe Tonne Kohlendioxid ausgestoßen, also 300 Tonnen Gas für die Krabben eines Jahres. Pro Tonne Krabben koste das fast 70 Euro, wollte man die Umweltschäden beziffern.

"Times Online" weist darauf hin, dass die Schritte von Young's ausgerechnet an jenem Tag bekannt werden, an dem die britische Regierung Pläne für einen umfassenderen Klimaschutz bekannt gibt.

Nur weil Young's "ein paar Penny" an Löhnen sparen wolle, müsse die gesamte Gesellschaft dafür aufkommen, macht Friends of Earth die Rechnung auf. "Das Ganze ist eine Ausbeutung von Arbeitskräften in Fernost", sagt ein Gewerkschafter zu "Times Online". Konsumenten sollten sich fragen, ob sie das unterstützen könnten.

Mike Mitchell, der die Krabbenproduktion bei Young's verantwortet, sagt, die Entscheidung, in Annan Stellen zu streichen, sei eine extrem schwierige Entscheidung gewesen. Aber eines bedeute die Entscheidung ganz gewiss nicht - mehr Umweltverschmutzung. Durch den Verzicht auf den Einsatz von Maschinen, die die Krabben mit Wasserstrahl bearbeiten, würde eine Menge an Wasser gespart.

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