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FLUGGESELLSCHAFTEN Gnadenlos geschröpft

In der Airline-Branche heben Umsatz und Erträge ab. Leidtragende des Booms sind Geschäftsreisende. Sie zahlen auf vielen Strecken inzwischen Mondpreise.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Wenn die Münchner Unternehmensberaterin Imai Roehreke ihre Kunden in Köln, Hamburg oder Berlin besucht, nutzt sie so oft wie möglich den günstigen Economy-Tarif der Lufthansa. Endet der Termin früher als geplant, kann sie deshalb nicht umbuchen und mit der nächsten Maschine zurückfliegen. Die lästige Wartezeit verbringt sie in der Frequent-Traveller-Lounge, dort arbeitet sie bis zum Abflug am Computer.

Solche Unannehmlichkeiten nimmt die Vielfliegerin notgedrungen in Kauf. »Ich kann meinen Klienten doch nicht jedesmal die horrenden Business-class-Tarife der Lufthansa in Rechnung stellen«, sagt sie.

Auch im nahen Starnberg bei der PR-Agentur Engel & Zimmermann genießt die deutsche Airline zur Zeit nicht den besten Ruf. Die wichtigsten Auftraggeber der Firma residieren in Bremen, Paderborn oder Osnabrück. Gerade auf diesen Strecken verlangt die Lufthansa bundesweit die höchsten Tarife, pro Business-Flug von München fast 1000 Mark für den Hin- und Rückflug. Trotzdem ordern die Mitarbeiter regelmäßig die teuren Trips. »Wir haben keine andere Wahl«, erklärt Mitinhaber Hermann Zimmermann. Weil die PR-Experten vorher nicht wissen, ob die Besprechung sechs oder nur zwei Stunden dauert, müssen sie flexibel sein - und das hat seinen Preis.

Die Berater sind Opfer eines Booms, den sie selbst mitverursacht haben. Seit es mit der Wirtschaft wieder bergauf geht, sind die Maschinen der großen europäischen Airlines voll wie schon lange nicht mehr. Die starke Nachfrage treibt die Preise, besonders stark ist der Anstieg in der Firstund Business-class.

Vor allem auf den stark frequentierten Nordatlantik-Strecken ist an manchen Tagen kaum noch ein freier Platz zu bekommen. Wer kurzfristig nach New York oder Los Angeles reisen muß, zahlt für ein beliebig umbuchbares Ticket inzwischen bis zu 8000 Mark. Fast genauso teuer ist ein Trip nach Südamerika oder Peking. Vergleichsweise günstig kommen Geschäftsreisende zur Zeit nur nach Asien. Seit Ausbruch der Krise in der Region stagnieren dort erstmals seit Jahren die Preise für First- und Business-Tickets.

Der Run auf die begehrten Flugzeugsitze beschert der Airline-Branche hohe Gewinne. Erst vor wenigen Wochen konnte Lufthansa-Chef Jürgen Weber das beste Ergebnis in der Firmengeschichte verkünden. Selbst notleidende Carrier wie die spanische Staatslinie Iberia, die jahrelang nur Verluste anhäufte, verdienen neuerdings wieder gutes Geld.

Das Nachsehen haben Geschäftsreisende in Europa und Amerika, die in der Regel kurzfristig buchen müssen und nicht über das Wochenende bleiben können oder wollen. Sie werden von den Fluggesellschaften gnadenlos geschröpft.

Allein in Deutschland, hat der US-Reisespezialist American Express errechnet, stiegen die Preise für Flugscheine in der First- und Business-class in den ersten drei Monaten des Jahres um fast vier Prozent. Bei Transatlantikflügen müssen Vielflieger sogar zehn Prozent mehr als im Vorjahr bezahlen. »Die Tarife für Geschäftsreisende«, rügt der Brüsseler Wettbewerbskommissar Karel Van Miert, »sind auf wichtigen Strecken viel zu hoch.«

Bei Touristen dagegen liefern sich die großen Carrier eine erbitterte Preisschlacht. Sie reisen so günstig wie noch nie (siehe Grafik).

Während der Sommermonate offerieren zum Beispiel die Lufthansa und die Deutsche BA zu nachfrageschwachen Zeiten innerdeutsche Flüge schon für rund 200 Mark. Ein Trip von München nach Stockholm ist beispielsweise schon für 399 Mark erhältlich. Über das Internet verhökert der Marktführer zudem jeden ersten Donnerstag im Monat Restplätze zu Mindestgeboten ab zehn Mark.

