Greenpeace-Studie Malaysia wird zur deutschen Müllkippe

Plastikabfall aus der Bundesrepublik landet auf illegalen Mülldeponien in Malaysia - und wird dort zum Umweltrisiko. Ein Greenpeace-Report macht nun das Ausmaß deutlich.
Plastikmülldeponie in Johor im Süden Malaysias: 180.000 Tonnen aus Deutschland - in einem Jahr

Plastikmülldeponie in Johor im Süden Malaysias: 180.000 Tonnen aus Deutschland - in einem Jahr

Foto: Nandakumar S. Haridas/ Greenpeace

Etwa 220 Kilogramm Verpackungsmüll verursacht jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Knapp 40 Kilogramm davon sind Plastikabfälle. Das ist ein Spitzenwert in Europa. Gleichzeitig trennt man hierzulande auch fleißig. Weltmeister der Wiederverwertung nennen sich die Deutschen gern.

Doch beim genauen Hinsehen ist das gute Gewissen, das die gelbe Tonne liefert, ein Mythos: Nur ein Bruchteil der darin gesammelten Kunststoffe wird so aufbereitet, dass daraus erneut Plastik gemacht werden kann. Der Großteil der Kunststoffreste wird verbrannt.

Hunderttausende Tonnen jedoch werden jedes Jahr von Deutschland aus auf die Reise geschickt, als vermeintlich recycelbarer Rohstoff. Wiederverwertbar sind die oft verdreckten Plastikreste nur selten, häufig landen sie auf wilden Müllkippen. Lange ist solcher Abfall nach China transportiert worden, doch nachdem das Land im März 2018 die Grenzen für derlei Kunststoffreste dichtgemacht hat, ist Malaysia zum neuen Müll-Hotspot geworden. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat in Malaysia mehrere dieser unregulierten Deponien untersucht und nun einen Bericht darüber veröffentlicht .

Berge von Hausmüll aus den Industriestaaten

Die Auswertung von Boden- und Wasserproben an zehn Standorten zeigte: Die illegalen Müllhalden stellen ein enormes Risiko für Umwelt und Gesundheit dar. Da die Halden immer wieder in Brand gesetzt werden, um die Menge an Müll zu reduzieren und Platz für neuen zu schaffen, fanden sich im Boden außer Rückständen bromhaltiger Flammschutzmittel auch Schwermetalle wie Cadmium und Blei. "Die Schadstoffe können in die Nahrungskette gelangen und für die Bevölkerung ein erhebliches gesundheitliches Risiko darstellen", sagt Manfred Santen, Chemieexperte von Greenpeace.

Deutscher Plastikmüll auf unregulierter malaysischer Deponie

Deutscher Plastikmüll auf unregulierter malaysischer Deponie

Foto: Fred Dott/ Greenpeace

An zwei Standorten fanden die Umweltschützer Berge von Hausmüll aus Ländern wie Großbritannien, Australien und Deutschland - Persil-Verpackungen etwa oder Reste einer "Gut & Günstig"-Kirschgrütze von Edeka.

Es dürften allerdings nicht die einzigen Orte sein, wo deutsche Hinterlassenschaften aus dem gelben Sack landen. Pro Jahr fallen laut Umweltbundesamt bei privaten und gewerblichen Verbrauchern gut fünf Millionen Tonnen Plastikmüll an, mehr als 15 Prozent gehen in den Export, zumeist nach Südostasien.

Zwar versucht inzwischen auch Malaysia, den Müll-Tourismus zu begrenzen, mitunter schickte die malaysische Regierung  bereits importierten Müll in die Ursprungsländer zurück. Doch allein aus Deutschland gelangten 2019 laut Außenhandelsstatistik rund 180.000 Tonnen Plastikreste nach Malaysia. Laut Greenpeace-Berechnungen  belegte Deutschland Platz vier der größten Mülllieferanten - hinter den USA, Japan und Großbritannien.

"Für uns ist der Müll weg, aber die Menschen in Malaysia werden ihn nicht wieder los und haben über Jahrzehnte mit den Nachwirkungen zu kämpfen", sagt Santen. Schon länger fordert etwa Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU), derlei Müll-Tourismus zu stoppen. Entwicklungsländer dürften nicht länger "die Müllkippe unseres Wohlstandsmülls sein".

"Mehr Sinn als jede Abwrackprämie"

Doch noch ist es weit lukrativer, die Reste als recycelbar zu deklarieren und mittels eines Rohstoffhändlers auf die Reise zu schicken, als sie hierzulande in die Verbrennung zu geben, wofür etwa 150 Euro pro Tonne anfallen würden.

Die Bundesregierung, fordert Greenpeace, müsse sich an der Beseitigung der in Malaysia und anderen Ländern entstandenen Schäden beteiligen und den Einwegplastikverbrauch drastisch reduzieren.

Henning Wilts, Recycling-Experte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, hat eine andere Idee. Die Krise jetzt sei eine "echte Chance, endlich eine funktionierende Kreislaufwirtschaft auf den Weg zu bringen".

Die Bundesregierung sollte den Bau moderner Sortier- und Recyclinganlagen fördern, um derlei Müllexporte überflüssig zu machen und sich eine Technologieführerschaft zu sichern. Solche Anlagen könnten dann zum Beispiel auch verschmutzte Kunststoffe erkennen und fraktionieren, sodass diese später zu neuem Plastik verarbeitet werden können. Gleichzeitig sollte eine Mindest-Recyklat-Quote für Unternehmen eingeführt werden, die Kunststoffe auf den Markt bringen, sagt Wilts. "Solche Dinge machen mehr Sinn als jede Abwrackprämie."

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