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FIRMENJÄGER Griff zum Messer

Sir James Goldsmith meldet sich aus New York zurück. Mit einem Milliarden-Gebot will der umstrittene Industrielle den britischen Multi BAT übernehmen.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Wenn Sir James Goldsmith über die Großen der internationelen Wirtschaft redet, dann klingt das meist wenig freundlich. »Die Multis werden zu fett«, belehrt der Milliardär gern seine Zuhörer, »die können sich ja kaum noch bewegen.«

Sir James, 56, hat sich vorgenommen, auf seine Weise für Bewegung zu sorgen. Gemeinsam mit zwei reichen Freunden plant er, den britischen Großkonzern BAT Industries aufzukaufen - und dann zu zerschlagen.

Die BAT gehört zu jenen Unternehmen, die Goldsmith partout nicht leiden kann. Der Brite verabscheut, jedenfalls sagt er das, alle Konzerne, die abseits ihres Stammgeschäfts Firmen aufkaufen. Und die frühere British American Tobacco, heute größter Zigarettenproduzent der Welt, drängt seit einigen Jahren massiv in andere Branchen: in Versicherungen, Handelsketten, Finanzierungsgesellschaften.

Inzwischen beschäftigt der strebsame Multi in rund 90 Ländern mehr als 300 000 Mitarbeiter; mit seinen zahlreichen Aktivitäten setzt er jährlich rund 55 Milliarden Mark um. In Deutschland gehört neben der Zigarettensparte (Hauptmarke: HB) auch der Kaufhauskonzern Horten dazu.

13,7 Milliarden Pfund (rund 40 Milliarden Mark) bot Goldsmith vergangene Woche in aller Öffentlichkeit für den Multi. Einen Übernahmeversuch dieser Größenordnung, im Fachjargon »unfriendly takeover« genannt, gab es bisher noch nie in Europa. Die gewaltige Summe entspricht fast den gesamten Devisenreserven Frankreichs.

Die Ankündigung versetzte Londons Finanzwelt in helle Aufregung. Binnen Stunden schnellte der Kurs der BAT-Aktie von gut sieben auf über neun Pfund hoch. BAT-Chef Patrick Sheehy lehnte brüsk jedes Gespräch mit Goldsmith ab. Eilig berief er Krisensitzungen ein, um Abwehrstrategien gegen die unfreundliche Attacke zu entwickeln.

Sheehy wird sich einiges einfallen lassen müssen. Sein Gegner zählt zu den weltweit erfolgreichsten, aber auch schillerndsten Unternehmern. Es gibt kaum eine Branche, in der Sir James keine Spuren hinterließ. Er gilt als Spieler durch und durch. Poker und Backgammon gehören ebenso zu seinen Leidenschaften wie der Kauf und Verkauf von Firmen im großen Stil.

Sein Imperium umfaßte und umfaßt Banken und Versicherungen, Verlage und Supermarktketten. Sein Firmen-Konglomerat geriet so komplex, daß die »Financial Times« in den siebziger Jahren jedem Absolution erteilte, »der die Struktur des Imperiums von Jimmy Goldsmith nicht versteht«.

Trotz aller Erfolge gilt Goldsmith, Nachkomme einer deutsch-jüdischen Bankiersfamilie, im traditionsbewußten England als Außenseiter, als Mann, dem es an der nötigen Respektabilität gebricht. Das liegt nicht am Elternhaus. Jimmy wuchs als Erbe eines vermögenden Londoner Hoteliers auf. Doch den Eton-Abgänger zog es zunächst mehr in die Spielkasinos als in Geschäftskontore. Papas Geld brauchte er nicht unbedingt, seinen Lebensunterhalt gewann Jimmy nicht zuletzt beim Glücksspiel.

Erste Schlagzeilen machte Goldsmith Anfang der Fünfziger, als er, kaum 20 Jahre alt, mit Isabel Patino, der 18jährigen Tochter des bolivianischen Zinn-Magnaten Antenor Patino, durchbrannte. Es war, sozusagen, seine erste unfreundliche Übernahme.

