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TOURISMUS Grandioses Theater

Der Club Mediterranee hat in Deutschland einen erfolgreichen Nachahmer gefunden: den Robinson-Club. *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Pio lacht und Pio weint. Pio drillt ehrgeizige Urlauber beim Tennis und müht sich vor dankbar juchzendem Publikum als Travestie-Clown um burleske Ferienstimmung. Pio plaudert, immer freundlich, an der immer gut besuchten Freiluftbar mit Bernhard aus Bremervörde oder Walter aus Wolfsburg, und Pio tanzt nächtens aufopfernd mit Heike, Brigitte oder Marion in der Stranddisco.

Pio ist Animateur. Einer jener 37, die als Muntermacher, Sportlehrer oder Gemütsbuffos im süditalienischen Robinson-Club Calabria den vorwiegend aus Deutschland angereisten rund 700 Touristen - ein paar Singles, viele Paare und eine Menge Familien - die Tristesse des Alltags austreiben sollen.

Diese Art Ferien, eine Mischung aus Kraft durch Freude und Schau-Spiel, findet zunehmend Anhänger. Immer mehr Deutsche suchen ihre Erholung in Urlaubsdörfern wie dem Club Calabria. Es sind Freizeit-Siedlungen, die von der Außenwelt abgeschirmt sind und in denen auf Spiel und Sport spezialisierte Animateure den lauten Ton angeben.

Schon das Clubbrevier verspricht nicht einfach Urlaub. Nein, man wird »wie eine große Familie« sein. »Sportlich und gesellig« soll es zugehen und »manchmal auch ganz verrückt«. Speisen und Wein wird es im Überfluß geben und jeden Abend ein großes Spektakel, Show und Folklore. Kurzum: perfekter Feriengenuß.

Die Animateure sind allgegenwärtig. Und jeder duzt jeden, man ist ja schließlich unter Freunden. Überall ist Aktion. Alles genau nach Zeitplan.

Die sorgsam präparierte Ferienfreude beginnt morgens beim Jogging mit Dirk (9.30 Uhr) und endet allabendlich beim Spektakel der gesamten Animationsriege auf der Clubbühne (21.30 Uhr) mit anschließendem Discorummel im Beachclub.

Dazwischen mehr als 30 Kurse und Wettkämpfe zur Auswahl: Surfen oder Volleyball, Bogenschießen oder Bingo, Italienisch für Anfänger oder Tennis für Fortgeschrittene. Die »Kampfschwimmerausbildung« findet ihre Liebhaber, Manfreds Computerkurs ("Kostenbeitrag 150 Mark die Woche"), so wird vermerkt, ist steuerlich abzugsfähig. Da erweist sich das von Ute animierte Konzentrationstraining ("Ich bin ruhig, ganz ruhig") für manchen schon bald als durchaus nützlich.

Am fünften von 14 Urlaubstagen zeigt die kollektive Anstrengung bei Peter aus Hamburg Spuren. Um zehn Uhr verliert er sein erstes Tennismatch, gleich darauf auch das zweite. Den folgenden Computerkurs absolviert er nur lustlos, und beim anschließenden Surflehrgang hat Peter Mühe mit Wind, Segel und dem eigenen Gleichgewicht. Als Ehefrau Ingrid ihn um 17.00 Uhr pünktlich wie jeden Tag zum Tanzkurs am Strand auffordert, reagiert er abgeschlafft: »Ich hab' genug.«

Doch am sechsten der 14 Urlaubstage ist Peter wieder voll da. »Der Club«, schwärmt er, »ist ein grandioses Ferientheater.« Der Zahnarzt verbringt mit seiner Frau und den beiden Kindern

bereits den dritten Sommerurlaub im Robinson Calabria (im Winter fährt die Familie in den Robinson-Club Katschberg nach Österreich). »Jeder kann mitmachen, worauf er Lust hat, jedem wird was geboten - mehr kann Urlaub nicht sein.«

Saison für Saison verzeichnet die vor 14 Jahren gegründete Robinson-Gesellschaft, die je zur Hälfte dem Hotelkonzern Steigenberger und dem Hannoveraner Reisemulti Touristik Union International (TUI) gehört, zweistellige Steigerungsraten. Ein Traumergebnis in der Reisebranche.

In diesem Jahr wird die Rekordzahl von 130000 Robinson-Urlaubern erwartet. 105000 waren es 1984, die dem Unternehmen knapp 100 Millionen Mark Umsatz und, so Marketing-Chef Thomas Holtrop, einen »stattlichen Gewinn« auf die Konten brachten.

