Fischerei: Wie der Mensch die Meere beansprucht
Industriefinanzierung von Wissenschaft Fishermen's Friend?
Ray Hilborn ist ein streitbarer Geist. Der preisgekrönte US-Meeresbiologe und Fischereiwissenschaftler arbeitet seit fast 30 Jahren als Professor an der renommierten University of Washington in Seattle. Der 68-Jährige gilt weltweit als einer der größten Experten seines Fachs - und er provoziert.
Seit Jahren kämpft er gegen "Mythen", wie er auch auf seiner Website schreibt . Gegen den Mythos, dass die Nahrungsketten in den Weltmeeren nach und nach weggefischt werden, gegen den Mythos, dass 90 Prozent aller großen Fische weggefangen seien. Oder gegen den Mythos, dass die meisten Fischgebiete des Planeten überfischt seien.
Besonders mit der Sichtweise, dass die Fischbestände in den USA eher "unterfischt" seien , hat sich Hilborn mit einem mächtigen Gegner angelegt: Greenpeace. Die Umweltschützer seien die schlimmste aller Nichtregierungsorganisationen, weil sie solide Wissenschaft in ihren Kampagnen nicht brauchen könnten , sondern nur Geld, behauptet Hilborn.
3,5 Millionen Dollar aus der Industrie
Jetzt schlägt Greenpeace zurück: Mithilfe des US-Informationsfreiheitsgesetzes hat die Organisation bei der Uni Washington Dokumente angefordert, die viele Zahlungen von Unternehmen, Industrieverbänden, Organisationen und staatlichen Instituten an Hilborn und seine Universität belegen . Die Auswertung zeigt, dass Hilborn für seine Uni mindestens 3,56 Millionen Dollar von 69 Institutionen eingeworben hat, die laut Greenpeace von der Industrie dominiert werden.
Dazu kommen persönliche Beratungshonorare in unbekannter Höhe von Industrieorganisationen wie dem National Fisheries Institute, der New Zealand Seafood Industry Council oder dem Ölkonzern ExxonMobil. Und der größte Kritikpunkt: Er hat diese Verbindungen zu den größten Konzernen der Fischindustrie nur selten erwähnt.
Der Streit berührt eine sensible Frage: Dürfen Wissenschaftler Geld von Unternehmen und Industrieverbänden annehmen? In der Regel lautet die Antwort ja - sie müssen es oft sogar tun. Denn ohne Drittmittel lassen sich große Forschungsvorhaben kaum finanzieren. Universitäten sind auf das Geld häufig angewiesen, gerade in den USA ist die Zusammenarbeit eng und gut.
Aber belegen die Dokumente tatsächlich, dass Hilborn quasi im Auftrag der Fischerei- und Meeresfrüchte-Branche die Gefahren der Überfischung bestreitet und in den relevanten Gremien den Boden für fischereifreundliche Gesetzgebung bereitet?
"Danke für die Gelegenheit, unsere Forschung zu bewerben"
Der für Meere und Fischerei zuständige Kampagnenleiter bei Greenpeace USA, John Hocevar, stellt Hilborn als "Überfischungs-Leugner" auf eine Stufe mit jenen, die den Klimawandel leugnen. "Jeder, der seine Veröffentlichungen liest, sollte zumindest wissen, dass seine Erläuterungen von Unternehmensinteressen gesponsert werden." Die Organisation schickte einen Beschwerdebrief an die Uni Washington.
Hilborn nimmt den Angriff sportlich. "Ich danke Greenpeace für die Gelegenheit, unsere Forschung und Ergebnisse zu bewerben", schreibt er in einer ersten Stellungnahme . Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE verteidigt er sich: Überfischung sei tatsächlich ein Problem, aber nur in bestimmten Weltgegenden, beispielsweise im Mittelmeer. "In vielen anderen Regionen ist aber eher Unterfischung problematisch."
Die von Greenpeace genannte Summe von 3,5 Millionen Dollar dürfte in etwa stimmen, sagt Hilborn, "der größte Teil ist für ein Rotlachs-Projekt in Alaska geflossen - das Projekt läuft seit 1946."
Weltbevölkerung: Wie sieben Milliarden Menschen satt werden
Über die Industriegelder hinaus habe er aber noch mehr als zehn Millionen Dollar von der Gordon and Betty Moore Foundation eingesammelt sowie weitere vier Millionen von der staatlichen National Science Foundation, sagt Hilborn. "Wir bekommen Geld von allen Beteiligten, die Industrie ist nur eine Quelle unter vielen." Der Forscher räumt ein, auch Beratungsjobs für die Industrie angenommen zu haben, "damit habe ich in den vergangenen zehn Jahren vielleicht 100.000 Dollar verdient".
