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MARGARINE Gröblich vergewaltigt

aus DER SPIEGEL 8/1950

Diese Denkschrift ist eine bewußte Fälschung des Gelehrten«, schmetterte Gaston Wagon, Geschäftsführer vom industriellen Margarine-Verband, seine Faust auf den eichenen Schreibtisch. Der zitierte Gelehrte ist Professor Dr. H. Rittershausen. Seine Denkschrift behauptete: Die westdeutsche Margarine-Industrie macht Uebergewinne von einer D-Mark pro Kilo.

Rittershausen war einmal Chef der Abteilung Preise bei der Verwaltung für Wirtschaft in Frankfurt. Jetzt hatte er sich um den Posten des Generalsekretärs beim Enquete-Ausschuß für Dekartellisierungsfragen beworben. »Um seine Monopolfeindlichkeit zu beweisen, fertigte er sich die erforderliche Empfehlung selber aus«, giften seine Margarine-Gegner.

»500 Gramm kosten 1,22 DM«, rechnete Professor Rittershausen der Oeffentlichkeit vor. »Den Rohstoffen und Löhnen angemessen, wäre ein Preis von 60 Pfennig. Der Uebergewinn von 1 DM je Kilo bedeutet 200 bis 250 Millionen DM künstliche Abzapfung jährlich aus den Haushaltungen.«

»Wenn große Verbrauchergruppen durch Margarine-Monopolisten gröblich vergewaltigt werden, darf die Wissenschaft nicht länger schweigen. Welche Partei, Organisation oder Vereinigung rettet den in Unkenntnis gehaltenen Konsumenten vor schlimmer Ausplünderung?« schwang sich der preisprüfende Professor zum Retter der Konsumenten auf.

Aber seine Behörde nahm ihm die Zerstreutheit übel. Er hatte nicht daran gedacht, daß die VfW selbst durch Verfügung vom 19 Mai 1948 die »ausbeuterischen Monopolpreise« für Margarine gebilligt und als Höchstpreis erklärt hatte Rittershausen zog sich ritterlich zurück.

Uebrig blieben bis unter die Decke mit Margarine gefüllte Lagerräume der Großhändler und einige hundert Margarine-Kurzarbeiter. Der Absatz stockte. Die Verbraucher warteten auf Margarine für 60 Pfennig. Die Importe verschlimmerten die Situation noch. Außer Margarine kommen vierteljährlich auch noch 55000 Tonnen Schmalz herein.

In einzelnen Fällen konnten der Margarine-Industrie tatsächlich Preisverstöße nachgewiesen werden. Große Mengen Margarine wurden von Schwarzhändlern aufgekauft, zu höheren Preisen abgegeben oder illegal in die Sowjetzone geliefert. In den ehrlich arbeitenden Betrieben mußten erste Arbeiter entlassen werden.

Unterdessen machte Gaston Wagon Ueberstunden. An Interessierte und Uninteressierte verschickte der Margarineverband seinen Dementi-Artikel »Ein schlecht unterrichteter Professor«. Zu spät.

Die Rittershausen-Ideen trugen für die Fabrikanten böse Früchte. Gewerkschaften, Zentrums- und Bayernpartei beantragten, die Margarinepreise vor die Regierung zu bringen und um 20 Prozent zu kürzen.

Im Interesse der bayrischen Butter stimmte die Bayernpartei vor Monaten leidenschaftlich für Erhöhung des Butterpreises um 20 Prozent. Um das teure Fett auch den Verbrauchern schmackhaft zu machen, möchten sie dafür den Margarinepreis um 20 Prozent drücken.

»Die Leute haben keine Ahnung von Margarine, greifen sich ihre Forderungen aus der Luft und erreichen damit Unruhe in der Bevölkerung und Kurzarbeit in der Industrie«, schimpft Gaston Wagon auf alle, die den Friedenspreis von 60 Pfennig nicht vergessen können. »Ob die Margarine heute billiger werden kann oder nicht, hängt ausschließlich von der Entwicklung der Preise für die Rohstoffe ab.«

Direktor Wilhelm Hüweler von der Hamburger Margarine-Union belegt die Kalkulation mit Zahlen: Das Kilo Margarine kostet im Laden 2,44 DM. Davon bekommt der Einzelhändler 28 Pfennig, der Großhändler 12 Pfennig ("Das deckt kaum die Unkosten«, erklären die Händler.) 1,67 DM muß Hüweler allein für die Rohware bezahlen. Dann bleiben für die Fabrikation gerade noch 37 Pfennig.

Davon müssen bezahlt werden die Ueberseefrachten für die Rohstoffe, die Frachten für fertige Ware bis zum Großverteiler. Hilfsstoffe, Verpackungsmaterial, Umsatzsteuer, Löhne, Gehälter, Provisionen und Verwaltungskosten. Von diesen 37 Pfennig wollen Sanella-Hüweler und seine 79 Kollegen in den übrigen bundesdeutschen Margarinefabriken nicht heruntergehen. »Wir können einfach nicht.«

»Wie Rittershausen Margarine für 60 Pfennig verkaufen will, wo allein der Rohstoffpreis je 500 Gramm 80 Pfennig kostet, ist mir schleierhaft«, bekennt Hülweler.

Dann nennt er das Uebel an der Wurzel: Steigerung der Weltmarktpreise für Oelsaaten und Oele seit 1932. 1016 Kilo cif Sojabohnen aus der Mandschurei kosteten 1932 etwa 8 Pfund Sterling, heute 91 Pfund. Erdnußöl 32 Pfund, heute 128 Pfund. Kopra 15 Pfund, heute 77 Pfund, Kokosöl aus Ceylon damals 23 Pfund, heute 118 Pfund.

Der zweite Grund der Preisverteuerung für Margarine wird im dankbaren ERP-Deutschland nicht gern erwähnt. Die westdeutsche Industrie ist gezwungen, 20 bis 25 Prozent aller Fettimporte zu doppeltem Weltmarktpreis einzukaufen. Um ihre Landwirtschaft zu stützen, kauft die US-Regierung den Farmern die Saaten zu doppelten Preisen ab. Die Marshallplan-Länder müssen dafür tiefer in die Taschen greifen

Schließlich halten dann noch die deutschen Rapsbauern ihre Hände auf. Sie brauchen ebenfalls Subventionen. Das alles muß der Margarine-Esser bezahlen.

Im Unterausschuß »Margarinepreise« des Bundestags diskutieren schwitzend Vertreter der Gewerkschaften, Verbraucher, Verwaltung und der Industrie das fettige Thema. Gaston Wagon legte ihnen die Kalkulationen der Fabriken vor.

Noch sind die Margarine-Würfel nicht endgültig gefallen, Das »Thema Arbeiter-Butter« kommt vor das Parlament.

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