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Alexander Neubacher

»Grenzen des Wachstums« Das Schauermärchen von der geklauten Zukunft

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Vor 50 Jahren erschien »Die Grenzen des Wachstums«. Kaum etwas stimmte, trotzdem wird die Studie rauf und runter zitiert, von Maja Göpel bis Eckart von Hirschhausen. Darauf einen Magenbitter.
aus DER SPIEGEL 9/2022
Deutsche Ausgabe von »Die Grenzen des Wachstums« von 1992

Deutsche Ausgabe von »Die Grenzen des Wachstums« von 1992

Foto: Sebastian Kahnert / picture alliance / dpa

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Sollte am Mittwoch die Welt noch stehen, gibt es für die Pessimisten unter uns immerhin ein Jubiläum zu feiern: »Die Grenzen des Wachstums«, die berühmte Schreckensvision des Club of Rome, die Johannes-Offenbarung für die deutsche Umweltbewegung, Zigmillionen Gesamtauflage, wird 50. Darauf einen Magenbitter.

Wohl nur wenige hätten bei der Vorstellung am 2. März 1972 in Washington damit gerechnet, ein solches Jubiläum zu erreichen. Am wenigsten die Autorinnen und Autoren selbst. Mithilfe eines Supercomputers hatten sie ausgerechnet, dass die zivilisierte Welt vor dem Exitus steht: Überbevölkerung, Unterernährung, alle Rohstoffe aufgezehrt.

Im Basisszenario sagte der Computer voraus, dass bereits im Jahr 1979 alle bekannten Goldvorkommen erschöpft sein würden, dicht gefolgt von Silber (1983), Zinn (1985), Zink (1988), Erdöl (1990) und Erdgas (1992). Im optimistischen Szenario, einer Verfünffachung der damals bekannten Reserven, gab es ein paar Jahre Aufschub: Um 2019/2020 herum werde der Planet weitgehend ausgeplündert sein, so die Vorhersage.

Der Supercomputer wurde akkurat mit Daten gefüttert. Dass es auch Erfindergeist, Kreativität und Fortschritt gibt, wurde hingegen vergessen.

Nun hat sich der Supercomputer, wie wir inzwischen wissen, in fast allen Punkten geirrt. Zwar hat sich die Weltbevölkerung seit Anfang der Siebzigerjahre etwa verdoppelt. Doch der Untergang ist ausgeblieben. Es gibt nicht weniger zu essen, sondern mehr. Die Lebenserwartung ist nicht gesunken, sondern gestiegen. Die Weltwirtschaft ist nicht kollabiert, sondern gewachsen. Und auch viele bekannte Rohstoffreserven sind auf wundersame Weise nicht kleiner geworden, sondern größer.

Der Fehler des Computers und seiner Programmierer lag vor allem darin, die menschliche Kreativität zu unterschätzen. Man hatte den Rechner akkurat mit Daten befüllt, aber den technischen Fortschritt, ausgelöst durch Erfindergeist, leider vergessen. So kam es zum Märchen von der geraubten Zukunft.

Hat das Prognosedebakel den Beteiligten geschadet? Erstaunlicherweise nicht. Der Club of Rome wird bis heute rauf und runter zitiert, von Maja Göpel bis Eckart von Hirschhausen. Selbst der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung ist neuerdings mit Wachstumskritik gewürzt, seit Robert Habeck das Sagen hat.

Ich glaube, hinter der These von den Grenzen des Wachstums steckt eine menschenfeindliche Ideologie. Dennis Meadows, einer der Hauptautoren, gab sich irgendwann als Zweifler an der Volksherrschaft zu erkennen; demokratische Systeme seien offensichtlich unfähig, die Menschen zur Opferbereitschaft für die Umwelt zu mobilisieren. Sein Co-Autor Jørgen Randers legte 2016 einen aktualisierten Bericht des Club of Rome vor mit der Forderung, Frauen in Industrieländern eine Prämie von 80.000 US-Dollar zu zahlen, wenn sie bis 50 höchstens ein Kind bekommen haben.

Im besten Fall lässt sich sagen, dass »Die Grenzen des Wachstums« vor 50 Jahren geholfen haben, den Blick für Umweltprobleme zu schärfen. Im schlechtesten Fall trug es dazu bei, den Glauben an den Fortschritt zu zerstören. So oder so ist das Buch ein Fall fürs Altpapier.

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