Globus-Bauer Columbus Die Welt entsteht in Oberschwaben

Der Globus-Hersteller Columbus war Anfang der neunziger Jahre so gut wie pleite. Heute zieren die Erdkugeln made in Germany wieder Schreibtische der Reichen und Mächtigen ebenso wie viele Kinderzimmer. Die Geschichte eines erstaunlichen Firmen-Comebacks.

Von Marco Lauer


Der Ort, an dem die Welt entsteht - und das vielfach jeden Tag - ist ruhig: Nur Vogelgezwitscher ringsum, ein stillgelegter Bahnhof gegenüber, und von der fernen Landstraße Richtung Bodensee dringt gedämpfter Autolärm. Es muss lauter gewesen sein vor ein paar Milliarden Jahren, als der Herr sieben Tage benötigte, um alles an den richtigen Ort zu bringen, die Berge, die Meere, Wüsten und Seen.

Letzte Woche ging hier ein gewaltiges Gewitter nieder, auf Krauchenwies. Einem Städtchen ohne Schnörkel in Oberschwaben, 5055 Einwohner. "Das hatte schon fast was Biblisches", sagt lächelnd Torsten Oestergaard, Urenkel des Gründers, im Empfangsraum seines Unternehmens Columbus Verlag Paul Oestergaard GmbH.

Reingeregnet habe es, durch das altersschwache Dach des schlichten Firmengebäudes. "Jetzt sieht es hier aus wie Sau," entschuldigt Oestergaard schwäbisch direkt. Auch Blitze schlugen ein, und der Strom fiel aus, so dass bei Columbus die Erschaffung der Welt für Momente zum Stehen kam.

Bei einer Firma, die ohne die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist, nicht existieren würde. Columbus ist weltweit ältester Globushersteller und zugleich Marktführer in seinem Bereich. Viele Wettbewerber gibt es auch nicht. Das erklärt Oestergaard in Interviews gerne mit dem einleitenden Satz: "So einen wie mich werden Sie wahrscheinlich kaum mehr kennenlernen." Weil es eben nur eine Handvoll von Globusproduzenten gebe. Columbus in Deutschland, noch einen in den USA, einige in China neuerdings und einen in Italien, "der aber nur Aldi-Globen herstellt". Zu seiner Rolle als Marktführer meint Oestergaard: "Ich würde ganz objektiv sagen, dass Columbus die absolute Nummer eins ist."

Der 44-jährige mit dem Jungengesicht führt hinüber zum Nachbargebäude, in dem sich der Ausstellungsraum von Columbus befindet. Auf dunklem Parkett reiht sich dort ein Globus an den anderen. An der Wand hängt ein gerahmter Spruch von Einstein: "Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt." Und Oestergaard sagt: "Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt."

Die Welt in den Händen halten

Womit er meint: auf dem Globus. Mit dem man die Welt buchstäblich in Händen halten kann. Auf dem man für 30 Euro, dem Preis für das Einsteigermodell bei Columbus, von Deutschland nach Grönland reisen kann, nach Havanna oder in die Südsee. In Gedanken, ohne Flugticket und ohne Enttäuschungen beim Hotel. Den Globus sieht er auch als ein Vehikel für die Sehnsucht der Menschen, die sich ja oft wegdenken an einen Ort, an dem sie nicht sein können

Natürlich ließe sich das Fernweh auch auf Landkarten oder im Internet entfachen. "Aber das Internet kann den Globus nicht ersetzen," sagt Oestergaard. Jede zweidimensionale Darstellung der Welt sei verzerrt, weil das Rund der Erde nicht auf einer flachen Ebene originalgetreu dargestellt werden könne. Selbst bei 3D-Darstellungen sei das Problem nicht befriedigend gelöst. "Wer den globalen Überblick behalten möchte, der braucht den Globus." Auch weil der einfach schöner ist als ein schnödes Stück Papier oder gar der Blick auf einen Bildschirm, sagt Oestergaard und streicht sachte über einen der vielen indischen Ozeane im Raum.

Derzeit wollen anscheinend viele den globalen Überblick behalten. Die Nachfrage ist enorm, und seit einigen Jahren schon steigt der Umsatz von Columbus wieder kräftig und stetig. Vor allem boomt das Geschäft mit Top-Modellen zwischen 3000 und 5000 Euro, die immer häufiger als hochwertiges Wohnaccessoire genutzt werden. Auch weil wohl niemand so konsequent wie Columbus daran arbeitet, der Welt ein schönes Antlitz zu verpassen.



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