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Goldman Sachs: Ein Insider rechnet ab

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Skandalbuch eines Bankers Wie man bei Goldman Sachs Karriere macht

Halb Amerika hat auf das Enthüllungsbuch des ehemaligen Goldman-Sachs-Managers Greg Smith gewartet. Jetzt ist es da: Ein verkappter Karriereratgeber für skrupellose Investmentbanker. Nur einer kommt darin stets gut weg - der Autor.
Von Astrid Langer

Es sollte Einblicke in das wahre Leben an der Wall Street bieten, das verwerfliche Handeln der Investmentbanker enthüllen, die Raffgier an den Finanzmärkten aufzeigen. Die Erwartungen an Greg Smiths Buch "Why I left Goldman Sachs", das am Montag in den USA erschienen ist, waren so hoch wie die Gehälter der Top-Wall-Street-Banker.

Schließlich hatte sein Artikel in der "New York Times" im März für weltweites Aufsehen gesorgt und eine Debatte über die Moral der Investmentbanker entfacht. Smith hatte darin beispielsweise beschrieben, wie seine Kollegen oft abfällig über Kunden als "Muppets", also als "Deppen", gesprochen hätten.

Smith hat die Hoffnung auf neue Enthüllungen nicht erfüllt. Stattdessen liefert das Werk einen detaillierten Rückblick auf seine zwölf Jahre bei der größten Investmentbank der Welt, angereichert mit zahlreichen Anekdoten. Die sind zwar unterhaltsam und mögen manchen Leser auch verblüffen; beispielsweise wenn Smith beschreibt, wie er von Goldman-Kollegen zu einem exzessiven Junggesellen- Abschied nach Las Vegas eingeladen wurde. Doch die Details über die Gepflogenheiten bei Goldman sind keineswegs so schockierend, wie man es nach dem ersten Zeitungsartikel erwartet hätte.

40 Seiten über das erste Praktikum

Größtenteils sind Smiths Schilderungen einfach unspektakulär. Das erste der insgesamt zwölf Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit Smiths ersten Gehversuchen bei Goldman. Dass ein 21-jähriger Praktikant bei einer Investmentbank morgens um 5 oder 6 Uhr anfangen muss und nicht mal einen Stuhl im Handelssaal sicher hat, mag hart sein. Doch es müsste keinesfalls so ausführlich beschrieben werden, wie Smith es auf fast 40 Seiten tut.

In den folgenden Kapiteln schildert Smith ebenso detailliert seinen Aufstieg bei Goldman; wie er sich binnen weniger Jahre vom Berufseinsteiger zum Händler hocharbeitete und schließlich mit 27 Jahren Vice President für den europäischen Derivatemarkt wurde. Dabei zeichnet er von sich selbst das Bild eines gewissenhaften Händlers, dessen größter Fehler darin bestanden habe, einmal versehentlich Aktien verkauft statt gekauft zu haben - was die Bank fast schon lächerliche 80 US-Dollars gekostet habe.

In seinen ersten Jahren seien Moral und Anstand die obersten Gebote bei Goldman Sachs gewesen, schreibt Smith. Neben seinem Schreibtisch habe er stets die 14 Prinzipien aufbewahrt, die ein ehemaliger Goldman-Boss in den 70er Jahren formuliert haben soll: "Die Interessen unserer Kunden kommen immer zuerst" beispielsweise oder "Integrität und Ehrlichkeit sind das Herz unseres Geschäfts". Im Laufe der Jahre seien diese Moralvorstellungen aber gekippt, insbesondere ab dem Boomjahr 2006. Smith zeichnet das Bild eines Unternehmens, dessen Führungspersönlichkeiten zunehmend die alten Werte über Bord geworfen haben. Besonders der derzeitige Vorstandschef Lloyd Blankfein kommt dabei nicht gut weg.

Er habe 2005 den Wandel der Bank vom reinen Kundengeschäft hin zum Eigenhandel angestoßen - bei dem die Bank auf eigene Rechnung spekuliert und nicht mehr nur im Auftrag der Kunden agiert. "Kunden wurden immer mehr als Gegenpartei angesehen statt als Schützlinge", schreibt Smith. Als er 2011 in die Londoner Niederlassung wechselte, habe er "eine Handelskultur vorgefunden, in der Angestellte zuallererst daran interessiert waren, Geld für die Bank zu verdienen". Die Produkte seinen so kompliziert gewesen, dass die Kunden überhaupt nicht mehr verstanden hätten, wie viel Gebühren sie dabei an Goldman zahlten.

Smith selbst sei einer der wenigen gewesen, die an den alten Wertvorstellungen festgehalten habe - das schreibt er zwar nicht wortwörtlich, doch deutlich zwischen den Zeilen. Er zeichnet von sich selbst das Bild eines Mitarbeiters, der es in einem zunehmend unmoralischen Arbeitsumfeld immer schwerer hatte und schließlich als einziger den Mut fand, öffentlich die Missstände anzuprangern. Dass er von den Geschäften der Bank jedes Jahr mit 500.000 Dollar Gehalt profitierte, darüber verliert Smith kaum ein Wort.

Guter Ratgeber für neue Investment-Banker

Ironischerweise dürfte sich das Buch als sehr hilfreich für künftige Goldman-Angestellte erweisen. Einblicke ins Innenleben einer Investmentbank sind selten, besonders in einer solch epischen Breite. Wer sich dafür interessiert, welcher Dresscode und welche Verhaltensweisen sich für den Aufstieg bei Goldman Sachs bewährt haben, lernt bei Smith alles darüber. Auch Finanzlaien dürften nach der Lektüre besser über die Welt der Märkte informiert sein, da Smith nicht in Fachkauderwelsch verfällt und Begriffe wie "Optionen" und "Derivate" ausführlich erklärt. Auch das Glossar am Ende des Buches ist für Finanzmarkt-Neulinge sicherlich hilfreich.

Das Buch endet mit dem Gewissenskonflikt, den Smith angeblich fünf Monate lang mit sich selbst austrug: Sollte er den Grund seiner Kündigung tatsächlich in der "New York Times" publizieren oder nicht? In den Tagen nach der Veröffentlichung habe er Zuschriften aus der ganzen Welt bekommen, Menschen hätten ihn auf der Straße angesprochen und ihm gedankt.

Über eines verliert Smith in seinem Buch kein Wort: wie es für ihn nun beruflich weitergehen soll. Für den 33-Jährigen war Goldman der erste und bisher einzige Job. Ein Angebot einer Investmentbank wird er nach der Buchveröffentlichung wohl nicht mehr bekommen.

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