Kein Regierungsappell zum Energiesparen Briten sollen so viel heizen und Strom verbrauchen, wie sie wollen

Dem britischen Klimaminister zufolge sind die Bürgerinnen und Bürger nicht zum Energiesparen angehalten – mit Stromausfällen sei auch nicht zu rechnen. Damit verfolgt Großbritannien eine andere Linie als die EU-Staaten.
Eine Londoner Wohngegend im September: Gestiegene Preise für Energie, Rohstoffe und Lebensmittel

Eine Londoner Wohngegend im September: Gestiegene Preise für Energie, Rohstoffe und Lebensmittel

Foto: Hannah McKay / REUTERS

Anders als in vielen europäischen Ländern fordert die britische Regierung die Bevölkerung nicht zum Energiesparen auf. »Es ist nicht unsere Aufgabe, den Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollen«, sagte Klimaminister Graham Stuart dem Times Radio. Das Letzte, was man tun wolle, sei, jemandem zu sagen, er solle im nationalen Interesse Geräte abschalten, wenn das keine Auswirkungen auf die nationale Energiesicherheit habe. Es sei auch nicht damit zu rechnen, dass es zu Stromausfällen komme. Die Netzbetreiber hatten zuvor gewarnt, Haushalte und Unternehmen könnten in diesem Winter von etwa dreistündigen Stromausfällen betroffen sein.

Der britische Ansatz steht im Gegensatz zur Europäischen Union, in der sich die Länder darauf geeinigt haben, den Gasverbrauch freiwillig um 15 Prozent zu senken. In der EU fordern Politiker und Behörden Unternehmen auf, den Energieverbrauch zu kappen. Zudem werden in öffentlichen Gebäuden Heizung und Beleuchtung heruntergefahren. In Deutschland haben vor allem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller hierzu immer wieder an die Bevölkerung appelliert. »Die Lage kann sehr ernst werden, wenn wir den Gasverbrauch nicht deutlich reduzieren«, mahnte Müller jüngst.

»In allen zentralen Szenarien wird es uns gut gehen«

Die Warnung des britischen Netzbetreibers National Grid vor möglichen Stromausfällen basiert auf einem Worst-Case-Szenario. Dieser schlimmste Fall trete dann ein, wenn Großbritannien nicht in der Lage sei, Strom aus Europa zu importieren und Schwierigkeiten habe, genügend Gas einzuführen. »Wenn es ein solches Szenario gäbe, würde es zu einem sehr scharfen Punkt kommen, sodass die Tatsache, dass jemand seinen Energieverbrauch eine Woche vorher oder sogar einen Tag vor Erreichen des Spitzenwertes reduziert hat, keinen wirklichen Unterschied für die Versorgungssicherheit machen würde«, sagte Stuart zu Sky News. »In allen zentralen Szenarien wird es uns gut gehen«, betonte der Minister. Auf die Frage, ob die Briten weniger Energie verbrauchen sollten, sagte Stuart: »Das ist keine Botschaft, die wir senden«.

Die Briten bekommen die Folgen des Ukrainekriegs mit anziehenden Preisen für Energie, Rohstoffe und Lebensmittel zu spüren. Die Regierung hat bereits ein Hilfspaket für Menschen aufgelegt, die ihre deutlich höheren Stromrechnungen kaum noch stemmen können. Am Donnerstag erklärte die Regierung, dass sie mit den Energieversorgern und der Regulierungsbehörde Ofgem an einem freiwilligen Service arbeite, um Nutzer zu belohnen, die ihren Stromverbrauch zu Spitzenzeiten senken.

Unter der neuen Premierministerin Liz Truss hat Großbritannien zudem Schritte eingeleitet, um seine Energiesicherheit zu erhöhen. So wurde im vergangenen Monat das Verbot von Fracking zur Gewinnung von Schiefergas in England aufgehoben und am Freitag eine neue Lizenzierungsrunde für die Öl- und Gasexploration eingeleitet.

aeh/Reuters
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