Glosse Hurra, wir leben noch!

Sie vernichtete Abermillionen Arbeitsplätze und Billionen Euro. Trotzdem kommt die Krise bei vielen Deutschen bislang nicht an. Ein privater Rückblick von Thomas Tuma.
Wohnviertel in Hamburg: Ich kam nach Hause, und der Weltuntergang fand nicht statt

Wohnviertel in Hamburg: Ich kam nach Hause, und der Weltuntergang fand nicht statt

Foto: Google Earth

Ganz egal, wann ich im Jahr 2009 morgens in mein SPIEGEL-Büro fuhr: Die Wirtschaftskrise war immer schon da. Irgendwo auf der Welt waren über Nacht wieder ein paar Milliarden Euro verbrannt worden, Top-Banker rausgeflogen oder Imperien zusammengebrochen. Das ist die eine Seite.

Dann kam ich abends nach Hause, und der erwartete Weltuntergang hatte wieder nicht stattgefunden. Einmal lief nach einem Unwetter Wasser in unseren Keller. Das war's an Ausnahmezustand.

Ich lebe in zwei Welten. Einerseits während des Jobs mitten in einem fast schon virtuell anmutenden Finanzfeuersturm, andererseits in jener Hamburger Reihenhaus-Idylle, in der weiter der Müll getrennt wird und der Bus pünktlich vorfährt. Nie zuvor habe ich es jemals erlebt, dass meine berufliche und meine private Wahrnehmung der Welt so auseinanderklaffen.

Dabei müsste diese Krise, mit der mich mein Job Tag für Tag konfrontiert, ja auch irgendwann mein Privatleben treffen, jene ominöse Mitte der deutschen Gesellschaft, in der ich nun mal zu Hause bin.

In meiner kleinen Hamburger Straße wohnen Ingenieure, Psychologen, Medienleute und Sozialarbeiter, ein paar Ärzte und einige Selbständige, darunter ein richtiger Barkassenkapitän. Wir sind genau 6140 Kilometer von der Wall Street entfernt. Wir haben weder Terrorangriffe der Taliban provoziert noch das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds spekuliert. Dennoch ahnten wir, dass auch wir am Ende die Rechnung zahlen müssen. Also warteten wir auf die Katastrophe.

Wer das Ende der Depression prophezeite, musste ein Scharlatan sein

Manchmal saßen wir bei Grillabenden oder Geburtstagsfesten zusammen und redeten über die Krise da draußen. Bei allen ist sie mehr oder weniger spürbar. Aber soweit ich es sehe, hat niemand Lehman-Zertifikate besessen oder seinen Job verloren. Nicht mal einen Kurzarbeiter gibt es in unseren Reihen. Dann aßen wir noch ein bisschen Nudelsalat und lachten die Angst weg vor den Schwarzweißbildern aus den dreißiger Jahren der Großen Depression.

Auch damals gab es Zwischenhochs, Phasen keimender Hoffnung und erneut steigender Börsenkurse - bevor es erst recht in den Keller ging. Und machen wir uns nichts vor: Wer immer im Herbst 2009 das Ende der neuen Depression prophezeite, konnte nur ein Scharlatan sein.

Niemand kann es wirklich wissen. Kein Notenbanker und kein Politiker, kein Ökonom und erst recht keiner dieser leitartikelnden Wichtigtuer, die ihre Kommentare gern anfangen mit Sätzen wie: "Europa muss sich jetzt entscheiden ..."

Wir würden den Optimisten unter denen nur zu gern glauben. Aber sie ist ja da, diese Krise. Sie ist keine Medienerfindung. Man konnte die Uhr danach stellen, wann es wen nach Hunderttausenden amerikanischen Immobilienbesitzern und den Banken der Wall Street als Nächstes erwischt. Natürlich kam dann alles nur noch schneller.

Meine Frau und meine Töchter wollen jetzt shoppen gehen

In New York platzt das Schneeballsystem des Bernie Madoff. Opel steht plötzlich vor der Pleite, Porsche hat sich verspekuliert. Bei Blaubeuren wirft sich der milliardenschwere Unternehmer Adolf Merckle vor einen Zug. Es kommt näher.

Selbst meine Familie entdeckt plötzlich den Ökonomen John Maynard Keynes, dessen Theorien auf zwei Sätze verknappt wurden: erstens, dass ein Staat in der Krise Geld ausgeben soll, um die Folgen abzufedern; und zweitens, dass für eine Gemeinschaft nicht immer richtig ist, was dem einzelnen Homo oeconomicus logisch erscheinen mag.

Kurz: Wenn jetzt alle sparen, verlieren alle.

Meine Frau und meine Töchter schließen daraus, dass sie gerade jetzt shoppen gehen müssten - quasi zur Rettung des Weltfinanzsystems. Selbst die Kanzlerin argumentiert ähnlich, wenn auch deutlich weniger leidenschaftlich.

Wo ist die Krise?

