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Kartelle Goldene Regel

So dreist und so einträglich wie die europäische Zementindustrie hat selten eine Branche ihren Markt abgeschottet.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Eberhard Schleicher plagen Zukunftsängste. Der deutsche Markt werde ruiniert, klagt der Mitinhaber der süddeutschen Zementfabrik Schwenk. Konkurrenten aus Polen und der Tschechoslowakei setzten ihre Ware zu Dumpingpreisen in der Bundesrepublik ab.

So bedrängt, suchte der Unternehmer politischen Beistand bei Freunden in der CSU. Erich Riedl, Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium, zeigte Verständnis. Vor wenigen Tagen legte sein Ministerium Beschwerde bei der EG-Kommission ein. Brüssel soll die Preispraktiken der osteuropäischen Zementhersteller verbieten.

Doch die Erfolgsaussichten sind gering. Der zuständigen Brüsseler Wettbewerbsdirektion unter der Leitung des Deutschen Claus Dieter Ehlermann kommen die Preisbrecher aus dem Osten gerade recht.

Für Schleichers Klagen hat Brüssel wenig Verständnis. In keiner anderen Branche, so die Erkenntnisse der EG-Wettbewerbsexperten, werden die Gesetze des Marktes so ungeniert außer Kraft gesetzt.

Nach gut dreijährigen Ermittlungen hat Ehlermanns Direktion das größte Kartellverfahren in der EG abgeschlossen. 76 europäische Zementproduzenten, fast die gesamte Branche, stehen im Verdacht, ein illegales Kartell gebildet zu haben. Mit einem ausgefuchsten System gegenseitiger Absprachen sollen die Kungelbrüder bis zu drei Viertel des Marktes, rund 15 Milliarden Mark, unter sich aufgeteilt haben.

Seit Jahren, schätzen Insider, haben private und staatliche Bauherren viele hundert Millionen Mark zuviel gezahlt, weil das Kartell zu hohe Preise verlangte. Bei so schönen Geschäften stören natürlich Preisbrecher wie die Polen und Tschechen.

»Alles deutet darauf hin«, heißt es in der Schrift, »daß die früheren Vereinbarungen im wesentlichen noch heute angewendet werden.« Die Schummelrunde muß nun mit Bußgeldbescheiden in Höhe von rund einer Milliarde Mark rechnen.

Belangt werden die Großen der Branche: Heidelberger Zement, Schwenk und Dyckerhoff sowie Lafarge aus Frankreich, Italcementi, Blue Circle aus England und Holderbank, eine Firma der Schweizer Schmidheiny-Gruppe. Sie sollen für die Absprachen verantwortlich sein.

Fahnder aus Brüssel hatten zusammen mit Kollegen der nationalen Kartellbehörden die Zementriesen durchsucht. Bei der Filzaktion fiel ihnen Beweismaterial in die Hände.

Im Jackett des Managers Walter von Glass fanden die Ermittler einen aufschlußreichen Zettel. Das Vorstandsmitglied von Heidelberger Zement hatte handschriftlich die Aufteilung der Liefermengen festgehalten.

Im Büro des Heidelberger Konzernchefs Peter Schuhmacher stießen die Wettbewerbsbeamten auf einen Brief von Lafarge. Die französischen Freunde bestätigten darin eine von Schuhmacher vorgeschlagene Mauschelei.

Danach verpflichteten sich die beiden Konzerne, sich gegenseitig in den von ihnen beherrschten Absatzregionen nicht zu stören. Die Heidelberger wollten nicht auf französisches Terrain vordringen. Lafarge versprach, die Vormachtstellung der Heidelberger und ihrer Schwesterfirma Schwenk im süddeutschen Raum unangetastet zu lassen.

Die »Respektierung der jeweiligen Märkte«, stellten die Fahnder fest, »ist die goldene Regel«. Die Praktiken einer »Abschottung der Märkte auf nationaler Basis« hätten »die Handelsströme zwischen Mitgliedsstaaten« verhindert.

