Googles Börsengang "Was für eine Maschine"

Darauf haben die Anleger lange gewartet. Mit der Suchmaschine Google geht nach Jahren wieder ein Hoffnungsträger an die Börse. Die vorgelegten Unterlagen verheißen fette Kursgewinne. Die Gründer und Milliardäre in spe, Brin und Page, wollen die Aktien per Online-Auktion losschlagen und sich die Wall Street so weit wie möglich vom Leib halten.


Hoffnungsträger Larry Page und Sergey Brin: "Google ist kein konventionelles Unternehmen"
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Hoffnungsträger Larry Page und Sergey Brin: "Google ist kein konventionelles Unternehmen"

New York - Jim Cramer hält Zahlen ohnehin für sexy. Doch am Donnerstagabend befand sich der Börsenguru des Finanzkanals CNBC in einem Zustand höchster Erregung. "Fantastische Bruttomarge" gurrte er mit hochrotem Kopf in die Kamera. "127.000 Dollar Umsatz pro Mitarbeiter - Mann, was für eine Maschine."

Cheftrommler Cramer ist nicht der einzige, den Googles Börsengang (IPO) euphorisiert. Als am Nachmittag in New York bekannt wurde, dass das Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC entsprechende Unterlagen eingereicht hatte, ging der Server der Washingtoner Behörde umgehend in die Knie. Selten haben sich wohl so viele Menschen in so kurzer Zeit einen Prospekt bei der SEC heruntergeladen. Das liegt nicht nur an dem geplanten IPO, sondern auch an der Tatsache, dass man über Googles Finanzen bisher praktisch nichts wusste.

Kalifornische Umsatzrakete

Jetzt hat das Unternehmen erstmals die Zahlen auf den Tisch legen müssen und einige der im SEC-Prospekt präsentierten Fakten sind durchaus überraschend. So hat Google wesentlich mehr Mitarbeiter, als von vielen Experten angenommen. Statt der geschätzten gut tausend "Googler" hat die Firma bereits mehr als 1900 Beschäftigte. Der Umsatz liegt mit 962 Millionen Dollar im Jahr 2003 im Rahmen der Schätzungen. Aus der Bilanz geht zudem hervor, dass Google seit 2001 profitabel ist und praktisch keine Schulden hat.

Beeindruckend ist vor allem das explosionsartige Wachstum. Im Jahr 2001 hatte Google einen Jahresumsatz von 86,4 Millionen Dollar. Im darauf folgenden Jahr konnte die Firma ihre Erlöse auf 347,8 Millionen Dollar vervierfachen. Von 2002 bis 2003 stieg der Umsatz nochmals um über 170 Prozent auf 961,8 Millionen Dollar. Nach den Zahlen für das erste Quartal des laufenden Jahres wird Google weiter ähnlich stark wachsen - gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres hat der Suchmaschinenhersteller erneut 117 Prozent zugelegt.

Derartige Quartalszahlen wird es von Google in Zukunft wohl nicht mehr geben. In einem dem Prospekt beigefügten Brief an die Aktionäre erläutern die Unternehmensgründer Sergey Brin und Larry Page, dass die Fixierung auf Quartalsergebnisse ihrer Ansicht nach keine Grundlage sei, eine Firma zu führen. "Ein Managementteam, das von kurzfristigen Zielen abgelenkt wird, ist so sinnlos, wie wenn man während einer Diät alle halbe Stunde auf die Waage steigt", heißt es in dem Schreiben.

Verneigung vor Warren Buffett

In Anlehnung an Warren Buffets jährlichen Brief an die Aktionäre seines Unternehmens Berkshire Hathaway nennen die Google-Gründer ihr Schreiben "Owner's Manual". Page und Brin wollen sich fortan abwechselnd jedes Jahr mit einem entsprechenden Brief an die Aktionäre wenden. Schon im ersten Satz stellen sie klar: "Google ist kein konventionelles Unternehmen. Und wir wollen auch nicht, dass es eines wird." Google werde auch in Zukunft seinen Mitarbeitern viel Freiraum lassen und dadurch innovative Ideen befördern. Man werde keinesfalls "vor sehr risikoreichen Projekten zurückschrecken, die einen sehr hohen Gewinn versprechen ", um den Finanzmärkten gefällig zu sein.

Google-Zentrale im kalifornischen Mountain View: Mitarbeiter behalten ihren Freiraum
AP

Google-Zentrale im kalifornischen Mountain View: Mitarbeiter behalten ihren Freiraum

Dass bei diesem Börsengang alles anders läuft als sonst, mussten auch die sonst arg gehätschelten Herren der Wall Street erfahren, die sich um die Rolle als Konsortialführer beim Google-Börsengang bewarben. Presseberichten zufolge machte das Unternehmen den interessierten Investmentbanken hohe Auflagen, ließ sie dicke Fragebögen ausfüllen und verbat ihnen, mit den Medien zu sprechen. Selbst Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston (CSFB), die letztlich den Zuschlag bekamen, sollen bis heute kaum detaillierte Informationen über den Suchmaschinenanbieter erhalten haben. Google, ärgerte sich ein Investmentbanker unlängst im "Wall Street Journal", betrachte die Börsenprofis "als Werkzeug, nicht als Partner".

Internet-Auktion statt Spezlwirtschaft

Entsprechend wird Google seinen Börsengang nicht auf traditionelle Art und Weise durchführen. In der Regel sind die Konsortialbanken für die Zuteilung der Aktien an interessierte Investoren zuständig. Bei begehrten Neuemissionen haben Privatanleger in der Regel wenig Chancen. In der Vergangenheit haben Investmentbanken bei der Zuteilung häufig jene Investoren bevorzugt, mit denen sie in der Vergangenheit gute Geschäfte gemacht haben oder in Zukunft welche machen wollen. Wegen des Verdachts der Spezlwirtschaft in besonders schwerem Falle steht in Manhattan ironischerweise gerade der frühere IPO-Experte des Google-Konsortialführers CSFB vor Gericht

Google wird die Emission nach Prospektangaben in Form einer Online-Auktion durchführen, bei der alle Investoren gleichberechtigt für die Anteile bieten können. "Ein fairer Prozess, der kleine und große Investoren mit einbezieht, ist uns wichtig", schreiben Page und Brin in ihrem Brief. Zudem wird es bei Google zwei verschiedene Aktientypen geben - ähnlich wie in Deutschland, wo viele Unternehmen stimmberechtigte Stammaktien und stimmlose Vorzugsaktien ausgegeben haben. Durch diese Konstruktion wollen die Google-Gründer auch nach dem IPO ihren Einfluss auf das Unternehmen sichern.

Laut Prospekt möchte Google mit der Emission 2,7 Milliarden Dollar einnehmen. An der Wall Street wird erwartet, dass Googles Marktkapitalisierung - also der Wert aller ausstehenden Aktien - nach der Erstnotierung schon bald 20 bis 25 Milliarden betragen wird. Börsenguru Cramer hält diese Schätzung für viel zu pessimistisch. "Nachdem ich heute die Zahlen gesehen habe", dröhnte er auf CNBC, halte ich 75 Milliarden für realistisch".



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