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SOWJETBANK Gospodin am Main

Die Moskauer Staatsbank errichtete erstmals eine Niederlassung in der Bundesrepublik.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Die Herren aus Moskau sprangen vom Mittagstisch auf und hasteten in die Taxis: Sie wollten noch vor dem Kaffee eine Bank gründen.

Um 14.00 Uhr am vergangenen Donnerstag beurkundete in Frankfurts Marienstraße 17 der hessische Anwalt Rudolf Müller die Gründung einer »Ost-West-Handelsbank AG« des ersten sowjetischen Kreditinstituts in Westdeutschland.

Zur gleichen Zeit, da in Bonn das deutsch-sowjetische Luftverkehrsabkommen unterzeichnet wurde und Kossygin-Schwiegersohn Dschermen Gwischiani bei Hans Leussink Verhandlungen über ein neues Wissenschaftsabkommen führte, etablierte sich damit in der Finanzwelt ein ostpolitisches Novum. Nie zuvor seit der russischen Revolution hatten die Moskauer Staatsbankiers eine eigene Bank-Tochter in Deutschland eröffnet.

Zum viertenmal bauten damit die Sowjetbanker in Westeuropa ein Geldinstitut auf, das ihnen den Zugang zum westlichen Kreditwesen verschaffen und den Handel mit den Kapitalisten erleichtern soll. In London, Paris und Zürich unterhalten die Sowjets bereits eigene Bankhäuser.

Chef der neuen Kreditanstalt in Frankfurt wird Andrej Dubonossow (siehe Interview Seite 52) -- der im westlichen Geldsystem erfahrenste Bankier des Kremls. Acht Jahre war Dubonossow, einst Student am Moskauer Institut für Finanzen, Präsident der Moscow Narodny Bank in London. Insgesamt 15 Jahre verbrachte der stämmige stupsnasige Rotbanker für russische Banken im westlichen Ausland.

Unter Dubonossows Leitung stieg die Bilanzsumme des Londoner Instituts auf das Dreißigfache. Der Russe zählt zu den Erfindern des Eurodollar-Marktes, jenes Kreditsystems mit vagabundierenden Dollarguthaben in Europa, die zumeist kurzfristig verliehen werden. Fast alle westlichen Goldverkäufe der Sowjet-Union liefen durch die Bücher der Londoner Filiale; mit fast 300 britischen Angestellten erreichte die bereits 1919 gegründete Russenbank im vergangenen Jahr eine Bilanzsumme von 3,5 Milliarden Mark,

Seit zwei Monaten wohnt Dubonossow jetzt im Hotel »Frankfurter Hof«, um sich für seinen neuen Job in Westdeutschland vorzubereiten. Unterstützung erhielt er dabei sowohl von der Bundesbank als auch vom Bonner Wirtschaftsministerium. Schillers Geld- und Kreditexperte Wilhelm Hankel: »Jeden Handgriff haben wir erläutert.

Bei der Anreise Dubonossows Ende September war bereits entschieden, daß die Sowjets nicht -- wie ursprünglich beabsichtigt -- in Frankfurt eine Tochtergesellschaft der Narodny-Bank, sondern ein von London unabhängiges Geldinstitut gründen wollten, an dem sich die Moskauer Geldapparatschiks direkt beteiligen. Die Deutschen selbst hatten auf ihre Rolle als einer der bedeutendsten Handelspartner der Sowjets gepocht und Wert auf eine eigenständige Russenbank gelegt. »Ein so distanziertes Verhältnis, wie das über London gewesen wäre«, meinte Hankels Mitarbeiter Bruno Schröder, »wollten wir nicht.

Die hilfreichste Unterstützung bei seiner Einfahrt in das deutsche Kreditwesen erhielt Dubonossow von der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) die seit ihrer Gründung Kredite an osteuropäische Staatsbanken vergibt. Von ihr bekam der russische Bankier sogar Management-Hilfe: Günter Berein, bisher Leiter der BfG-Abteilung für Ostgeschäfte, wird deutsches Vorstandsmitglied der russischen Bank.

Berein, 44, kennt das Ost-West-Metier seit elf Jahren. Als Finanzier war er ständig in den Hauptstädten des Comecon unterwegs. »Ich hatte bereits in Frankfurt«, erzählt er, »den Spitznamen Gospodin.«

So wie in England sollen ausschließlich einheimische Bankangestellte die laufenden Geschäfte der Russen erledigen. Der Aufsichtsrat wird dagegen nur mit Vertretern der fünf sowjetischen Anteilseigner besetzt werden (Staatsbank und Außenhandels-Bank sowie drei Außenhandels-Organisationen); das Aktienkapital beträgt zunächst 20 Millionen Mark.

Der organisatorische Aufbau in Frankfurt wird dem von zwei anderen Kreml-Banken im Westen gleichen. Nur am Russen-Institut in Paris -- der »Banque Commerciale pour l'Europe du Nord« -- ist der Präsident ein Einheimischer. Das sei, so vermutet die »Neue Zürcher Zeitung«. »auf die verhältnismäßig starke kommunistische Partei in Frankreich« zurückzuführen.

Berein glaubt, daß die neue Sowjet-Bank »eine echte Lücke« im westdeutschen Finanzgeschäft ausfüllen wird: »Eine typische Refinanzierung im Osthandel. das Forfait, ging beispielsweise bisher in die Schweiz*« Auch das Eurodollar-Geschäft will Berein -- mit den Erfahrungen seines sowjetischen Vorstandskollegen -- für die Ost-West-Handelsbank »nicht ausschließen«.

Bei der Gründung der Sowjet-Filiale in Zürich vor fünf Jahren kam es zu heftigen innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Schweiz. »Ich bin wirklich überrascht«, meint Finanzmakler Dubonossow, »wie wohlwollend wir hier aufgenommen werden.«

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