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Vermögen Goldenes Huhn

Gloria von Thurn und Taxis läßt das Familiensilber versteigern. Die Aufregung ist groß, doch die Fürstin kann nicht anders: Sie braucht Bares.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Ihre Durchlaucht kennt kein Erbarmen. Zunächst feuerte Mariae Gloria Fürstin von Thurn und Taxis ihr Management, dann war, nach 30 verdienstvollen Jahren, Lakai Hans an der Reihe.

Garagenmeister Hermann König kam mitsamt seinen Mitarbeitern unter die Räder; Leibkoch, Leibjäger und Leibfahrer mußten ebenfalls gehen. Schließlich erwischte es sogar den treuen »Lucky«, der dem Fürsten immer das Wild vor die Flinte getrieben hatte. Der edle Jagdhund, ein echter Jack-Russell-Terrier, wurde an einen gewöhnlichen Förster verkauft.

Jetzt aber ist die eingeheiratete Fürstin aus dem verarmten sächsischen Landadel von Schönburg-Glauchau offenbar zu weit gegangen. Eineinhalb Jahre nach dem Tod ihres Ehemanns Johannes bringt Gloria, 32, Pretiosen aus dem Hause Thurn und Taxis unter den Hammer.

Ausgerechnet im Genfer Hotel Beau Rivage, wo der machtversessene Uwe _(* Am 31. Mai 1980; die Fürstin mit dem ) _(Hochzeitsdiadem, das jetzt versteigert ) _(werden soll. ) Barschel starb, soll im November das Londoner Auktionshaus Sotheby''s die erste Partie »wunderschöner und seltener« Kunstschätze versteigern. Gloria hofft auf Einnahmen von 20 Millionen Mark.

Eine Tabakdose des alten Fritz ist zu haben, ebenfalls das Tafelsilber, das beim Besuch der Verwandtschaft im 500-Zimmer-Schloß Sankt Emmeram bei Regensburg oft aufgelegt wurde. Sogar Schwerter, mit denen die Ahnen ihr Vermögen vor dem gemeinen Volk schützten, will die Fürstin vorsorglich taxieren lassen.

Die liebe Verwandtschaft ist entsetzt. Pater Emmeram, der 90jährige Onkel seiner Durchlaucht, schäumt: »Dieses Luder, dieses Biest.« Gloria wisse schon, warum sie den Fürsten Goldi genannt habe - als wäre Gespons Johannes nur ein goldenes Huhn gewesen.

Auch die amtlich-bayerischen Denkmalhüter meldeten »große Besorgnis« an. Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair will sich persönlich um die Angelegenheit kümmern. Und selbstverständlich sind die Hofberichter aus dem Häuschen.

»Wenn Muttern die Familienschätze verscherbelt«, orakelt die Münchner Abendzeitung, »ist wirklich Feuer am Dach.« Sogar die Springbrunnen seien aus Kostengründen abgesperrt worden, hatte das Konkurrenzblatt tz ausgespäht.

Die Fürstin macht überall den Hahn dicht und erntet Unverständnis allerorten. Braucht Gloria Hilfe, oder ist Ihre Durchlaucht, pardon, nun völlig meschugge?

Die Gescholtene bleibt kühl. Am Wochenende beispielsweise gehe sie meist beim Mexikaner »Pappasito''s« in München essen. Der Koch mit dem gesamten Hofstaat, einschließlich Aufdeckfrau, habe zu Hause vergebens gewartet. »Ein unnötiger Aufwand«, sagt sie.

Der fürstliche Fuhrpark wurde von 27 Wagen, darunter ein Mercedes 600, Typ Staatskarosse, auf 3 verringert. Die Boten müssen nun zu Fuß in die Stadt.

»Natürlich ist es schmerzlich«, sagt die Witwe, »das Hochzeitsdiadem abzugeben.« Geldverdienen sei früher im Hause Thurn und Taxis eher als »Hobby« betrachtet worden. Damit müsse nun Schluß sein.

Die Fürstin will das Vermögen für ihren Sohn, den neunjährigen Erbprinzen Albert, erhalten. Wenn der später Silberterrinen brauche, könne er sich die ersteigern. »Einen Forst aber kann er dann nicht mehr kaufen.«

Auf über drei Milliarden Mark wird das Vermögen der reichsten Fürsten-Dynastie Deutschlands geschätzt. Doch während die Rendite jahrelang schrumpfte, kletterten die Schulden - auf zuletzt 800 Millionen Mark.

Der Familie Thurn und Taxis gehört mit 28 000 Hektar Forst Europas größter Waldbesitz, sie verfügt über ein beachtliches Immobilienvermögen und ausgedehnte Ländereien in Übersee. Doch Fürst Johannes gelüstete es nach einem Firmenimperium. Weltumspannend aktiv wollte der Fürst sein, wie weiland der von ihm verehrte König Karl V., in dessen Reich die Sonne nie unterging. Daran gewöhnt, daß für die Erfüllung seiner Wünsche das Personal zu sorgen hat, ließ der Nachfahre des mit dem Postmonopol reich gewordenen Adelsgeschlechts seinen Managern freie Hand.

Die spielten gelegentlich Monopoly. In den USA engagierten sie sich bei einer Brokerfirma, richteten Boutiquen für Finanzberatungen ein und schoben auch mal Millionen an Thurn und Taxis vorbei auf die Konten einer befreundeten Firma in Zürich.

Selbstverständlich kauften auch die Thurn-und-Taxis-eigenen Firmengruppen Doduco und Unidor, Hersteller von Kontaktwerkstoffen und Elektronik, im Ausland zu. Unter den Neuerwerbungen waren, wie bei den anderen Aktivitäten, viele Mißgriffe.

Erst nach dem Tode des Fürsten im Dezember 1990 wurde das wahre Ausmaß des Desasters sichtbar. Die flippige Fürstin, ein häufiger Gast auf Münchner Jet-set-Partys, war genötigt, sich um die desolate Thurn-und-Taxis-Wirtschaft zu kümmern. Im Privatunterricht lernte sie von Wirtschaftsprofessoren das Einmaleins der Betriebsführung.

Neue Berater kamen ins Haus. Gloria ließ Firmen abstoßen, die Thurn-und-Taxis-Bank in München verkaufen, und sie verhandelt mit Bayerns Ministerpräsident Max Streibl über die Vermietung von Schloßteilen.

Die Schulden wurden inzwischen um rund 400 Millionen Mark reduziert. Für einige Firmen werden noch Käufer gesucht. Der Liquiditätsbedarf ist groß, nicht allein wegen der Schulden; eine Erbschaftsteuer in zweistelliger Millionenhöhe ist fällig.

So feudal wie am Hofe von Fürst Johannes soll es auf Schloß Emmeram in den nächsten neun Jahren nicht mehr zugehen. So lange bestimmt Gloria dort den Kurs, danach regiert Sohn Albert. »Ich kann«, sagt die Fürstin, »auf die vielen Privilegien verzichten.«

* Am 31. Mai 1980; die Fürstin mit dem Hochzeitsdiadem, das jetztversteigert werden soll.

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