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BRANNTWEINSTEUER Grausige Mixtur

Wird weniger Schnaps getrunken, wenn die Branntweinsteuer steigt?
aus DER SPIEGEL 46/1980

Acht Jahre brauchten die Schnapstrinker, um drei Steuererhöhungen zu verkraften. Aber kaum haben sie sich wieder an den Verbrauchspegel von 1971 herangezecht -- und sogar noch einen Schluck drüber --, da kommt der vierte Dämpfer.

Ab April nächsten Jahres will Bundesfinanzminister Hans Matthöfer 15 Prozent mehr Branntweinsteuer verlangen. Je Liter Alkohol muß der Verbraucher künftig 22,50 Mark statt bisher 19,50 Mark an den Fiskus zahlen, macht pro Flasche Weinbrand etwa eine Mark mehr.

Das könnte manchen Freund des Schnapses zunächst verschrecken. Bisher jedenfalls hatte noch jede Steuererhöhung ernüchternde Wirkung.

So tranken die Deutschen 1971 durchschnittlich drei Liter reinen Sprits. Das waren umgerechnet 8,74 Liter Spirituosen von 38 Volumenprozenten, also etwa gut zwölf Flaschen Weinbrand oder Doppelkorn.

Als Bonn dann im Januar 1972 die Branntweinsteuer um 25 Prozent -- von zwölf auf 15 Mark -- erhöhte, fiel der Pro-Kopf-Verbrauch um einen Liter (siehe Graphik). Erst im vergangenen Jahr konsumierten die Deutschen im Schnitt wieder fast neun Liter 38prozentigen.

Auch diesmal werden die Verbraucher wohl, wie nach jeder Steuererhöhung, S.110 sparsamer einschenken. Experten rechnen zwar nicht damit, daß insgesamt weniger Alkohol getrunken wird. Sie meinen aber, daß die Trinker, sehr zum Verdruß der Spirituosenindustrie, scharenweise auf billigere Alkoholika umsteigen werden.

Für den Finanzminister wird die Rechnung indes in jedem Falle aufgehen. Selbst wenn zunächst weniger Hochprozentiges getrunken werden sollte, erwarten die Bonner 750 Millionen Mark mehr in ihrer Kasse.

Alle bisherigen Erfahrungen scheinen die Schätzung zu untermauern. Obwohl die Steuer in den letzten neun Jahren dreimal kräftig erhöht wurde, nimmt der Fiskus über den Alkohol heute fast doppelt soviel wie 1971 ein -- nämlich 4,2 Milliarden Mark.

Außer dem Finanzminister findet daher nur die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren die Steuererhöhung »recht erfreulich«, wie Geschäftsführer Herbert Ziegler verhalten formuliert. Auch Ziegler weiß allerdings, daß die Schnapssteuer »leider nicht aus gesundheitspolitischen Gründen« höher geschraubt wird.

Die Schnapsfabrikanten dagegen jammern. Es treffe immer nur die Brenner, klagt Asbach-Manager Walter Gantert, Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Spirituosen-Industrie. In der Tat wird Wein überhaupt nicht besteuert, Bier seit eh und je nur gering, mit zwölf bis 15 Pfennig je Liter.

Ein neuer, staatlich verordneter Preisschub bei Hochprozentigem, so fürchten die Brenner, könnte die Branche in eine Krise reißen. Der Zweckpessimismus, mit dem sich die Brenner schon 1976 gegen die ständig wachsenden Abgaben zur Wehr setzten, scheint diesmal nicht ganz unbegründet.

Die letzten Steuererhöhungen von 1976 und 1977 konnten die Schnapsfabrikanten und -importeure noch zumindest teilweise mit einem Trick auffangen: Sie setzten einfach den Alkoholgehalt ihrer Produkte herab.

Whisky etwa, früher einmal ehrliche 43 Prozent stark, ist vielfach auf 40 Prozent abgesunken. Selbst der teure französische Edel-Likör D.O.M. Benedictine -- rund 25 Mark die Flasche -- ging, der Steuer wegen, von 43 auf 40 Prozent herunter.

Preiswerter deutscher Kräuterlikör hat inzwischen nur noch schwächliche 30 Prozent, was eher der Leber bekömmlich ist als dem Geschmack. Der Flensburger Rum-Produzent Andresen, bekannt als Lieferant von Hochprozentigem, läßt eine »Rum-Spezialität« mit mageren 17 Prozent ("Creme de Rum") mixen.

Nur mit dünnerem Getränk hielten viele Spirituosenhersteller die Preise weitgehend stabil. Sie schütteten --Schnaps ist Schnaps -- Apfel- und Apfelsinensaft, Grapefruit- und Maracujasaft in ihren Korn und redeten den Verbrauchern einen neuen Trend ein.

Sparsame Hausfrauen taten ein übriges und streckten den Eierlikör, den sie bislang pur zum Kaffeekränzchen servierten, mit Mineralwasser. Die grausige Mixtur (Spitzname: »Mutterglück") gewann rasch Nachahmer.

Nach der letzten Steuererhöhung von 1977 wurden dünne Mix-Getränke zu Rennern der Schnapsbranche. Hinter dem langjährigen Spitzenreiter unter den Markenfabrikaten, dem Eckes-Weinbrand »Mariacron«, stieg jäh ein Apfelkorn ("Berentzen Appel") zur Nummer zwei der meistgetrunkenen Markenspirituosen auf und brachte dem Hersteller, der Kornbrennerei Berentzen aus Haselünne im Niedersächsischen satte Umsatzsteigerungen.

Während im Korn von Gesetzes wegen mindestens 32 Prozent Alkohol sein muß, hat Apfelkorn viel Zucker und wenig Alkohol (25 Prozent). So trifft eine Steuererhöhung die Apfelkorn-Abfüller nicht so arg.

Doch weiter können auch sie mit dem Alkoholgehalt nicht heruntergehen. Oder höchstens »im Prinzip«, wie ein Berentzen-Mann sagt, »sonst haben wir eine geschmackliche Einbuße«.

Die Brenner werden die kommende Steuererhöhung voll an die Verbraucher weiterreichen. Die aber sollen, wenn es nach dem Willen der Schnapsbranche geht, nicht ausweichen und sich preiswert mit Wein oder Bier betrinken dürfen.

Die Spirituosenhersteller wollen nämlich nicht länger hinnehmen, daß nur im Hochprozentigen der Alkohol so scharf besteuert wird. Das sei verfassungswidrig.

Mit ihrer Klage wegen ungleicher Besteuerung muß sich demnächst der Bundesfinanzhof beschäftigen. Schließlich, so befand lebensnah schon vor langer Zeit das Oberlandesgericht Celle, zählt nicht nur Bier, sondern auch Schnaps zu den »lebenswichtigen Bedarfsgütern«.

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