Schaltzentrale des deutschen Zementrings war die Schwenk/Heidelberger-Gruppe. Dort war ein nahezu lückenloses »Informationsaustauschsystem« installiert. Vorstandsmitglied von Glass wachte über die strikte Einhaltung der zugeteilten Quoten. Wenn ein Hersteller sichtbar zuviel Zement absetzte, wurde ihm ein Kunde entzogen.

Das geschah in der Regel alles telefonisch. Das Informationssystem, so die EG-Beamten, habe »neben dem Mengenwettbewerb jedweden Preiswettbewerb ausgeschlossen«.

Bei Schwenk in Ulm sowie bei Dyckerhoff in Wiesbaden fanden die Fahnder ein Bündel von Dokumenten, fein säuberlich verpackt und versiegelt. Die Papiere belegen die Rolle, die Dyckerhoff-Vorstandsmitglied Jürgen Lose in dem Kartell spielte. Der Manager, nebenberuflich Präsident des deutschen Zementverbandes, war der Kontaktmann zu den Kollegen im Ausland.

Lose vertrat die Deutschen bei den Treffs der europäischen Zement-Clique. Dabei gingen die Herren so konspirativ vor, daß sie sich als Angler oder Wanderer getarnt in Island trafen.

Die Unterhändler hatten nach Erkenntnissen der Ermittler sogar eine Kampftruppe zusammengestellt, die abtrünnige Konkurrenten wieder »zur Räson«, so eine interne Aufzeichnung, bringen sollte. Diese sogenannte taskforce maßregelte nach der Methode Zuckerbrot ("carrot actions") und Peitsche ("stick actions").

So beschlossen sie beispielsweise »Vergeltungsmaßnahmen« gegen eine »Offensive« des dänischen Herstellers Aalborg Portland-Cement. Dyckerhoff hatte sich über das Klubmitglied beschwert. Aalborg habe der Firma zwei Kunden weggeschnappt und müsse mit »Repressalien« bedroht werden.

Wie solche Strafaktionen ablaufen, zeigt die Lösung der »griechischen Bedrohung« (klubinterner Vermerk), nach Ansicht der EG-Direktion »der flagranteste und gravierendste Fall« einer Strafmission.

Ende der achtziger Jahre begannen die Griechen, aus ihren überdimensionierten Zementfabriken billigen Zement nach England zu verschiffen. Dort sind die Zementpreise am höchsten.

Dagegen ging die Zunft mit aller Macht vor. In allen Mitgliedsländern übte sie massiven Druck auf die Kundschaft, vorwiegend Betonhersteller, aus, den griechischen Zement nicht anzunehmen.

Über befreundete Banken wurden die Reedereien zum Boykott der Griechen aufgefordert. Schließlich verabredeten die Kartellfirmen, selbst Zement zu Dumpingpreisen nach Griechenland zu exportieren.

Die widerborstigen Konkurrenten lenkten ein. Zur Belohnung organisierte der Klub den Export der überschüssigen Griechen-Tonnage in die USA - allerdings zu Niedrigstpreisen.

Da die britischen Zementfabriken den heimischen Bedarf nicht decken konnten, sprangen ihnen die Kollegen vom Kontinent bei - zu den alten Hochpreisen. Die heile Kartellwelt war schnell wiederhergestellt.

Auch bei ihrem Kampf gegen die lästige Konkurrenz aus dem Osten wollen sich die Kartellbrüder nicht allein auf die unsichere Hilfe der Politiker verlassen. Sie wollen den Fall nun selbst lösen und die Firmen einfach kaufen.

Verhandlungen mit polnischen Zementwerken werden schon geführt. Holderbank, Lafarge, die belgische Lhoist und Heidelberger Zement sind auch in der Tschechoslowakei aktiv. Der Vertrag zur Übernahme größerer Zementfabriken des Landes steht kurz vor dem Abschluß.

Mit derselben Methode war das Kartell schon in Ungarn erfolgreich. Dort hatten Schwenk und Heidelberger Zement einige Konkurrenten aufgekauft. Seither gibt es in Süddeutschland kaum noch Billigzement aus Ungarn.

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