Greenpeace über Krawallaktionen "Wir greifen jetzt die Autobranche an"

Der Kampf für die Umwelt wird krawalliger: Radikale Ökokrieger rammen Boote und lassen sich von Walfängern gefangen nehmen. Greenpeace-Chef Leipold erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum er lieber Öko-Guerilla ist, wieso Manager Ökologen sein können - und wie man sie gegeneinander ausspielt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Leipold, Sie treiben sich hier auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos unter den Reichen und Mächtigen der Welt herum. Sollten Sie nicht auf der anderen Seite der Sicherheitsabsperrung sein und - sagen wir - Wüstensand aufschütten, um auf die Klimakatastrophe hinzuweisen?

Gerd Leipold: Da würde doch jeder nur sagen: Typisch Greenpeace. Ich muss hier eine andere Rolle spielen. Diese Veranstaltung lädt ihre Gäste sehr selektiv ein und ist viel zu sehr auf die Wirtschaft ausgerichtet - will aber gleichzeitig die Leiden der Welt diskutieren. Ich will eine andere Perspektive in die Diskussionen bringen, als Öko-Guerilla wenn Sie so wollen. Aber unsere Aktionen sind weiter extrem wichtig, um auf konkrete Missstände aufmerksam zu machen.

Greenpeace-Chef Leipold: "Ich will ein Gefühl kriegen, wie diese Leute ticken"
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Greenpeace-Chef Leipold: "Ich will ein Gefühl kriegen, wie diese Leute ticken"

SPIEGEL ONLINE: Da stehlen Ihnen andere aber inzwischen die Show. Beispiel: Der Walfangstreit in Japan. Da sah man vor allem Aktivisten der Organisation Sea Shepherd mit radikalen Sprüchen vor Piratenflaggen posieren, zwei enterten ein Walfangschiff und wurden dort gefangen gehalten. Muss Greenpeace wieder krawalliger werden, um ebenfalls Gehör zu finden?

Leipold: Vieles, was Sea Shepherd gemacht hat, lehnen wir ab. Nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil wir es nicht für zielführend halten. Gewalttätigkeit birgt immer den Samen für neue Gewalt. Wir aber wollen Lösungen finden.

SPIEGEL ONLINE: Na, aber die Sea-Shepherd-Aktionen waren doch zielführend. Japan hat zumindest den Buckelwalfang aufgegeben.

Leipold: Aber das war doch nicht der Erfolg von Sea Shepherd. Während Sea Shepherd Krawall gemacht hat, haben wir über unsere Vertreter in Japan mit großem Aufwand Druck erzeugt. Gespräche mit Politikern geführt; japanische Medien informiert, die sich daraufhin auch einmal die Frage gestellt haben, warum für den Walfang eigentlich solche Unsummen ausgegeben werden. Das hat das Außenministerium dazu gebracht, sich zu öffnen. Medienwirksame Bilder allein reichen nicht. Das sind leere Botschaften.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie erzeugen öffentliche Aufmerksamkeit. In Deutschland wird sehr viel mehr über Prominente diskutiert, die Kinder aus Afrika adoptiert haben oder über Bonos Kampf gegen die Armut, als über Greenpeace. Sollten Sie da nicht mal langsam auffahren?

Leipold: Wir fahren ja noch jede Menge Aktionen, vor allem in Asien und Lateinamerika. Vor der Klimaschutzkonferenz in Bali etwa sind wir auf Atomkraftwerke geklettert und vieles mehr. Aber so etwas allein reicht heute nicht mehr. Die Verweildauer der Themen in den Medien ist extrem kurz geworden, und Politiker und Manager haben gelernt, die Themen wortreich auszusitzen. Deshalb muss man komplexere Strategien verfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Die da wären?

Leipold: Firmen gegeneinander ausspielen beispielsweise. Das haben wir etwa im IT-Sektor so gemacht, wo die Konkurrenz extrem hoch ist. Die Firmen beobachten sich genau. Also haben wir ein Punktesystem im Internet gestartet, wo die Firmen für das Recycling ihres Elektroabfalls benotet wurden. Das hat extrem viel gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Wie das denn, wenn die breite Öffentlichkeit das gar nicht mitbekommt? Da sollen die Firmen doch bei ihrem Image gepackt werden.

