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AUFSICHTSRÄTE Grenze erreicht

In den Aufsichtsräten westdeutscher Firmen hat ein heftiges Stühlerücken eingesetzt: Das neue Mitbestimmungsgesetz drängt viele Kapitalvertreter von den gutdotierten Posten.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Die Arbeitnehmervertreter, vornweg IG-Chemie-Chef Karl Hauenschild, warteten schon im Foyer, als der Vorsitzende des Veba-Aufsichtsrats Günter Vogelsang drinnen im Saal vier Kapital-Vertreter mit wohlgesetzten Dankesworten aus ihren Ämtern verabschiedete.

Was Vogelsang vorletzte Woche in der Veba-Hauptversammlung zelebrierte, wird sich bei zahlreichen Konzernen wiederholen: Als Folge des neuen Mitbestimmungsgesetzes müssen mehrere hundert von den Anteilseignern entsandte Ratsherren ihre Kontrollposten zugunsten von Arbeitnehmervertretern räumen.

Nur wenige unter den altgedienten Räten räumen ihren angestammten Posten freiwillig. Felix Viehoff etwa, Chef der Deutschen Genossenschaftsbank, gab seinen Veba-Aufsichtsratssessel erst nach zähem Widerstand auf.

Viele Konzerne mit mehr als 20000 Beschäftigten, darunter die führenden Milliarden-Firmen, müssen ihren bislang aus 14 Aktionärsvertretern und sieben Arbeitnehmer-Abgesandten bestehenden Rat umbauen. Die Anteilseigner verlieren vier Mandate, Arbeitnehmer und leitende Angestellte gewinnen drei dazu.

Um die von den Gewerkschaften beanspruchten Aktionärssitze war bereits in diesem Frühjahr im Volkswagen-Konzern ein zäher Streit ausgebrochen. Von den drei auf der Eignerseite sitzenden Bankiers überlebte ausgerechnet Friedrich Wilhelm Christians. dessen Deutsche Bank beim Konkurrenten Daimler-Benz Großaktionär ist. Adolf Kracht (Norddeutsche Landesbank) und Ludwig Poullain (Westdeutsche Landesbank) dagegen wurden aus Wolfsburg verabschiedet.

Poullain selber wird bei einem anderen Volksaktienkonzern als Rausschmeißer aktiv. Als Aufsichtsratschef der Preussag, die ihren Kontrollrat überdies von 21 auf 16 Mandate reduziert, muß der Landesbankier gleich sechs Aufpasser kippen. Poullain: »Ich habe kürzlich im Flugzeug an alle Namen mal Kringel und Kreuzchen gemacht.«

Weitsichtige Aufsichtsratschefs ließen vorsorglich einige pensionsreife Senioren auf Abruf im Amt, um die bis zum nächsten Jahr fällige Neubesetzung ihres Aufsichtsrates ohne Streit abwickeln zu können. Bei der Preussag zum Beispiel stehen der CDU-Altparlamentarier Günter Serres, 67, Ex-Vorstand Willy Körfgen, 68, auf Abruf bereit. Bei der Deutschen Bank müssen der ehemalige Veba-Boß Heinz Peter Kemper, 73, und Altvorstand Heinz Osterwind, 72, mit ihrem Abschied rechnen.

Krupp-Aufsichtsratschef Bertholt Beitz dagegen verpaßte die günstige Gelegenheit. Obgleich er seinen Rat im nächsten Jahr umbilden muß, ersetzte er im Frühjahr den ehemaligen Hoesch-General Willy Ochel, 74, durch Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, 51.

Selbst die Chance, den Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach, den Beitz aus Dankbarkeit für die Unterstützung in der Krupp-Krise vor zehn Jahren auf der Eigentümerseite hatte Platz nehmen lassen, auf die Arbeitnehmerbank zu versetzen, schlug der Krupp-Präsident aus. Selbstverständlich, so ließ Beitz den Bankier wissen, könne Hesselbach sein Kapital-Mandat behalten.

Rüstige und prominente Räte, die sich guter Beziehungen erfreuen. können allerdings auf Tantiemen anderer Konzerne hoffen. Manche Unternehmen nämlich müssen die Zahl ihrer Aufsichtsratsmandate so deutlich anheben, daß trotz der stärkeren Arbeitnehmerfraktion zusätzliche Anteilseigner-Abgesandte gefragt sind.

Kamen etwa US-Multi-Töchter wie Ford und Opel bislang mit Räten von sechs Leuten aus, so müssen sie sich künftig laut Gesetz ein Gremium von 20 Aufsehern leisten.

Die Deutschland-Tochter des Computer-Riesen IBM mit rund 24 000 Beschäftigten hielt einen -- für eine Gmbl{ zulässigen -- Dreier-Rat für angebracht. Der Industrie-Milliardär Friedrich Karl Flick kam sogar ohne Aufsichtsrat aus. Er ließ seine Holding als GmbH firmieren und konnte, weil er sich nicht einmal 200 Beschäftigte leistete, auf jedweden Aufsichtsrat verzichten.

Nach dem neuen Gesetz jedoch muß sowohl die Tochter des Weltkonzerns als auch der Sohn des industriepatriarchen Friedrich Flick einen 20 Mann starken Rat berufen.

Die Creme der Aufsichtsratsstars freilich ist auf Neuengagements ohnehin nicht scharf. Vor allem Banker und Großindustrielle haben die ihnen gesetzlich gestattete Zahl von zehn Aufsichtsratsmandaten seit langem erreicht.

Bei der Deutschen Bank etwa sind bereits mehr als die Hälfte der zwölf Vorstände ausgebucht. Deutsch-Bankier Alfred Herrhausen: »Bei den vielen Anfragen werden die restlichen sicher auch bald voll sein.«

An ihr Limit stoßen inzwischen sogar schon einige gewiefte Wirtschaftsanwälte und Ex-Manager, die als hauptberufliche Aufsichtsräte von den zum Teil ansehnlichen Tantiemen bestens leben können. Nachdem Multi-Rat Vogelsang längst bei zehn Posten angelangt ist, sieht sieh auch der Düsseldorfer Anwalt Max Kreifels kurz vor dem Ziel: »Ich habe noch zwei Mandate frei und schon vier Anfragen.«

Top-Manager wie der BASF-Chef Matthias Seefelder halten das Limit von zehn Mandaten ohnehin für reichlich hochgeschraubt. Weil die stärkere Mitsprache der Arbeitnehmer die Abgesandten des Kapitals härter fordern wird, vermutet er, »daß durch die erweiterte Mitbestimmung mit fünf Mandaten die Kapazitätsgrenze erreicht ist«.

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