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Telekom Go und stop

Verpaßt die deutsche Wirtschaft den Anschluß an die Datenautobahnen der Zukunft?
aus DER SPIEGEL 22/1994

In den zwölf Monaten seiner Amtszeit ist Forschungsminister Paul Krüger, 44, bisher noch nicht aufgefallen. Außerhalb Bonns kennt ihn kaum einer.

Vergangene Woche jedoch zeigte der Ingenieur aus Ostdeutschland erstmals Profil. »Gravierende Mängel« in der Telekommunikation hatte der Minister ausgemacht. Deutschland laufe Gefahr, warnte er, beim Ausbau der weltweiten Datenautobahnen »in einer passiven Betrachterrolle« zu verharren.

Über Datenautobahnen kann in nicht allzu ferner Zukunft jeder Programme abrufen, einkaufen, Bankgeschäfte erledigen und möglicherweise auch von zu Hause aus arbeiten. Die Betreiber der Netze, aber auch die Hersteller der Geräte und der Software erwarten ein gigantisches Geschäft: Multimedia gilt als die Wachstumsbranche.

Wahre Goldgräberstimmung herrscht deshalb bei den betroffenen Konzernen in den USA. Um im Markt der Zukunft ganz vorn mitzuspielen, hat Präsident Bill Clinton den Ausbau der »communication highways« zum besonderen Regierungsziel erhoben.

Hierzulande passiert dagegen nicht viel. Als Kanzler Helmut Kohl in einer RTL-Sendung gefragt wurde, wie er den Ausbau der Datenautobahn fördern wolle, wußte er mit dem Begriff nichts anzufangen. In seiner Antwort sprach Kohl vom schlechten Zustand auf Deutschlands Straßen, »dergestalt, daß wir wissen, wann wir überhaupt nur noch von ,go' und ,stop' auf Autobahnen reden können«.

Doch Krüger hatte mit seiner Schelte nicht den Kanzler im Sinn und auch nicht das eigene Ministerium, aus dem bislang Wegweisendes zum Thema Datenautobahnen noch nicht gedrungen ist. Der Minister meinte die Telekom.

Es bestehe dringender Handlungsbedarf, so Krüger. Das unzureichende und zu teure Angebot an Telekommunikations-Dienstleistungen sei zu einem »Standortnachteil für deutsche Firmen« geworden.

Sein Wissen bezieht Krüger aus einer Studie, die er, zur Überraschung seiner Ministerialbeamten und ohne Wissen des Postministers, bei der Beratungsfirma Telecom Consult Dr. Bernd Jäger in Auftrag gab. Der gut 50seitige Bericht, der sich schwerpunktmäßig mit dem Telekom-Angebot für große Geschäftskunden befaßt, legt die Schwächen des Staatsunternehmens Telekom bloß.

Jägers Fazit: Nur mit einer schnellen und konsequenten Abschaffung der Postmonopole könnten die Deutschen den Anschluß an die Multimedia-Welt der Zukunft finden.

Um seine These zu belegen, wiederholt Jäger nicht nur die Klagen über zu hohe Telefontarife in Deutschland. Weniger bekannt, aber gravierender sind die Preisunterschiede bei den Tarifen für sogenannte Mietleitungen.

Immer häufiger werden solche Standleitungen von Firmen für feste Verbindungen zwischen Computern in der Zentrale und den Filialen gemietet. Viele Leitungen werden auch von privaten Dienstleistungsfirmen gepachtet und als Serviceangebot an die Kunden verkauft.

Vor zwei Jahren hatte die Telekom gerade einmal 250 000 Standleitungen vermietet, inzwischen ist die Zahl auf fast eine Million angewachsen. Dennoch, bemängeln die Berater des Forschungsministers, vermarkte die Telekom ihre »Mietleitungen unzureichend« und schaffe »keine ausreichenden Anreize für eine erhöhte Nutzung«.