Zu den bislang 14 Robinson-Clubdörfern rund ums Mittelmeer, in Österreich, Sri Lanka und Kenia kamen rechtzeitig zur Sommersaison drei weitere hinzu - in Italien, Tunesien und in der Türkei. Freie Plätze für diesen Sommer sind auch dort nicht mehr zu haben. »Wir mußten«, sagt Thomas Holtrop, »schon frühzeitig Buchungen stoppen.«

In manchen Clubs gab es in den letzten Wochen dennoch Probleme, weil weitaus mehr Gäste eintrafen, als untergebracht werden konnten: Die Koordination zwischen den Reisebüros in Österreich, der Schweiz, Italien und der TUI-Zentrale in Hannover hatte nicht geklappt. Mancher Clubgast mußte deshalb in nahe gelegenen Hotels einquartiert werden, mancher Animateur sein Zimmer fürs zahlende Publikum räumen.

Irritiert beobachtet der Pariser Clubkonzern Mediterranee den Erfolg der deutschen Konkurrenz. Mit mehr als 100 Clubs und jährlich mehr als einer Million Gästen sind die Franzosen in dieser Touristiksparte weltweit führend. Doch die deutsche Klientel ist klein. Nur 30000 Deutsche verbrachten 1984 ihren Urlaub im »Le Club«, wie ihn seine Anhänger liebevoll nennen - nicht einmal ein Drittel der Robinson-Schar.

Dabei hat Robinson die Franzosen lediglich kopiert. »Der Club Mediterranee«, sagt Rolf Rampf, Chef des Robinson Calabria und ehemaliger Hotelmanager bei Steigenberger, »ist unser Vorbild.«

Entwickelt wurde diese Form des Urlaubs Anfang der fünfziger Jahre. Damals baute der belgische Diamantenhändler Gerard Blitz in einer einsamen Bucht auf Mallorca für sich und seine Freunde ein paar Strohhütten. Er zelebrierte dort Ferien in einem Stil, der an die Stammessitten von Südsee-Insulanern erinnerte: Mann und Frau liefen nur mit einem Hüfttuch bekleidet herum, zahlten mit Muschelgeld, spielten gemeinsam am Strand und lebten in den primitiven Hütten und in Zelten.

Als immer mehr zivilisationssatte Ferienmenschen in das Paradies des Gerard Blitz kommen wollten, übernahm sein französischer Freund Gilbert Trigano das Management. Mit allen Finessen des Marketing entwickelte der ehemalige Kommunist und Gelegenheitsschauspieler die Ferienidee vom einfachen, freizügigen Leben weiter.

Längst ist aus dem Hüttendorf am Mallorca-Strand einer der größten Touristik-Konzerne der Welt geworden; aus dem fröhlichen Spiel entstand der gedrillte Urlaubsspaß organisierter Animation. Der Club präsentiert sich heute als eine Aktiengesellschaft, in der saudische Ölscheichs ebenso ihr Geld anlegen wie der französische Staat; das Reiseunternehmen gilt als eine der rentabelsten französischen Firmen.

In Deutschland aber gibt es für den Club Med vorerst nicht viel Geld zu verdienen. Der Nachahmer Robinson hat das Vorbild deutlich abgehängt. Vermutlich liegt das vor allem an der Sprache. Lediglich in drei Mediterranee-Dörfern wird leidlich Deutsch gesprochen.

»Die im Club Med«, sagt Norbert aus Berlin, »ziehen ihr Programm erbarmungslos auf französisch durch - da hab' ich nie richtig begriffen, was eigentlich läuft.« Seit zwei Jahren bucht der 40jährige bei Robinson. Dort, sagt er, sei »Deutsch Amtssprache - da fühlt man sich doch gleich zu Hause«.

Das Clubgelände, egal ob bei Robinson in Griechenland oder in Italien, in Sri Lanka oder in Kenia, wird von den Robinson-Deutschen als ein Stück teutonischen Territoriums betrachtet. Zäune, Eisentor und Wachposten sorgen dafür, daß keine ungebetenen Einheimischen ins Feriengehege kommen.

