Goldman Sachs Strippenzieher der Wall Street

Kühl und erfindungsreich hat sich das US-Investmenthaus Goldman Sachs zum mächtigsten Dealmaker an der Wall Street aufgeschwungen. Jüngster Coup: die Fusion der New Yorker Börse mit dem elektronischen Handelsplatz Archipelago. Bei dem Milliardengeschäft wirkt Goldman auf allen Seiten mit - zu eigenen Gunsten.

New York - Das Hauptquartier des US-Investmenthauses Goldman Sachs, ein Wolkenkratzer an der Südspitze Manhattans, atmet eiskalte Autorität. Alle Büros sind streng hierarchisch ausgerichtet: Die aufstrebenden Jungmakler sitzen in fensterlosen Boxen, wie Hühner in der Legebatterie, die Chefs haben helle Zimmer mit metaphorischem Fernblick auf die Freiheitsstatue. In der "Besucherzone" im 43. Stock, an deren Wänden teure Kunst den Reichtum der Firma zur Schau stellt, verweigern Chrom und Stahl jedes Wohlfühlen, und die Ledersessel sind so abgrundtief, dass der Gast zum kauernden Zwerg schrumpft.

Goldman Sachs überlässt nichts dem Zufall. Selbst die Inneneinrichtung will imponieren, einschüchtern, zurechtweisen. Es ist nicht zuletzt solcher Sinn fürs kleinste Detail, in seiner Präsentation nach außen wie in all seinen Geschäften, der den Konzern - lange die ewige Nummer zwei an der Wall Street - zum mächtigsten Strippenzieher der Finanzwelt gemacht hat. Goldman, räumt ein Konkurrenz-Insider grimmig ein, "regiert die Wall Street".

Doch jetzt holt der Dealmaker zum großen Schlag aus. Sein Vehikel sind die Fusionspläne der New York Stock Exchange (NYSE) mit dem elektronischen Handelsplatz Archipelago. Denn die sorgen nicht nur deshalb weiter für Aufruhr und wachsende Kritik in der Szene, weil sie die dramatischste Revolution in der Geschichte der Wall Street darstellen. Sondern vor allem auch immer mehr wegen des Strippenziehers und finanziellen Hauptnutznießers hinter den Kulissen des Milliarden-Coups: Goldman Sachs.

Dreifacher Interessenkonflikt?

Der Zusammenschluss illustriert, wie inzestuös die Wall Street ist - und welche Rolle Goldman dabei inzwischen spielt. Die Bank wirkt hier nämlich auf allen Seiten, zu eigenen Gunsten: als "Berater" der NYSE, deren Miteigentümer Goldman ist (und deren CEO John Thain vor kurzem noch Goldman-Präsident war) - sowie als "Berater" von Archipelago, an dem Goldman ebenfalls Anteile besitzt (15,5 Prozent) und dessen lukrative IPO es gemanagt hat. Beide Goldman-Beteiligungen, an der NYSE und an Archipelago, haben allein durch die Bekanntgabe der Fusion enorm an Wert gewonnen. Und auch der notarielle Vollstrecker des ganzen Geschäfts, mit einer vertraglich vereinbarten Kommission von sieben Millionen Dollar, ist - Goldman Sachs.

Ein dreifacher Interessenkonflikt? "Das Leben ist voller Konflikte", sagt Goldman-Sprecher Lucas van Praag dazu, "manche real, andere eingebildet." Doch selbst die Börsenaufsicht SEC, die die Fusion absegnen muss, hat schon jetzt stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen, dass Goldman "auf beiden Seiten des Deals" steht. "Ich habe keine Ahnung, ob das legal war", grübelt SEC-Kommissar Roel Campos.

Das Kleingedruckte des Merger Agreements enthält noch andere, süße Bonbons für Goldman. Zum Beispiel eine "Lock-up Provision", wonach der Konzern berechtigt ist, das erste Drittel seiner Anteile an der neuen Megabörse zwei Jahre vor allen anderen 1365 NYSE-Sitzeignern abzustoßen. Diese Klausel begünstigt neben Goldman auch noch die an Archipelago mit 22 Prozent beteiligte Hedgefondsfirma General Atlantic Partners und den Archipelago-Vorstandschef Jerry Putnam.

Am Rande der Legalität

Die Multifunktion Goldmans bei der historischen Transaktion zerreißt die Wall Street. Der Goldman-Kritiker und frühere Börsendirektor Ken Langone sucht weiter nach Finanziers, um den Deal auszuhebeln - durch eine Übernahme der NYSE. Und Seatholder William Higgins, der Präsident der Association of NYSE Equity Members, hat die NYSE-Spitze vor dem New Yorker Supreme Court verklagt: "Die beabsichtige Fusion ist das Produkt der Verletzung treuhänderischer Pflichten durch die Mitglieder des NYSE-Direktorenboards, unter Beihilfe und Anstiftung ihres Beraters, der Goldman Sachs Gruppe", so die Sammelklage.

Dabei sind Beihilfe und Anstiftung - sowie klug getarnter Eigennutz - ja immer schon die Geschäftsprinzipien von Goldman gewesen. Darin unterscheidet sich das 136-jährige Unternehmen nicht von seinen Hauptrivalen Merrill Lynch und Morgan Stanley. Die drei "Großen" der Wall Street verdanken ihre Stellung dem Geschick, sich als bester Anwalt des Klienten darzustellen, ob institutioneller Großkunde oder Kleinanleger, doch dabei die eigene Bilanz nicht aus den Augen zu lassen: Eine oft skrupellose Gratwanderung scharf am Rande des guten Tons, wenn nicht der Legalität, wie auch jetzt der NYSE-Deal zeigt.

"Amoralität an der Wall Street"

Mit 51,3 Milliarden Dollar Kapital und einem Marktanteil von 10,2 Prozent lag Goldman im vorigen Jahr nur noch knapp hinter dem Branchenersten Morgan Stanley (54,3 Milliarden Dollar, 10,7 Prozent). Der NYSE-Meisterstreich dürfte der Großbank den Sprung nach vorn garantieren, zumal Morgan Stanley gerade in einer Palastrevolte versinkt, die das Unternehmen zu spalten droht. Goldman, urteilt das Wirtschaftsmagazin "Fortune", sei längst "in der weitaus besseren Position".

Doch womöglich ist Goldman diesmal auch zu weit gegangen. Die Kritikfront formiert sich, und selbst Börsenchef Thain hat die Lock-up-Klausel zugunsten von Goldman inzwischen wieder öffentlich zur Diskussion gestellt. Unterdessen veröffentlichte das "Wall Street Journal" jetzt eine Reihe erboster Leserbriefe zu Goldman. "Die Rolle von Goldman Sachs", schrieb da einer, "zeigt nur, dass der Eindruck von Amoralität an der Wall Street tatsächlich Realität sein könnte." Kein Wunder, ergänzte ein anderer, "dass sich der normale Bürger angesichts solcher Ignoranz hilflos fühlt".

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