Goldman-Sachs-Prognose Chefökonom sieht Deutschland als Antreiber der EU-Konjunktur

Der US-Wirtschaft droht eine Rezession, Chinas Wachstumsrate sinkt. Dennoch gibt es nach Einschätzung von Goldman-Sachs-Chefökonom O'Neill keinen Grund zur Panik. Ausgerechnet den Deutschen dürfte die weltweite Konjunkturdelle wenig anhaben.

Von Karsten Stumm, Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Jim O'Neill gilt nicht gerade als Berufsoptimist, speziell nach seinen jüngsten Einschätzungen zur Wahrscheinlichkeit einer weltweiten Rezession. Doch ausgerechnet O'Neill hat den Deutschen nun Mut gemacht. "Obwohl die Wirtschaft weltweit in diesem Jahr nicht mehr so stark wie in den Vorjahren wächst, sollte man eines im Hinterkopf behalten: Es läuft immer noch ganz ordentlich, und das auch im Vergleich zu den vergangenen 25 Jahre", sagte er heute auf dem Jahresempfang seines Geldhauses in Frankfurt am Main. Speziell in Europa seien die Risiken, dass es abrupt bergab gehen könnte, weitaus weniger ausgeprägt als etwa in Amerika.

Maschinenbau (bei MAN in Augsburg): Beeindruckender Zuwachs an Arbeitsplätzen
DDP

Maschinenbau (bei MAN in Augsburg): Beeindruckender Zuwachs an Arbeitsplätzen

O'Neill rechnet deshalb mit einem moderaten Wachstum auf dem alten Kontinent von etwa 1,7 Prozent in diesem Jahr und kalkuliert damit eine Spur vorsichtiger als viele andere führende Wirtschaftspropheten. Speziell der deutschen Wirtschaft spricht er aber die Rolle einer Konjunktur-Lokomotive zu. "Was in Deutschland passiert, nämlich der beeindruckende Zuwachs an Arbeitsplätzen, wird sich über die Grenzen hinaus auswirken. Und der deutschen Wirtschaft selbst wird es einen zusätzlichen Schub geben. Schließlich hat es überhaupt je nur sehr wenige Fälle gegeben, in denen ein solcher Effekt nicht eingetreten ist."

Der Chefökonom der US-Bank machte den Politikern hierzulande Mut, die Wirtschaft und damit auch den Staat weiter umzukrempeln: "Sie sollten das wirklich machen, auch wenn ich von Politikern in Berlin mittlerweile häufiger höre, die Nachfrage ankurbeln zu wollen und nicht die Leistungsfähigkeit der hiesigen Unternehmen." Doch die weitere Modernisierung sei nicht zuletzt von Bedeutung, weil die globalen Konjunktur-Lokomotiven der vergangenen Jahre an Zugkraft verlören, die bisher auch Deutschland vorangeholfen haben.

Die USA stehen für 30 Prozent der Weltwirtschaft

"Die ersten Daten legen mittlerweile die Einschätzung nahe, dass sich etwa die US-Wirtschaft womöglich schon in einer ausgeprägten Schwächephase befinde", sagte O'Neill, vielleicht sogar in einer Rezession; dafür sprächen beispielsweise die Minustrends des US-Immobilien- und des Arbeitsmarkts. Auch Chinas Wirtschaftswachstum schwäche sich etwas ab – wenn auch auf weiterhin sehr hohem zweistelligen Niveau; das beispielsweise sei an der Exportentwicklung des Landes ablesbar, die zuletzt nach unten zeigte. Goldman Sachs rechnet sogar damit, dass Chinas Wirtschaftswachstum nicht nur in diesem Jahr verglichen mit 2006 sinkt, sondern im kommenden Jahr weiter leicht an Fahrt verlieren wird.

"Beides zusammen aber macht es für andere Staaten schwierig, unbeirrt voranzukommen. Denn die Amerikaner sorgen noch immer für etwa 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und China ist mittlerweile die zweitgrößte Wirtschaftsmacht", sagte O'Neill.

Dass es dennoch nicht kräftig nach unten gehe, liege dann auch an den Amerikanern selbst. "Weitere Zinssenkungen um etwa 0,5 Prozentpunkte in den kommenden Monaten sollten Amerika genauso helfen wie die bereits diskutierten Steuersenkungen", so der Goldman-Sachs-Ökonom.

Selbst um die Inflation und den teuren Euro müssten sich die Bundesbürger nicht allzu viele Sorgen machen. Die Teuerungsrate werde wieder fallen, weil beispielsweise der Ölpreis mit dem globalen Wirtschaftswachstum sinke. Und nach einer kurzen Euro-Spitzenphase mit Kursen von etwa 1,51 Dollar pro Euro verbillige sich die Gemeinschaftswährung im Laufe der kommenden zwölf Monate auf Kurse von 1,40 Dollar für einen Euro, auch zum Wohle der deutschen Exporteure.

Dafür sorge allein schon der gewaltige Exporterfolg Amerikas: "Ich sage es Ihnen, den deutschen Exportweltmeistern, nur ungern. Doch derzeit übersteigt das Wachstum der amerikanischen Ausfuhren das der Importe bereits so stark wie nie in den vergangenen 27 Jahren. Ich habe nie geglaubt, dass ich so etwas je in meinem Berufsleben einmal erleben werde", sagte O'Neill mit leicht spöttischem Unterton.

Für das kommende Jahr rechnen die Amerikaner somit unter dem Strich wieder mit einem stärkeren Wirtschaftswachstum. In Amerika, Japan und vor allem auch in Euroland: "Mehr als eine dicke Zwei vor dem Komma ist auf dem Alten Kontinent drin", sagte O'Neill.



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