Einst wurde die Krise dadurch ausgelöst, dass viele Menschen zu sehr auf Pump gelebt haben. Nun soll sie dadurch beendet werden, dass noch mehr über ihre Verhältnisse leben? Das ist nur eine jener 2009 erlebten Absurditäten, bei denen bisweilen nur noch Gelächter hilft.

Der Absturz des einst so mächtigen Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking oder jener larmoyanten Berufserbin Madeleine Schickedanz gehört ebenso dazu wie der Aufstieg des alerten Freiherrn zu Guttenberg zum und als Wirtschaftsminister.

Krise ist kreativ: 2007 gab es noch keinen Soffin und keine Abwrackprämie, keine Bad Banks und keinen Deutschlandfonds. Island war ein harmloser Inselstaat und kein Pleitekandidat, der für eine globale Rettungsaktion dann aber schlicht nicht systemrelevant genug war.

Krise ist plakativ: Dauernd wird irgendwo ein Konjunkturpaket geschnürt oder ein Rettungsschirm aufgespannt. Alles kostet so viele Milliarden, dass einem zügig die Maßstäbe verrutschen.

Früher ging es um Millionen, jetzt um 100 Milliarden

Krise ist destruktiv: Wenn es früher um Naturschutz oder Kindergärten ging, wurde um jede halbe Million gefeilscht. Um die "systemrelevante" Hypo Real Estate retten zu können, werden über Nacht 100 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Wo aber ist diese Krise? Sie fällt auch deshalb in meiner Nachbarschaft und dem Rest der Republik bisher nicht sonderlich auf, weil der Staat sie abfedert. Allein im Mai sind 1,5 Millionen Beschäftigte Kurzarbeiter, die dann weder die Stimmung verderben noch die Statistiken. Das heißt aber nicht, dass es schon ausgestanden ist.

Im September 2007 waren allein in den USA 7,2 Millionen Menschen arbeitslos. Zwei Jahre später, im Herbst 2009, sind es 15,1 Millionen. Diese Menschen können sich keine deutschen Autos leisten, keine chinesischen Kühlschränke und keine Urlaube in der Karibik. Gut ist das nicht.

In der privaten Welt spielt Geld eine untergeordnete Rolle

Bis zum Jahresende wird diese Krise sieben Billionen Euro gekostet haben. Bezahlen werden das alles nicht die Banker und Politiker, die es angerichtet haben, sondern komplette Volkswirtschaften - womöglich über Generationen hinweg. Den Hauptakteuren ist das egal. Sie verschanzen sich hinter der Anonymität ihrer Systeme und überlassen die undankbare Rettung der Realität der Politik.

Wenn wir auch in unserer Straße etwas begriffen haben in diesem Jahr, dann das: Wir alle leben chronisch in zwei Welten; die eine ist der kalte, anonyme Kosmos des Marktes, in dem alles seinen Preis hat und das Angebot die Nachfrage bestimmt. Das ist die Welt der Wall Street, die ja weniger eine reale Straße ist als eine Idee, die Idee des Kapitalismus.

Die andere Welt ist unsere private, in der Geld eine untergeordnete Rolle spielt. In meiner Familie und in der Nachbarschaft geht es nicht um Wert, sondern um Werte. Glaube, Liebe, Hoffnung, Moral - so was alles. Ich lebe in einer ganz realen Straße, die eine durchaus freundliche Ahnung von gelebtem Altruismus verströmt.

Erst wenn die Krise zu Ende geht, muss sie bezahlt werden

Hier die warme Heimeligkeit der eigenen Umwelt, dort die selbstzerstörerische Kraft des Systems, das wir mit den Mitteln unserer Erfahrung nicht mehr begreifen können. Und plötzlich fordern beide Seiten voneinander überraschend Unerfüllbares: Das zahlenfixierte Finanzsystem bettelt um so etwas Gefühliges wie unser Vertrauen als Kleinsparer und -anleger. Und wir verlangen vom System Moral. Das System kann Egoismus bieten und Gier, aber ganz bestimmt keine Moral. Und wir können kein Vertrauen mehr verschenken, das wir nicht mehr haben. So wird die Boni-Debatte der kleinste gemeinsame Nenner.

Darüber kann sich der Ingenieur in meiner Straße genauso aufregen wie der Arzt oder die Sozialarbeiterin. Wir bilden uns ein, dass die Welt besser wird, wenn Banker sich keine exorbitanten Sondervergütungen mehr gönnen. Und selbst Top-Finanzgrößen wie Josef Ackermann nehmen unsere Empörung gern auf, weil sie wissen: Dieser romantische Kinderkram lenkt prima von der dringend notwendigen Regulierung des Systems ab.

Es müsste so viel geändert werden, aber mit dem Verzicht auf ein paar Millionen befrieden Mitschuldige wie Ackermann am Ende eine Republik, die bereits 1,65 Billionen Euro öffentliche Schulden auftürmen musste. Die Krise beginnt, wenn sie zu Ende geht, denn erst jetzt muss sie bezahlt werden, aber ganz bestimmt nicht von den Ackermännern dieser Welt.

"Was sollen wir machen?", frage ich meine Frau. Sie antwortet: "Lass uns einkaufen gehen." Natürlich hat sie recht.

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