Die Umgebung interessiert kaum. »Wo sind wir hier eigentlich?« fragt Elke aus Frankfurt, als sie am zehnten von 14 Urlaubstagen an der Clubrezeption ihren Eurocheque ausfüllt. Für den Scheck bekommt sie rote, schwarze und weiße Plastikperlen, die einzige im Urlaubsdorf gültige Währung. Den Namen der nahen, geschichtsträchtigen Stadt kennt Elke nicht. »Ich bin hier zum Vergnügen«, sagt sie, »nicht auf Kulturreise.«

Das Vergnügen ist total, der Club genügt sich selbst. Das Buffet - am Morgen, am Mittag, am Abend - ist ebenso gut wie üppig, Speisen und Wein gibt es im Überfluß. Die Animation läßt keine Langeweile zu. »Ich lerne hier«, sagt einer, »in zwei Wochen mehr nette Menschen kennen als zu Hause im ganzen Jahr.«

Darin liegt wohl der Grund des Erfolgs. »Die meisten Menschen«, erklärt der Schweizer Urlaubsforscher Jost Krippendorf, »brauchen Hilfestellung, um ihre eigene Befähigung zum Erleben genußreicher Ferien zu entdecken und zu nutzen.«

Die Hilfe ist immer präsent. »Der Animateur«, sagt Clubchef Rolf Rampf, »soll in der Lage sein, auf Menschen zuzugehen, sie anzusprechen, Kontakte untereinander zu fördern und sie zu ermuntern, selbst aktiv zu werden.«

60 von 100 Cluburlaubern, so weiß man inzwischen bei Robinson, werden Stammgäste. Sie fahren mal nach Spanien, mal nach Griechenland, Italien oder auch nach Sri Lanka - aber meist auf dem direkten Weg in den Club und

nach zwei oder drei Wochen auf dem direkten Weg wieder nach Hause.

Für die restlichen 40 von 100 allerdings ist der erste auch der letzte Urlaub dieser Art. Sie fühlen sich eingeengt im Getto dieser Ferienfabriken, manipuliert durch die Einplanung in ihnen fremde Aktivitäten, genervt durch die ständige Präsenz der sterile Fröhlichkeit verbreitenden Animateure.

Deshalb sollen, so heißt es in einer Animationsanalyse, erfahrene Clubgäste Patenschaften für unerfahrene Neuankömmlinge übernehmen und sie behutsam in die Clubgesellschaft einführen. Das habe auch einen Nebeneffekt: Die Stammgäste würden sich als »Gäste-Animateure in ihrem Status aufgewertet fühlen«.

Touristikunternehmen wie TUI sehen in der zielgruppengenauen, totalen Vermarktung des Urlaubs die einzige Chance für Wachstum in der etwas müde gewordenen Reisebranche. Auf 700000 schätzt der renommierte Starnberger Studienkreis für Tourismus derzeit das Potential der Cluburlauber in Deutschland. Entsprechend groß sind die Anstrengungen der Veranstalter.

Dem Marktführer Robinson sind seine derzeit 17 Clubs längst nicht genug. Auf rund 40 will Robinson langfristig die Zahl seiner Ferienanlagen aufstocken. Die nächste soll bereits im Herbst in Brasilien eröffnet werden.

Zulauf spürt auch der 1979 gegründete Club Aldiana (Slogan: »Wo die Glücklichen Urlaub machen"). Aldiana, ein Tochterunternehmen des ins Schlingern geratenen Frankfurter Reiseriesen NUR, konnte in den vergangenen drei Jahren seine Kundschaft auf 30000 verdoppeln.

Kleine Reiseunternehmen wollen ebenfalls an dem Clubboom teilhaben. Mit günstigen Preisen sehen sie eine Chance gegen den Club Mediterranee und gegen Robinson. So offerieren die Frankfurter Jet-Reisen einen »Preis-Wert-Urlaub für die ganze Familie«. Und die TUI-Tochter Transeuropa bietet »Beach Clubs« für Leute, die sich den teuren Aufenthalt bei Robinson nicht leisten können.

Club-Erfinder Mediterranee versucht unterdes, deutschen Boden gutzumachen. Nach einer gescheiterten Imagekampagne und nach vergeblichen Sonderofferten für Vor- und Nachsaison »zum Kennenlernen« wollen die Franzosen jetzt direkt nach Deutschland einmarschieren und im Spätherbst den 105. Club Mediterranee und damit die erste Clubanlage in Deutschland überhaupt eröffnen - auf einem gecharterten Rheindampfer.

Marktführer Robinson, der in der Heimat noch kein geeignetes Gelände zum Einzäunen gefunden hat, reagiert gelassen. »Solange die Franzosen nicht wirklich Deutsch sprechen«, sagt ein Robinson-Manager, »haben wir mit denen keine großen Probleme.«

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