So zahlen deutsche Unternehmen immer noch unverhältnismäßig hohe Gebühren für ihre Mietleitungen, obwohl die Telekom auf Druck des Postministeriums in den vergangenen Jahren schon zweimal die Preise senken mußte. Sie liegen hierzulande, je nach Übertragungskapazität, bis zu zehnmal höher als etwa in den USA.

Als Bremse, so die Studie, wirke auch die Trägheit der Telekom. Wie beim Telefonanschluß, auf den die Deutschen länger warten müssen als die Kunden in vielen anderen Ländern, lasse sich der Staatsbetrieb auch bei der Installation von Mietleitungen viel Zeit.

Bei Hochleistungskabeln, wie sie etwa für Videokonferenzen oder zum Austausch von Konstruktionszeichnungen per Computer benötigt werden, könne es in Deutschland bis zu 18 Monate dauern, bis die Verbindung steht. Der internationale Standard liege dagegen bei maximal 60 Werktagen.

»Ein Sammelsurium von Polemik und Halbwahrheiten« nennt Telekom-Chef Helmut Ricke die vom Büro Jäger zusammengetragenen Zahlen. Technisch halte das Telekom-Netz jedem Vergleich stand.

Das sieht sogar der vom Forschungsminister als Kronzeuge benannte Siemens-Chef Heinrich von Pierer so. In Deutschland, distanzierte sich der Siemens-Vorstand von einigen zentralen Aussagen der Studie, »ist nichts verschlafen worden«.

So sind die Deutschen führend bei der Anwendung von hochwertigen Glasfaserkabeln. Schon jetzt verfügt die Telekom über das dichteste Glasfasernetz der Welt. Mit einer Ausdehnung von 80 000 Kilometern ist es länger als das Autobahn- und Bundesstraßen-Netz.

Schließlich hat die Telekom als erste Telefongesellschaft der Welt begonnen, Glasfaserkabel bis ins Haus zu verlegen. In den neuen Bundesländern zum Beispiel sollen bis Ende 1995 mehr als eine Million Haushalte serienmäßig einen Glasfaseranschluß erhalten.

Daß die Telekom in internationalen Vergleichen dennoch meist nur im Mittelfeld landet, liegt vor allem an den hohen Tarifen. Doch für die sind die Telekom-Oberen nicht allein verantwortlich.

Die Politiker in Bonn haben der Telekom schon immer gern in die Kasse gegriffen, immer wieder bürdeten sie ihr neue Lasten auf. So muß die Telekom zum Beispiel sämtliche Verluste der Schwestern Postdienst und Postbank ausgleichen.

Auch der Finanzminister langt kräftig zu. Unabhängig von den Gewinnen muß die Telekom zehn Prozent ihrer Umsätze an den Bund abführen. Erst 1996 wird die versteckte Telefonsteuer ganz abgeschafft und die Telekom wie ein normales Unternehmen besteuert.

Mit niedrigen Gebühren allein werden die Deutschen den Anschluß an die Kommunikationswelt der Zukunft auch nicht schaffen. Anders als in den USA oder in Japan fehlen in Europa Visionen, wie die neuen technischen Möglichkeiten von den Kunden attraktiv genutzt werden können.

Wie weit zum Beispiel die Telekom von solchen Gedanken entfernt ist, belegen die Anzeigen, mit denen der Postableger seine technische Kompetenz unterstreichen will. Da ist von Bits und Bytes, von ISDN und Datex-P die Rede - alles Begriffe, mit denen die meisten Kunden nichts anzufangen wissen.

Das sei so, sagt Werner Knetsch von der Unternehmensberatung Arthur D. Little, »als wenn VW darauf verweisen würde, wie viele Roboter zur Herstellung eines Golf eingesetzt werden«. Mit solcher Werbung, meint Knetsch, könne kein Unternehmen »neue Bedürfnisse wecken oder neue Märkte schaffen«. Y

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__99_ Telekom: Telefon- u. Mietleitungstarife (internat. Vergleich)

_____ / Marktumfang Mietleitungen: BRD - USA

[GrafiktextEnde]

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