Unter Kollegen genießt der streitbare Gelehrte einen exzellenten Ruf. "Hilborn ist einer der renommiertesten Fischereiforscher unserer Zeit und fachlich extrem gut", sagt etwa Gerd Kraus, Chef des Thünen-Instituts für Seefischerei in Hamburg. "Er hat eine klare Meinung zu Dingen, die ist aber immer fachlich fundiert." Hilborn habe "Bahnbrechendes zum Verständnis der Auswirkungen von Fischerei und Überfischung geleistet", sagt Kraus.
Auf Krawall gebürstet, aber wissenschaftlich sauber
Tatsächlich teilt sich die kleine Welt der Fischereibiologen in zwei Schulen auf: Auf der einen Seite diejenigen, die so wenig Fischfang wie möglich in den Weltmeeren sehen wollen. Sie sammeln sich um Daniel Pauly von der University of British Columbia in Vancouver. Auf der anderen Seite jene, die Fischerei für ein erstrebenswertes Ziel halten - wenn die Bedingungen stimmen. Ihre Galionsfigur ist Hilborn.
Auch Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, findet freundliche Worte für den Kollegen aus Seattle: "Hilborn mag manchmal ein bisschen auf Krawall gebürstet sein, seine glasklar formulierten Argumente sind aber wissenschaftlich sauber." Deswegen habe der Forscher auch bei Kollegen ein gutes Standing, die eigentlich zur anderen Schule gehörten.
Doch klar ist: Holborns Thesen polarisieren. So wetterte er etwa Ende vergangenen Jahres in "Nature" gegen von Umweltschützern geforderte, riesige Meeresschutzgebiete. Hilborns Argument: Die Ozeane seien durch die Versauerung im Zuge des Klimawandels gefährdet, durch Umweltgifte, illegale Fischerei, Plastik und ins Meer gewaschene Sedimente - doch keines dieser Probleme lasse sich durch Schutzgebiete lösen. Nur die legale Fischerei werde behindert.
Wissenschaftsmagazine müssen Regelverstoß prüfen
Angreifbar hat sich Hilborn aber wohl auch gemacht: Bei einer Aussage vor dem US-Kongress verschwieg er laut Greenpeace seine Beratungstätigkeit für die Industrie. Und dann ist da die Sache mit den Veröffentlichungen: Der Fischereiexperte hat Hunderte Artikel in renommierten wissenschaftlichen Magazinen publiziert, in einigen Redaktionen sitzt er sogar im Gutachterbeirat. Nach Greenpeace-Zählung hat Hilborn in 138 Veröffentlichungen Helfern oder Geldgebern gedankt - aber nur in 26 davon solchen aus der Industrie. Und nur insgesamt 21 Institutionen und Unternehmen nenne der Wissenschaftler, obwohl er Geld von mehr als drei Mal so vielen bekommen habe.
Damit könnte Hilborn gegen Regeln verstoßen haben: Wissenschaftliche Fachmagazine fordern ihre Autoren standardmäßig auf, bei einer Veröffentlichung mögliche Interessenkonflikte anzugeben. Im entsprechenden Formular von "Science" ist zum Beispiel finanzielle Unterstützung für die berichtete Forschung ebenso aufzulisten wie Aktienbeteiligungen oder - in diesem Fall bezugnehmend auf die letzten drei Jahre vor Veröffentlichung - bezahlte Consultingjobs oder Beratertätigkeiten bei Unternehmen in dem betreffenden Feld.
Und bei "PNAS" heißt es in der entsprechenden Leitlinie für Autoren , zu Interessenkonflikten zählten auch "Beziehungen mit Unternehmen, deren Produkte oder Dienstleistungen in Beziehung zu den Themen des Artikels stehen".
Hilborn selbst vertritt den Standpunkt, dass er nur veröffentlichen müsse, wer für das jeweilige Forschungsvorhaben Geld gegeben habe. "Sonst müsste ich ja alle Geldgeber, von der Industrie über Umweltschutzorganisationen und staatliche Institutionen in jedem Text nennen", sagte er SPIEGEL ONLINE.
Ob der Professor womöglich doch Regeln gebrochen hat, werden die Magazine klären müssen. Auch für sie steht in solchen Fällen einiges auf dem Spiel - vor allem ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.
Zusammengefasst: Greenpeace und einer der renommiertesten Fischereibiologen der Welt, Ray Hilborn, streiten sich. Die Organisation wirft dem Forscher vor, Geld von der Industrie angenommen zu haben, ohne in Veröffentlichungen angemessen darauf hinzuweisen. Hilborn bestreitet nicht, die Zahlungen erhalten zu haben. Die Industrie sei aber nur eine Quelle unter vielen. Und öffentlich angeben müsse er nur, wer für ein ganz bestimmtes Forschungsvorhaben Geld gegeben habe, argumentiert er.