Goldsmith-Biograph Geoffry Wansell beschrieb in dem 1987 erschienenen Buch »Tycoon« das erste Zusammentreffen von Brautvater und Brautwerber in etwa so: »Junger Mann, wir stammen aus einer alten katholischen Familie«, gab Vater Patino hochmütig Bescheid. Jimmy: »Sehr gut, wir stammen nämlich aus einer alten jüdischen Familie.« Patino: »Es ist bei uns nicht üblich, Juden zu heiraten.« Jimmy: »Und bei uns ist es nicht üblich, Indianer zu heiraten.«

Goldsmith ehelichte die Zinn-Erbin, die ein Jahr später im Kindbett starb. Danach nahm der Witwer sein kurzfristig unterbrochenes Playboy- und Gambler-Leben wieder auf.

Erst Mitte der sechziger Jahre startete Goldsmith in England eine Geschäftskarriere. Mit gewagten Fusionsmanövern verwandelte »der Mann mit dem goldenen Touch« ("Guardian") innerhalb weniger Jahre ein Sammelsurium fast bankrotter Keksfabriken in einen ordentlichen Mischkonzern.

Später war der sozialistische Briten-Premier Harold Wilson vom Erfolg des Multi-Unternehmers derart angetan, daß er ihn, 1976 war das, in den Adelsstand erheben ließ. Aus Jimmy Goldsmith wurde Sir James.

Längst nicht jeder teilt die Bewunderung. Robert E. Mercer, bis vor kurzem Chef des weltgrößten Reifenherstellers Goodyear, nannte den Firmenjäger schlichtweg einen »Wirtschafts-Terroristen«. Sir James hatte 1986 versucht, die amerikanische Firma durch Aufkauf von Aktien zu übernehmen. Die Attacke wurde zwar abgeschlagen, doch Goldsmith forderte und bekam eine Art Abfindung von 90 Millionen Dollar.

Nicht alles gelang Goldsmith. So hatte er sich vergeblich bemüht, als Presse-Zar Karriere zu machen. Der Kauf von Zeitungen wie dem Londoner »Observer« scheiterte, und sein 1979 gegründetes rechtes Nachrichtenmagazin »Now« geriet zum teuren Flop. In Frankreich hatte der Erzkonservative das Nachrichtenmagazin »L'Express« gekauft. 1987 trennte er sich von dem Blatt.

Seit Anfang der achtziger Jahre betrieb Sir James seine Geschäfte vorwiegend an der New Yorker Wall Street. In Europa war es ihm zu langweilig geworden. Seinen stattlichen Landsitz nahe London und ein Stadtpalais in Paris allerdings behielt er ebenso wie etliche Firmenbeteiligungen.

Anfang dieses Jahres verließ der zum drittenmal verheiratete lebensfreudige Industrielle ("Wer seine Freundin heiratet, schafft automatisch eine Vakanz") seinen New Yorker Geschäftssitz und kehrte nach England zurück. Das Firmenjagen war ihm in den USA zu teuer geworden.

Mit seiner Attacke auf BAT Industries eröffnete er jetzt in Europa eine neue Runde im Übernahme-Spiel, das mit immer höheren Einsätzen betrieben wird. Für die umstrittene Transaktion gründete Sir James - zusammen mit dem britischen Finanzier Jacob Rothschild und Kerry Packer, der als reichster Australier gilt - die Übernahmegesellschaft Hoylake. Sitz der Firma: das Steuerparadies Bermudas.

In aller Freundschaft will Goldsmith auf gar keinen Fall mit BAT-Chef Sheehy verhandeln. »Friedliche Verhandlungen«, sagt Goldsmith, »dienen nur der imperialen Macht, aber nicht der Effizienz und Gewinnverbesserung eines multinationalen Unternehmens.«

Was diese Philosophie für BAT Industries bedeuten könnte, hat der »König der Firmenjäger« ("Observer") bereits fest im Blick. Im Falle eines Goldsmith-Sieges wollen Sir James und seine Freunde nur die Tabaksparte behalten, alle anderen Firmen würden verkauft.

Für die Abteilung Versicherungen, zu denen der US-Konzern Eagle Star und die britische Farmers-Gruppe gehören, gibt es bereits Interessenten. Vor allem die deutsche Allianz könnte mit Goldsmith ins Geschäft kommen. Die Allianz, Europas größter Versicherer, hatte 1985 den Kampf um Eagle Star gegen BAT-Chef Sheehy verloren.

Doch bis zu einer möglichen Revanche dauert es noch einige Zeit. In London wird eine monatelange Schlacht um den britischen Multi erwartet. Zimperlich, soviel ist schon jetzt sicher, geht es dabei nicht zu. »Wenn ich kämpfe«, sagt der trickreiche Sir James, »dann greife ich auch zum Messer.«

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