Die Schnäppchenpreise sollen verhindern, daß Preisbrecher wie der Londoner Dumping-Carrier EasyJet oder der irische Billiganbieter Ryanair auf dem europäischen Festland Fuß fassen. Sie haben allerdings einen gravierenden Schönheitsfehler. Die Spanne zwischen dem billigsten und teuersten Ticket für ein und denselben Flug ist so groß wie nie zuvor. Das könnte sich für die Lufthansa noch bitter rächen.

Mit ihrer Preispolitik verprellen die Manager ausgerechnet jene Kundengruppe, die sie am heftigsten umwerben und die ihnen einen Großteil der Umsätze und Erträge einbringt, die Geschäftsreisenden. »Die Leute sind frustriert und verwirrt, weil sie sich in dem Tarifdickicht nicht mehr zurechtfinden und sich gegenüber anderen Reisenden benachteiligt fühlen«, meint der Pariser American-Express-Tarifexperte Kyle Davis.

Zu welch absurden Ergebnissen die immer stärkere Spreizung der Tarife führt, zeigt das Beispiel Südamerika. Wer kurzfristig ab Frankfurt in die brasilianische Geschäftsmetropole São Paulo fliegen muß, zahlt bei der Lufthansa für ein voll flexibles Business-Ticket 8829 Mark. Selbst der günstigste unbeschränkte Economy-Tarif kostet noch immer stolze 7311 Mark. Ferienflieger, die ihren Trip längerfristig planen können, heben schon für 1549 Mark ab - hin und zurück, versteht sich. Ein solcher Unterschied wiegt auch den höheren Komfort in der teuren Klasse nicht auf.

»Die flexiblen Tickets müssen so teuer sein, weil wir den Sitz für den Kunden auf Abruf freihalten müssen«, rechtfertigt Lufthansa-Manager Christoph Müller den Preisunterschied. »Wir sind ja nicht das Gemeinde-Wasserwerk«, pflichtet Karl-Heinz Neumeister von der Association of European Airlines bei, »die Anbieter können ohne den Mix nicht leben.«

Die meisten großen Airlines haben sich in den vergangenen Jahren hochkomplizierte EDV-Systeme zur Ertragssteuerung zugelegt. Sie errechnen exakt, auf welchen Strecken die Nachfrage boomt - prompt gehen auch die Preise auf Höhenflug.

Weil sich die Provision der Reisebüros nach dem Verkaufspreis des Flugscheins richtet, versuchen viele, dem Kunden das teuerste Ticket aufzuschwatzen. »Das Reisebüro ist die erste Hürde, die jeder überwinden muß, der billig fliegen will«, weiß der Düsseldorfer Reisevermittler und Ex-Verbandspräsident Klaus Laepple.

Wer seine Reise einige Tage im voraus plant oder das Wochenende dranhängt, kann über sein angestammtes Reisebüro Tickets zu Großhandelspreisen beziehen. Einen Billigtrip von Hamburg nach Rom gibt es schon ab 300 Mark. Die Lufthansa verlangt für die gleiche Leistung in ihrer Business-class mehr als das Achtfache.

Geschäftsreisende können von Touristenpreisen nur träumen. Großkunden können allerdings bei den Fluggesellschaften Sonderkonditionen aushandeln.

Clevere Mittelständler, die nicht häufig genug fliegen, um solche Privilegien zu genießen, nutzen einen anderen Weg, um Reisekosten zu sparen. Sie treten für nur 1000 Mark Jahresbeitrag dem Bad Homburger Verband Deutsches Reisemanagement bei.

Die Organisation poolt die Nachfrage ihrer Mitglieder und handelt mit ausgewählten Airlines, darunter Air France, Delta oder American, Rückvergütungen von bis zu 35 Prozent aus. Nur die Lufthansa und die Deutsche BA kooperieren noch nicht mit dem Sparclub.

In den USA haben die Konzerne Chrysler und General Motors einen anderen Weg gewählt, um den hohen Preisen der etablierten Fluggesellschaften zu entgehen: Sie wollen einen Fünfjahresvertrag mit der neugegründeten Pro Air abschließen. Die fliegt die Beschäftigten dieser Firmen künftig zum monatlichen Pauschalpreis.

Macht das Beispiel Schule, könnte Fliegen auch in Deutschland für Geschäftsreisende deutlich billiger werden.

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Flugpreise in Deutschland

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Flugpreise in Deutschland

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