Lkw-Chaos an der deutsch-tschechischen Grenze »Es könnte passieren, dass Supermärkte gewisse Produkte nicht mehr anbieten«

Die verschärften Grenzkontrollen zu Tschechien und Tirol sorgen für lange Staus, dichtes Gedränge und frierende Lkw-Fahrer. Ihr Weltverband attackiert die Bundesregierung – und warnt vor leeren Regalen.
Ein Interview von Claus Hecking
Lkw-Kontrolle auf einem Parkplatz in Waidhaus nahe der deutsch-tschechischen Grenze

Lkw-Kontrolle auf einem Parkplatz in Waidhaus nahe der deutsch-tschechischen Grenze

Foto: Armin Weigel / dpa

Die Fernfahrer stehen im nächtlichen Schneetreiben: hinter Flatterband, dicht gedrängt neben- und hintereinander. Manche tragen Atemmasken, andere nicht. Um die hundert Meter lang dürfte die Menschenschlange auf der tschechischen Autobahnraststätte Rozvadov schon sein.

»Wir stehen hier draußen wie die Hunde: bei zehn Grad minus«, sagt der Mann, der das Video dreht, auf Spanisch. »Ich warte seit anderthalb Stunden in der Menge. Mir fehlen noch etwa vier, fünf Stunden.«

Es ist die Nacht von Montag auf Dienstag, vor einem hastig errichteten Testzentrum warten die Trucker in Rozvadov auf ihren Corona-Test. Damit sie endlich hineindürfen nach Deutschland. Sofern sie nicht stecken bleiben im Stau vor der Grenze.

In den vergangenen Pandemie-Monaten hatten die Trucks freie Fahrt innerhalb des vereinten Europa. Sie konnten die Grenzen in der Regel problemlos passieren. Nachdem einige Staaten sich in der ersten Welle kurzzeitig abgeschottet hatten, hatte sich die EU für den reibungslosen Güterverkehr eingesetzt, um die Versorgung zu sichern und zu verhindern, dass Lieferketten reißen.

Nun aber hat die Bundesregierung ihre Grenzkontrollen für die Einreise aus Tschechien und Tirol drastisch verschärft im Kampf gegen das Virus und die neuesten Mutanten. Seit Sonntag müssen alle Fernfahrer einen negativen Corona-Test sowie eine Einreiseanmeldung vorweisen – und sich dann, theoretisch, in Deutschland in Quarantäne begeben.

Die Anordnung vom Freitag hat viele Lkw-Fahrer kalt erwischt. Sie waren längst unterwegs – und müssen nun kurzfristig einen Test auftreiben.

Es herrscht Chaos: nicht nur an den Grenzen zu Deutschland, sondern weit davor. Denn nun beschränken auch Österreich und Tschechien den Transitverkehr, um die Rückstaus nicht ausufern zu lassen. Zum Teil verlangen sie ihrerseits aktuelle Corona-Tests. Und so zeigen auch Fotos aus dem italienischen Sterzing an der Brenner-Autobahn Hunderte Trucker dicht gedrängt vor einem Testzentrum.

»Unsere Branche unterstützt Maßnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen«, sagt Matthias Maedge. »Aber wenn sich jetzt Hunderte Fahrer Schulter an Schulter anstellen vor Testzentren an den Grenzen müssen, dann ist das gefährlich.« Maedge ist der Politische Direktor der International Road Transport Union, dem Weltverband der Straßenverkehrsunternehmen. Die Anordnung der Bundesregierung hält er für kontraproduktiv und unbedacht.

SPIEGEL: Herr Maedge, Deutschland hat die Einreisebedingungen für Lkw drastisch verschärft. Wie kommt das bei Ihnen an?

Matthias Maedge: Wir sind tief enttäuscht und sauer. Am Freitag hat uns EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen noch schriftlich geantwortet, dass sie die Grenzen für den Güterverkehr offen lassen will. Aber dann hat eine einseitige und unbedachte, dämliche Entscheidung der deutschen Seite zum Chaos geführt. Die deutsche Regierung hat diese Aktion nicht vorbereitet; von ihr kommt keinerlei Hilfe. Wir bekommen minütlich Meldungen von Fahrern, die in kilometerlangen Staus oder stundenlangen Warteschlangen vor Corona-Testzentren stehen. Diese Menschen werden hängen gelassen.

SPIEGEL: Aber auch Lkw-Fahrer können das Virus übertragen.

Maedge: Die Industrie hat umfassende Hygienekonzepte umgesetzt, die jeglichen menschlichen Kontakt minimieren. Die Fahrer sind doch isoliert in ihren Fahrzeugen unterwegs; und mit dem Auf- oder Abladen haben sie selbst oft nichts zu tun. Wenn einer kein Risikoherd ist, dann ist es der Lkw-Fahrer. Unsere Branche unterstützt Maßnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Aber wenn sich jetzt Hunderte Fahrer Schulter an Schulter vor Testzentren an den Grenzen anstellen müssen, dann ist das gefährlich. Und dazu eine unwürdige Behandlung dieser Menschen. Es herrschen Minusgrade, und wir lassen die Fahrer stundenlang in der Kälte ausharren. Vergessen Sie nicht: Es sind die Lkw, die unsere Versorgung mit Lebensmitteln oder anderen essenziellen Gütern sicherstellen.

SPIEGEL: Der Automobilverband VDA warnt schon vor Fabrikschließungen wegen ausbleibender Lieferungen.

»Eine einseitige und unbedachte, dämliche Entscheidung der deutschen Seite hat zu Chaos geführt.«

Matthias Maedge

Maedge: Zu Recht. Große Teile unseres Wirtschaftssystems sind hochgradig abhängig vom rollenden Güterverkehr. Und gerade werden einige der wichtigsten Strecken in Europa getroffen: die Nord-Süd-Achse über den Brenner mit bis zu 10.000 Lkw und die Ost-West-Achse über Tschechien mit 25.000 Lkw pro Tag. Dies kann Lieferketten zerstören und ganze Betriebe lahmlegen – nicht nur im Automobilsektor. Es könnte auch passieren, dass Supermärkte gewisse Produkte nicht mehr anbieten.

SPIEGEL: Das klingt ein bisschen nach Angstmache. Bislang ist von leeren Supermarktregalen jedenfalls wenig zu sehen.

Maedge: Es kann durchaus sein, dass es noch einige Tage lang gut geht. Es könnte aber auch passieren, dass wieder Panikkäufe losgehen und sich die Supermarktregale schnell leeren. Niemand kann in dieser Lage vorhersagen, was passiert. Alles kommt darauf an, wie sich das Geschehen an den Grenzen entwickelt – und ob unsere Fahrer Hilfe kriegen.

SPIEGEL: Von wem erhoffen Sie sich denn Hilfe?

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Maedge: Vor allem von Brüssel. Vor wenigen Monaten haben die EU-Staaten einschließlich Deutschland vereinbart, dem Güterverkehr in der Pandemie Vorrang zu gewähren, um die Versorgung zu sichern. Wie kann es sein, dass jetzt einzelne Mitglieder im Alleingang ausscheren? Dass Fahrer ihren Job machen und ungehindert die Grenze passieren können, ist die sicherste Lösung für alle. Jetzt kann die EU zeigen, wozu sie gut ist.