Leipold: Nein, nicht nur. Wenn wir an eine Firma herantreten und auf ein Problem aufmerksam machen, hat das auch eine interne Resonanz in dem Unternehmen. Oft ist das Thema sogar schon dem ein oder anderen durch den Kopf gegangen oder intern diskutiert worden. Die Logik: Großkonzerne sind böse und Umweltschützer nur bei Greenpeace und Co., stimmt nicht mehr - wenn sie je gestimmt hat. Es gibt viele Leute, die in der Industrie arbeiten und die ich als Ökologen bezeichnen würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja regelrecht zum Genossen der Bosse mutiert.

Leipold: Überhaupt nicht. Aber wir müssen wirtschaftliche Macht nutzen und auf die unsere Seite ziehen. Im Kampf gegen den Sojaanbau im Amazonas, wo für die Felder Regenwald im großen Stil abgeholzt wurde, waren wir da sehr erfolgreich. Unsere Recherchen ergaben, dass ein wenig von diesem Soja auch in Chicken McNuggets steckte. Also haben wir - um es mal ganz schlicht auszudrücken - in Hühnchenkostümen vor McDonald's-Filialen herumgetanzt und McDonald's so auf das Problem aufmerksam gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Und schwupps hat McDonald's eingelenkt? Das klingt ein bisschen zu einfach.

Leipold: Nein, es gab erst Streit, ob unsere Behauptung stimmt. Aber wir konnten das belegen. Und so hat sich der Konzern schließlich auf unsere Seite gestellt und mit uns für ein freiwilliges Moratorium der beteiligten Produzenten gekämpft. Ohne McDonald's wären wir an die großen Getreidekonzerne niemals herangekommen. So kann die Zusammenarbeit mit Konzernen Wunder wirken. Oder aber man tut sich mit den Kunden des Unternehmens zusammen und fordert sie zum mitmachen auf. Wie zum Beispiel bei der "Green my Apple"-Aktion, mit der wir für giftfreie Elektronikprodukte werben. Da können Applekunden Videos erstellen, Plakate entwerfen - immer nach dem Motto: Ich liebe meinen Apple, aber ich wünschte, er wäre grüner. So kann man auch Druck ausüben.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit widmen sie sich vor allem dem Kampf gegen den Klimawandel - das Thema war auf dem Weltwirtschaftsgipfel vergangenes Jahr ganz groß, dieses Jahr geht es ziemlich unter. Frustriert Sie das?

Leipold: Nein. Zum einen hat die Politik Vieles aufgenommen, zum anderen wird enorm in erneuerbare Energien investiert. Und das Gute ist: Kapital hat keinen Charakter. Das heißt: Wenn es einmal investiert ist, wird es verteidigt - und damit auch das Klimathema. Das können wir ja nur begrüßen – auch wenn es nicht aus ökologischen Gründen passiert, sondern aus Gründen der Geschäftserhaltung. Es gibt aber noch viel zu tun für das Klima: Das ist auch mit ein Grund, warum ich hier in Davos bin. Hier habe ich zum Beispiel eine Chance mit vielen Vertretern der Autoindustrie zu sprechen - die Branche, die wir jetzt angreifen werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen zusagen die Manager hier kennenlernen, um ihre Schwachstellen auszuloten?

Leipold: Nicht ausschließlich, aber auch. Ich will ein Gefühl dafür kriegen, wie diese Leute ticken, wie man die einzelnen Unternehmen gegeneinander ausspielen kann. Denn Konkurrenz gibt es unter ihnen auch, so konservativ und einheitlich die Branche auch immer auftritt. Da wollen wir ansetzen. Und das kann man ja offen aussprechen. Es ist wichtig, dass beide Seiten wissen, was sie zu erwarten haben.

Das Interview führte Anne Seith



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